Ärzte Zeitung, 17.09.2012

Gesundheitsweise Gerlach

"Selektivverträge sind noch nicht ausgereizt"

Für Geduld mit der baden-württembergischen Kombination von Hausarzt- und Facharzt-Verträgen plädiert der Gesundheitsweise Ferdinand Gerlach. Das Potenzial sei noch lange nicht ausgeschöpft.

Von Raimund Schmid

"Selektivverträge sind noch nicht ausgereizt"

Haus- und Fachärzte werden in Baden-Württemberg für eine koordinierte Versorgung zusammengebracht.

© [M] Michaela Illian / Klaus Rose

FRANKFURT/MAIN. Die Potenziale des Selektivvertrages zwischen Hausärzteverband, Medi und AOK Baden-Württemberg sind noch lange nicht ausgeschöpft.

Davon zeigt sich Professor Ferdinand Gerlach aus Frankfurt überzeugt, der an der ersten Evaluation des Vertrages zur hausarztzentrierten Versorgung mit beteiligt gewesen ist.

Viele Effekte wie etwa die Senkung der Arzneimittelkosten oder weniger Facharztkontakte ohne Überweisungen könnten sich weiter verstetigen, prognostiziert Gerlach in einem Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Auch weitere Auswirkungen könnten aufgezeigt werden.

Dazu zählen zum Beispiel die Klinikeinweisungen, die nach den Daten der Ende April dieses Jahres gemeinsam mit der Heidelberger Arbeitsgruppe von Professor Joachim Szecsenyi vorgestellten ersten Auswertung nicht abgenommen haben.

Klinikeinweisungen sind noch nicht untersucht

Gerlach hält es für wahrscheinlich, dass in der ersten Evaluationshase, für die die Zeiträume des dritten und vierten Quartals 2008 mit den gleichen Quartalen 2010 verglichen wurden, noch nicht alle Effekte messbar waren.

Natürlich müssten sich erst einmal die Patienten und vor allem auch die Hausärzte auf die sich neu ergebenden Möglichkeiten und Anforderungen einstellen. Dies benötige Zeit, weil ein solch komplexes Vertragsgebilde nur schrittweise umgesetzt werde.

Nach den Trendzahlen der AOK Baden-Württemberg aus dem Jahr 2011 zeichne sich aber ab, dass durch die hausarztzentrierte Versorgung (HZV) auch die Zahl der Klinikeinweisungen durch Hausärzte zurückgeht.

Dieser Effekt könnte sich in den nächsten Jahren verstetigen, mutmaßt Gerlach. Das entspricht allerdings auch den Erwartungen der AOK, die den Posten "Vermiedene Krankenhausausgaben" bereits mit eingepreist hat. Unter anderem damit soll der Vertrag mittelfristig refinanziert werden.

Dies trifft in noch stärkerem Maße für die vom Hausarzt verursachten Arzneimittelkosten zu, die bereits bei der ersten Evaluation für Gerlach zu den erwünschten Ergebnissen (Arzneikostensenkung um 2,5 Prozent, Absinken des Anteils der Me-too Präparate um 23,5 Prozent) geführt haben.

Aus drei Gründen falle dieser Effekt aber wahrscheinlich noch deutlich größer aus. Zum einen seien die Einsparungen sehr konservativ berechnet, um sich nicht von vornherein angreifbar zu machen.

Zum anderen müssten noch die ganz erheblichen Einsparungen durch die Rabattarzneimittel eingerechnet werden, deren genaues Ausmaß und Höhe aber nicht bekannt sind.

Und schließlich dürfe auch die in Baden-Württemberg etablierte Rabattampel in der Praxis-EDV nicht außer Acht gelassen werden, mit der wohl weitere überdurchschnittliche Einspareffekte generiert würden.

VERAH macht große Hoffnungen

Optimierungsspielraum sieht der Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Universität Frankfurt aber auch mit Blick auf die Zahl der "Arztkontakte".

