Ärzte Zeitung, 20.05.2016

Psychiatrie

"Home Treatment kann eine sinnvolle Ergänzung sein"

Die Vergütung stationärer psychiatrischer Leistungen orientiert sich künftig stärker an GBA-Qualitätsvorgaben, an Leitlinien und der Einhaltung von Personalstandards - das schreibt das neue PEPP vor. Dr. Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, erklärt im Interview, was er davon hält.

Das Interview führte Anne Zegelman

Psychiatrie

Psychiatriestation: Die Eckpunkte des Pauschalisierten Entgeltsystems stehen nach langem Streit.

© Armin Weigel/ dpa

Ärzte Zeitung: Ende Februar wurden die Eckpunkte des Pauschalisierten Entgeltsystems für Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP) vorgestellt - nach langem Streit und mit einer kompletten Neuausrichtung. Wie glücklich sind Sie mit dem Ergebnis?

Dr. Dietrich Munz

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© Kay Funke-Kaiser

Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer

Studium in Trier und Tübingen

Psychologischer Psychotherapeut

Dr. Dietrich Munz: Unsere wesentliche Forderung für die Neuausrichtung des Psych-Entgeltsystems wurde in den Eckpunkten aufgegriffen. Dazu gehört insbesondere die Festlegung verbindlicher Personalstandards für eine leitlinienorientierte Versorgung in Psychiatrie und Psychosomatik.

Diese legen den Grundstein dafür, dass die vor allem psychotherapeutische Weiterentwicklung der Versorgung psychisch kranker Menschen über 25 Jahre nach Inkrafttreten der Psychiatrie-Personalverordnung endlich auch in der stationären Versorgung umgesetzt werden kann.

Künftig soll ein Vergleich der Krankenhäuser als Transparenzinstrument dienen. Ist dies in Ihren Augen der richtige Weg?

Munz: Das wird ganz darauf ankommen, wie der Krankenhausvergleich ausgestaltet werden wird. Ein erklärtes Ziel in den Eckpunkten ist es, die Personalausstattung in Psychiatrie und Psychosomatik zu verbessern. Der Krankenhausvergleich darf deshalb nicht auf der Basis der mittleren Durchschnittskosten vergleichbarer Krankenhäuser ausgestaltet werden.

Wir wissen, dass es große Unterschiede zwischen den Einrichtungen in Bezug auf die Höhe der bisher verhandelten Budgets gibt, die sachlich nicht zu begründen sind. Die Orientierung an Vergleichswerten, die sich aus defizitären Durchschnitts- oder IST-Daten für die Personalausstattung ableiten, wäre deshalb schädlich.

Vielmehr sollte der Krankenhausvergleich personalbedarfskonforme Vergleichswerte zur Verfügung stellen, die es auch den Krankenhäusern mit historisch eher niedrigen Budgets ermöglichen, die notwendigen Mittel für eine ausreichende Personalausstattung zu verhandeln.

Welche Erwartungen haben Sie an die Mindestvorgaben für die personelle Ausstattung der stationären Einrichtungen, mit der der GBA beauftragt wurde?

Munz: Wir erwarten, dass der GBA verbindliche Mindestanforderungen für eine leitlinienorientierte Versorgung erarbeitet. Wir begrüßen es, dass der Leitlinienbezug als Grundlage für die Ableitung des Personalbedarfs in den Eckpunkten so ausdrücklich benannt wird.

Damit werden die Voraussetzungen geschaffen, die Versorgung psychisch kranker Menschen in den stationären Einrichtungen zu verbessern und dem aktuellen wissenschaftlichen Behandlungsstandard anzupassen. Hierzu gehört insbesondere auch eine stärker psychotherapeutisch orientierte Behandlung.

Stichwort Home-Treatment: Wie sinnvoll ist die Idee einer Krankenhausbehandlung ohne Bett? Verschiedene Programme sind ja bereits in der Versorgung etabliert.

Munz: Home-Treatment kann eine sinnvolle Ergänzung des bisherigen Behandlungsangebots insbesondere für schwer psychisch kranke Menschen sein.

Es muss allerdings klar definiert werden, welche Patienten - zum Beispiel in Bezug auf die Diagnose und den Grad der Beeinträchtigung - mit welchen Leistungen, durch welche Berufsgruppen und mit welchem Behandlungsziel versorgt werden sollen.

Ansonsten besteht die Gefahr, dass das Home-Treatment letztlich nur eine weitere Öffnung der Krankenhäuser für die ambulante Versorgung darstellt.

[20.05.2016, 09:57:11]
Dr. Peter Lorenz 
Psychiatrie
„Das Home-Treatment letztlich (als) nur eine weitere Öffnung der Krankenhäuser für die ambulante Versorgung“ zu befürchten ist der Sache nicht dienlich. Die Zukunft der Psychiatrie gehört der Behandlung von Anpassungsstörungen durch Nutzung der neuronalen Plastizität des Gehirns ohne gerichtlich oder iatrogen bedingte zusätzliche Stressfaktoren wie Freiheitsentzug, Stigmatisierung oder schikanöse „Lockerungen“. zum Beitrag »

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