Ärzte Zeitung, 17.05.2016

Kommentar zu Gesundheitskompetenz

Verstehen ist der Schlüssel

Von Jana Kötter

Jeder zweite Deutsche empfindet es als schwierig, Informationen zu Gesundheit und Krankheit zu finden, zu verstehen und anzuwenden: Es ist ein erschreckendes Bild, das die Studie "Health Literacy in Deutschland" zeichnet. Um die Gesundheitskompetenz des Einzelnen zu erhöhen, sind dabei auch Ärzte gefragt.

Immerhin belegt die Studie die wichtige Rolle gerade des Hausarztes: Das Gros der Studienteilnehmer nannte ihn als erste Adresse bei gesundheitlichen Problemen - vor allem wegen seiner Fachkompetenz. Damit diese Kompetenz jedoch ihre volle Wirkung entfaltet, muss sie der Arzt auch vermitteln können - einfühlsam und verständlich. Denn nur wohl begründete - und verstandene! - Informationen führen beim Patienten zu Therapietreue und damit auch -erfolg.

Das "Übersetzen" medizinischer Sachverhalte in die Sprache der Patienten muss daher Teil des Praxisalltags sein. Dafür ist wichtig, dass Ärzte nicht nur ihre Fachkompetenz, sondern auch ihre Vermittlungskompetenz auf dem aktuellsten Stand halten und immer wieder schulen.

Das mag zunächst einmal mehr Zeit erfordern - zahlt sich langfristig jedoch aus, wenn informierte Patienten im Sprechzimmer sitzen, für die auch Prävention kein Fremdwort ist.

Lesen Sie dazu auch:
Gesundheitsminister Gröhe: Ärzte müssen Patienten besser informieren

[18.05.2016, 09:15:39]
Cordula Molz 
Health Literacy..
Wie sollen Ärzte in den paar Minuten, die pro Patient zur Verfügung stehen, eine ernsthafte Aufklärung und Beratung durchführen, die als Ziel optimalerweise eine Lebensstiländerung hat? Sehr wirklichkeitsfremd - sowohl, was den Alltag in einer Arztpraxis als auch was die Vermittlung von Wissen an bis dahin möglicherweise Uninteressierte angeht. Von der Umsetzung reden wir hier noch lange nicht. zum Beitrag »
[17.05.2016, 16:09:31]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Health Literacy in Deutschland" - hypertrophe Chaos-Forschung?
Was ist eigentlich "Health Literacy"? Korrekt ins Deutsche übersetzt wäre das eine möglichst umfassende Kunde von Gesundheit. "Literacy" im engeren Sinne ist die Fähigkeit, mit basalen Kulturtechniken wie Lesen Schreiben und Rechnen umgehen zu können ["Literacy is traditionally understood as the ability to read, write, and use arithmetic"].

Der Begriff "Literacy" ist durch die moderne Sozialforschung erweitert und modernisiert worden: "The modern term's meaning has been expanded to include the ability to use language, numbers, images, computers, and other basic means to understand, communicate, gain useful knowledge and use the dominant symbol systems of a culture. The concept of literacy is expanding in OECD countries to include skills to access knowledge through technology and ability to assess complex contexts" [nach WIKIPEDIA].

Damit ist die "Gesundheitskunde" als umfassendes Schul- und lebenslanges Lern-Fach zu Sprach-, Zahlen-, Bilder-, Computer-, Verständnis-, Kommunikations- und Semiotik-Wissenschaften hochstilisiert worden, um technologischen Wissenserwerb und Verständnis komplexer Zusammenhänge zu erreichen.

Mit diesem wissenschaftstheoretisch völlig überladenen "Wasserkopf" wollen sich Medizin-, Krankheits- und Versorgungs-bildungsferne sozialwissenschaftliche Experten/-innen als Gesundheitsforscher und Gesundheitswissenschaftler profilieren und über ihren neuen Wissenszweig Alleinstellungsmerkmale und weiteres Herrschaftswissen aufbauen.

Was hat das alles mit der medizinischen Profession, mit Ärztinnen und Ärzten oder mit unseren Patienten/-innen in Klinik, Forschung und Praxis zu tun?
Unser humanmedizinisches "Kerngeschäft" mit Krankheiten bzw. Krank-Sein unserer Patienten über Anamnese, Untersuchung, Differenzial-Diagnosen, Beratungen, multidimensionalen Therapien, Palliation, privat- und vertragsärztlicher Praxis, Krankenhäuser und Universitäten wurde und wird von allen Vertretern der alleinigen Aspekte "Gesundheit" und „Gesundbeten“ falsch eingeschätzt.

