Ärzte Zeitung, 30.06.2016

Europa-Statistik

Zwei von drei Europäern hätten länger leben müssen

Die meisten Menschen in Europa sterben früher als sie bei optimaler Prävention oder Therapie müssten. Das sagt eine Studie von Eurostat. Für Deutschland ist noch deutliche Luft nach oben.

Ein Leitartikel von Robert Bublak

Zwei von drei Toten hätten länger leben können

Wie gut verhindern Gesundheitssysteme in der EU einen vorzeitigen Tod? Eurostat hat dies untersucht. Das Ergebnis: Zwei von drei Toten hätten länger leben können.

© gertrudda / Fotolia

MÜNCHEN. Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn es hochkommt, sind es achtzig" - so ist es im Psalm 90 zu lesen.

In biblischer Zeit mag man sich mit solch groben Schätzungen zur Lebenszeit zufriedengegeben haben. Doch beim Statistischen Amt der Europäischen Union ist mit derlei vagen Angaben kein Durchkommen.

Die Statistiker von Eurostat wollen es in Fragen von Leben und Tod ganz genau wissen. Im Zuge einer Studie, deren Ergebnisse jüngst öffentlich geworden sind, haben sie nun herausgefunden, dass das Leben vieler Europäer jedenfalls nicht lange genug währt. Unterlegt haben sie dies mit Zahlen aus dem Jahr 2013.

In diesem Jahr starben in der Europäischen Union insgesamt 1,7 Millionen Menschen in einem Alter von unter 75 Jahren.

Laut Auskunft von Eurostat sind davon 577.535 Sterbefälle (33,7 Prozent) insofern als vorzeitig zu betrachten, als sie mit dem vorhandenen medizinischen Wissen und den existierenden technischen Möglichkeiten hätten vermieden werden können.

In Deutschland hätten danach 91.867 Menschen nicht sterben müssen, wären sie medizinisch optimal versorgt worden. Gemessen an allen Todesfällen von unter 75-Jährigen bedeutet das einen Anteil der medizinisch vermeidbaren Fälle von 31,4 Prozent.

Das ergibt den sechsten Platz hinter Spanien (31,3 Prozent), den Niederlanden (29,1 Prozent), Belgien (27,5 Prozent), Dänemark (27,1 Prozent) und dem Spitzenreiter Frankreich (23,8 Prozent). EU-Schlusslicht auf Position 28 ist Rumänien mit einem Anteil von 49,4 Prozent vermeidbarer Todesfälle.

Beispiel Diabetes mellitus: Vermeidbare Todesursache

Für die Berechnungen hat Eurostat eine Expertenarbeitsgruppe eingesetzt. Sie hat eine Liste von Krankheiten aufgestellt, an denen man bis zu einem bestimmten Alter - optimale Therapie vorausgesetzt - mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht sterben müsste.

Ein Beispiel ist Diabetes mellitus als Todesursache von Menschen unter 50 Jahren. Rechtzeitige medizinische Versorgung nach dem Stand der Wissenschaft wird hier mit hoher Wahrscheinlichkeit den Tod durch diabetische Komplikationen verhindern. Durch Diabetes verursachte Todesfälle bei unter 50-Jährigen werden daher als medizinisch vermeidbar klassifiziert.

Im Unterschied dazu halten die Eurostat-Experten den Nutzen einer Diabetestherapie für über 50-Jährige mit Blick auf die Vermeidung eines frühen Todes für weniger gesichert. Diabetestote in dieser Gruppe sind demgemäß nicht als vermeidbar anzusehen.

Angeführt wird die Liste der vermeidbaren Todesursachen in Europa von der ischämischen Herzkrankheit (184.802 vermeidbare Todesfälle), gefolgt von Schlaganfällen (93.852), Darmkrebs (66.983), Brustkrebs (50.837), Bluthochdruck (28.710) und Lungenentzündungen (24.090).

Für das oben angeführte Beispiel des Diabetes mellitus verzeichnet die Statistik für das Jahr 2013 übrigens 2190 medizinisch vermeidbare Todesfälle. Todesfälle durch Krankheiten, die jedenfalls laut Eurostat medizinisch vermeidbar gewesen wären, stellen aber nur einen Teil der generell unnötigen Sterbefälle dar.

"Krankheiten, die gar nicht erst hätten entstehen sollen"

Hinzu kommen noch jene, die auf Krankheiten zurückgehen, die gar nicht erst hätten entstehen sollen. In diese Kategorie fallen vor allem Neoplasmen der Trachea, der Bronchien und der Lunge (167.343), Verletzungen durch Unfälle (118.604) und alkoholbedingte Gesundheitsstörungen (73.716).

Hier spielt weniger die medizinische Versorgung eine Rolle, entscheidend sind vielmehr Maßnahmen der öffentlichen Gesundheit, etwa konsumverändernde Eingriffe bei Tabak und Alkohol oder Vorschriften zur Unfallverhütung.

In der Summe kommen die Mitarbeiter von Eurostat für 2013 auf etwa 1,2 Millionen vermeidbare Todesfälle. Gut zwei Drittel der damals rund 1,7 Millionen gestorbenen unter 75-Jährigen hätten also nach diesen Berechnungen weiterleben können.

Gegen diese Art von Kalkulationen mag man berechtigte Einwände vorbringen, denn naturgemäß haftet den Ausgangsannahmen eine gewisse Willkür an. Im Kern handelt es sich aber darum, die Leistungsfähigkeit von Gesundheitssystemen zu bewerten und zu vergleichen. Sterblichkeitsindikatoren wie jener der vermeidbaren Todesfälle liefern dafür durchaus brauchbare Hinweise.

Für Deutschland etwa ließe sich daraus schließen, dass sich die Leistungsfähigkeit des Gesundheitswesens im Vergleich zu europäischen Nachbarnationen noch steigern ließe. In den Bemühungen, jedem Menschen sein Leben so lange und so gut wie möglich zu erhalten, sollte jedenfalls manches Mittel recht sein, und sei es die Statistik.

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