Diese sei "möglicherweise immer noch zu hoch", auch wenn bei der ersten Evaluation die Effekte (Steigerung der Hausarztkontakte um 38 Prozent, Absinken der Facharztkontakte ohne Überweisung um 12,5 Prozent) erst einmal in der von den Initiatoren erhofften Weise eingetreten sind.

Die Erhöhung der Arztkontakte beim Hausarzt sei gesundheitspolitisch durchaus erwünscht, weil im Vertrag überdurchschnittlich viele alte, multimorbide und chronisch kranke Versicherte eingeschrieben sind.

Da sei es nur gut, wenn der Hausarzt als zentraler Betreuer und Koordinator im Schnitt pro Halbjahr fast siebenmal aufgesucht wird, während Nicht-HZV-Versicherte ihren Hausarzt im Halbjahr weniger als viermal aufsuchen. Die Quote der Facharztbesuche ohne Überweisung sollte weiter sinken, so Gerlach

Überzeugt zeigt er sich auch davon, das künftig die Versorgungsassistentin in der HZV-Hausarztpraxis (VERAH) eine noch größere Rolle als bislang spielen wird.

Gerlach: "Das große Potenzial der VERAH in der Betreuung chronisch Kranker und als wirksame Entlastung für den Hausarzt wird auch in den Selektivverträgen immer noch unterschätzt."

[18.09.2012, 08:37:43]
Dr. Karlheinz Bayer 
ven welcher Qualität ist eine derartige Evaluation des HzV?

Ein Gesundheitsweiser ist also Herr Ferdinand Gerlach. mag ja sein, daß er etwqas von Gesundheit versteht. Aber versteht er auch etwas von Evaluation?
EVALUATION heißt ANALYSE aufgrund der DATENLAGE und daraus BEWERTUNG.
Nun, wir Ärzte in und außerhalb des HzV warten darauf, ob die Versprechungen, die sich MEDI, HÄV und AOK von dem HvV erwartet haben auch erfüllt werden. Genau dazu soll ja die Evaluation gut sein.
Jetzt kommt statt der Evaluation wieder nur ein riesiges Bündel an Sprechblasen: "das GROSSE Ptentezial wird IMMER NOCH unterschätzt", "KÜNFTIG wird vieles eine noch größere Rolle spielen", "es gäbe einen OPTIMIERUNGSSPIELRAUM für die Arztkiontakte", "Effekte könnten VERSTETIGT werden in den nächsten Jahren" ...
Ist das noch Evaluation oder nicht schon wieder ein Teil, abgeschrieben aus der Broschürenwerbung? Es geht doch einzig und allein darum, ob sich der HzV rechnet und ob die medizinische Versorgung besser wird.
Im ersten Teil der Evaluation hatte sich bereits "angedeutet" daß die Papierform der Chroniker bei den HzV-Ärzten keineswegs besser ist als bei den Nichteingeschriebenen. Das wurde mit der nirgendwo bewiesenen Annahme der höheren Zahl besonders schwer Kranker erklärt. Jetzt stellt sich womöglich beim zweiten Teil der Evalutation heraus, daß die Krankenhauseinungen in beiden Gruppen statistisch nicht sonderlich abweichen.
Bleibt allein die Senkung der Fachaerztüberweisungen - und die ist in erster Linie das Übel am HzV, weswegen die 3/4-Mehrheit der Ärzte den Selektivverträgen nicht beigetreten ist. Ganz abgesehen davon muß man erst noch erklären, wie der Spagat gelingen soll, künftig auch Selektivverträge bei Fachärzten anstreben zu wollen, wenn es das erkjlärte Ziel der Kassen ist, die refinanzierung gerade auf diesem Sektor zu erreichen.
Vermutlich täte die AOK gut daran, endlich wieder Frieden zu schließen mit den nicht-HzV-Ärzten und mit den Fachärzten.
Vermutlich ist genau das auch das Ergebnis der Evaluation, welches jetzt von Herrn Gerlach so interpretiert wird, wie man es von einem Weisen eigentlich anders erwartet hätte.

Dr.Karlheinz Bayer, Bad Peterstal zum Beitrag »

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