Das DIMDI (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information) beschreibt einige zehntausend Krankheitsentitäten nach der Internationalen ICD-10-GM-Nomenklatur: Nach ICD-Diagnosen-Thesaurus, Version 4.0, wurden ca. 31.200 beschrieben. Die aktuelle Version der ICD-10 GM 2014 listet in seiner Systematik ca. 13.400 endständige Kodes auf und verfügt in seinem ICD-10 Alphabet über ca. 76.900 Einträge in der EDV-Fassung. https://www.dimdi.de/static/de/klassi/faq/icd-10/allgemein/faq_0008.htm_319159480.htm

Unsere Kernkompetenz sind die Zehntausenden von Krankheitsentitäten, die ambulanten/stationären Pharmako- und Physiotherapien, Heilbehandlung, Operationen, Injektionen/Infusionen, Kuren, Minimalinterventionen oder Hybrid-OPs: Bei Herz- und Hirn-Infarkten, ACS, Herzfehlern, Aneurysma, Miss- und Fehlbildungen, Lungenembolien, akutem Abdomen, eingeklemmten Hernien, KHK, systolischen/diastolischen/pulmonalen Hypertonien, Hyperlipidämien, PAVK, Mesenterialinfarkten, Tumorkrankheiten, Kachexie und Marasmus, zerebralen Krampfanfällen, Gallenstein- und Nierensteinkoliken, entgleisten Typ-1 und 2-Diabetes Krankheiten und Komplikationen, Addison-Krisen, Thyreotoxikosen, Nierenversagen, dekompensierter Herzinsuffizienz, Infektionen mit Viren/Bakterien/Pilzen/Parasiten oder chronischen Schmerzen.

Dagegen ist das angeblich so erschreckende Bild, das die Studie "Health Literacy in Deutschland" zeichnet, eher einer durchaus eigennützigen Chaos-Forschung entlehnt.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »
[17.05.2016, 12:19:34]
Dr. Henning Fischer 
"...zahlt sich langfristig jedoch aus..."

apropos "zahlen": nach offizieller Aussage der KVWL zahlen die Krankensparkassen derzeit 62% der geleisteten Arbeit.

Wen wundert's, daß da die Ärzte wegbleiben und vieles nicht so läuft wie es könnte
 zum Beitrag »
[17.05.2016, 10:18:06]
Dr. Michael Kirsch 
Die Kommentatorin ist eben so "kenntnisreich" wie unser Gesundheitsminister
"Das mag zunächst einmal mehr Zeit erfordern - zahlt sich langfristig jedoch aus."

Beide reden am System der Gesundheitsversorgung in Deutschland total vorbei.

Es stimmt natürlich, bessere Aufklärung kann mündigere Patienten schaffen. Mündige Patienten können mehr Prophylaxe wahrnehmen und gesünder sein. Können! Denn gesichert ist das nicht. Die Ärzte sind wahrlich gut genug aufgeklärt aber leben keinesfalls gesünder als andere Berufsgruppen, in Gegenteil!

Eine gute Aufklärung braucht bei mindestens 90% der Patienten viel Zeit, dass ist sicher. Wenn Herr Größe anderes glaubt, kann er sich gern mal in irgendeine Praxis setzen, um zu sehen, wovon er redet. Gut informierte Patienten, die mit entscheiden wollen, was prinzipiell zu begrüßen wäre, erfordern mehr Gesprächsintensität und -zeit als die, die einfach machen, was man ihnen sagt. Wer das leugnet hat keine Ahnung von unserer Arbeit!

Ganz gleich ,was man ideologisch wollen mag, kann muss muss die Realität auch gelegentlich zur Kenntnis nehmen. Was die Politiker nicht gern sehen, die haben das Gesundheitswesen einer Diktatur der Ökonomie umsteigen, die die Arbeit immer unbefriedigender macht und die Versorgung der Patienten immer schlechter.

Die Ärzte müssen von ihrer Arbeit leben und Gewinn mit der Praxis machen. Das System ist eindeutig darauf ausgelegt, mit möglichst wenig Aufwand viel Patienten durchzuschleusen. Das ist der unweigerliche Effekt der sehr knappen Budgetierung, die explizit zur Verhinderung einer Leistungsausweitung der Ärzte konzipiert worden hat.

Her Gröhe fordert also unbezahlte Mehrarbeit, die er und seine Vorgänger per Gesetz unterbinden wollten und für uns Ärzte ökonomisch praktisch unmöglich machten.
Das das Gesundheitswesen noch relativ gut ist, liegt an den Engagement und dem Ethos der Ärzte, die trotz der widrigen Umstände gute Arbeit machen wollen, auch wenn diese nicht angemessen und zu einem großen Teil gar nicht bezahlt wird.

Gut, unser Gesundheitsminister ist Politiker und seine Aufgabe ist es nicht, zu wissen, wovon er redet. Aber von der Kommentatorin einer Ärztezeitung erwarte ich das schon.

Ob Frau Kötter wohl erklären kann, wo und wie es sich für mich auszahlen sollte, wenn ich dauerhaft mehr und intensivere aber unbezahlte Arbeit habe?

Ich bin Arzt und das mit Begeisterung. Aber ich muss auch Geschäftsmann sein, wenn ich meine Angestellten bezahlen und meine Familie ernähren will.

Wo also zahlt sich etwas für mich aus, das mir dauerhaft mehr Arbeit und finanziellen Verlust beschert?  zum Beitrag »

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