Ärzte Zeitung, 17.12.2015

Legalisierung

Pädiater lehnen Cannabis-Freigabe ab

Pädiater und Jugendpsychiater warnen vor einer Freigabe von Cannabis. Das sei ein zusätzliches Risiko gerade für junge Menschen.

BERLIN. Die Fachgesellschaften der Pädiatrie und der Kinder- und Jugendpsychiatrie warnen vor einer Freigabe von Cannabis für den nichtmedizinischen Konsum und befürworten die repressive und pönalisierende deutsche Drogenpolitik.

Die Fachverbände weisen dabei auf das besondere Risiko des Cannabis-Konsums durch Kinder und Jugendliche hin: "Ernsthafte körperliche und psychische Erkrankungen, die zur nachhaltigen Störung der altersgebundenen Entwicklungs- und Wachstumsprozesse führen."

Das Risiko für eine sehr rasche Entwicklung von Cannabis-Abhängigkeit einschließlich des Konsums harter illegaler Drogen sei bei Jugendlichen besonders groß.

Eine Legalisierung von Cannabis würde den "erfolgreichen bundesdeutschen drogenpolitischen Kurs" in der Angebots- und Nachfragereduzierung bei jungen Menschen gefährden und zugleich auch den "sichtbaren generalpräventiven Effekt des Betäubungsmittelrechts aufs Spiel setzen".

Durch das Ordnungsrecht allein - etwa einem Abgabeverbot von Cannabis an Jugendliche analog zum Verbot des Verkaufs von Zigaretten und Alkohol an diese Zielgruppe - könnten strafbewehrte Verbote nicht ersetzt werden.

Aus Sicht der Fachgesellschaften ist allein schon die legale Verfügbarkeit von Suchtmitteln entscheidend dafür, sie auszuprobieren und dann dauerhaft zu konsumieren.

Cannabis - Hauptursache in Drogenberatung von Jugendlichen

Ferner sehen die Fachgesellschaften der Pädiater und Jugendpsychiater Cannabis als Hauptursache in der Drogenberatung von Jugendlichen. Die Erfolgsquoten seien gering.

Ferner bestehe das Risiko, auf stärkere Drogen zu wechseln. Einem besonderen Risiko seien Jugendliche aus vulnerablen Schichten ausgesetzt.

Ein Vergleich der Prävalenzen des Cannabis-Konsums durch Jugendliche in Deutschland zu Ländern mit einer liberalen Drogenpolitik zeige einen deutlichen Einfluss der legalen Verfügbarkeit der Droge.

In Deutschland liege die 30-Tage-Prävalenz für 15- bis 16-jährige Jungen bei zehn Prozent, für gleichaltrige Mädchen bei vier Prozent.

In Ländern mit einer liberalen Drogenpolitik lägen diese Prävalenzen bei 26/22 Prozent (Frankreich), 17/12 Prozent (Tschechien) und 14/14 Prozent (Spanien).

Auch die Einstellung zu Cannabis, was das Gesundheitsrisiko angehe, sei von der Rechtspolitik abhängig. In liberalen Ländern werde das Risiko als gering eingeschätzt. (HL)

[17.12.2015, 16:42:20]
Sebastian Kluß 
Nicht nachvollziehbar
Keine Befürworter will kiffende Kinder und Jugendliche. Cannabis sollte nur von Erwachsenen konsumiert werden, egal ob es legal oder illegal ist. Nur kann ein aktiver Jugendschutz in maffiösen Strukturen nicht umgesetzt werden.
Der Umstieg auf härtere Drogen kann nur auf dem Schwarzmarkt passieren, wo neben Cannabis auch andere Drogen angeboten werden. Keiner zieht an einem Joint und denkt sich, "morgen nehme ich mal Crack". Aber "Hasch gibt's die Woche nicht, rauch mal das, dass macht dich auch high!" Ist ein häufiger Dialog, der Konsumenten zu harten Drogen führt.
Den "erfolgreichen bundesdeutschen drogenpolitischen Kurs" in der Angebots- und Nachfragereduzierung kann ich nicht erkennen. Die Beschlagnahme von 20kg Haschisch ist auf dem Schwarzmarkt überhaupt nicht bemerkbar.
Auch die Schlussfolgerung, dass eine liberale Drogenpolitik zu mehr (Erst-)Konsumenten führt, ist so nicht zutreffend. Frankreich z.B. hat sehr strenge Gesetze was Drogen betrifft. Doch selbst die Tatsache, dass bereits der Konsum strafbar, und mit bis zu einem Jahr Haft plus einem Busgeld von bis zu 3750€ belegt ist, schreckt scheinbar niemanden ab.
In den USA sind es in den Bundesstaaten, in denen Cannabis nach wie vor verboten und der Besitz mit drakonischen Strafen belegt ist, mehr Jugendliche die kiffen als in Deutschland.

Dass sich heute mehr Jugendliche mit Fragen oder Problemen an Beratungsstellen wenden, sehe ich als positive Entwicklung. Es gibt heute mehr Beratungsgespräche als z.B. 1997 (30-Tage-Prävalenz : 13,7/5,6). Das geht aber vor allem auf das bessere Beratungsangebot zurück. Dabei handelt es sich aber nicht immer unbedingt um Problemfälle, die es auch trotz des Verbotes gibt. zum Beitrag »
[17.12.2015, 08:07:31]
Prof. Dr. Jörg-Achim Weber 
welch schwache Argumente
Hauptargument gegen einen möglichen Konsum im Jugendalter sind die inzwischen eindeutig nachgewiesenen strukturellen Auswirkungen von Cannabinoiden auf das sich entwickelnde Gehirn. Wie schwach wirken dagegen die Argumente. Die normative Kraft des Strafrechtes ist bei Cannabiskonsumenten durch die faktische Nichtbestrafung (Einstellung) bereits seit Jahren aufgegeben. Der einzige Vorteil ist die Registrierung als Erstauffälliger mit BTM-Delikten, was bei jeder Personenkontrolle dann als Abfrageergebnis erscheint. Eine spürbare Sanktion gibt es schon lange nicht mehr und es ist auch fraglich, ob das helfen würde. Konsumenten brauchen ggf. Hilfe aber keine Strafe.
Prof. Dr. med. Jörg-A. Weber, Leipzig zum Beitrag »

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