Ärzte Zeitung, 10.05.2013

Novelle im Südwesten

HzV 2.0 mit mehr Leistungen

Der Südwesten trotz den gesetzlichen Restriktionen: Die AOK in Baden-Württemberg baut ihren Hausarztvertrag aus - mit höheren Pauschalen, neuen Leistungen für Heimbewohner und chronisch kranke Patienten. Für Schwarz-Gelb gibt es einen Rüffel.

Von Florian Staeck

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Das VERAHmobil soll die HzV beweglich machen. Dr.Bertold Dietsche (Hausärzteverband), Dr. Christopher Hermann (AOK Baden-Württemberg) und Dr. Werner Baumgärtner (Medi) präsentierten das Fahrzeug in Stuttgart.

© Thomas Wagner/AOK

STUTTGART. Der bundesweit erste Vollversorgungsvertrag nach Paragraf 73 b SGB V wird fünf Jahre nach seinem Start grundlegend erweitert.

Der überarbeitete Hausarztvertrag von AOK Baden-Württemberg, Hausärzteverband und Medi verstehe sich als Antwort auf die Herausforderung, "dass wir immer mehr chronisch Kranke mit immer weniger Hausärzten versorgen müssen", sagte Medi-Chef Dr. Werner Baumgärtner am Mittwoch in Stuttgart.

Dabei sparten die Vertragspartner nicht mit Kritik an der Bundesregierung. Zwar habe sich Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr 2012 die Hausarztzentrierte Versorgung vor Ort angesehen.

"Der Lernerfolg ist aber ausgeblieben", sagte AOK-Vorstandschef Dr. Christopher Hermann mit Blick auf die gesetzliche Vorgabe, wonach HzV zeitnah Mehrausgaben refinanzieren müssen.

Die Vertragspartner reagieren mit ihrer Novelle nach eigenen Angaben auf neue Herausforderungen. So sei die bisherige Vergütungsregelung für Heimbesuche "unbefriedigend" gewesen, sagte Hausärzteverband-Chef Dr. Bertold Dietsche.

Daher wurde eine neue Pauschale für die Versorgung von HzV-Patienten vereinbart, die im Pflegeheim leben und dort behandelt werden. Einmal im Quartal könnten teilnehmende Hausärzte dafür eine Pauschale von 15 Euro abrechnen.

Ab 2014 will die AOK auch das besonders intensive, hausarztbasierte Fall-Management von chronisch kranken, multimorbiden Patienten gesondert vergüten. Wissenschaftler der Universität Heidelberg hatten dazu die Versorgungsdaten von 2000 HzV-Versicherten untersucht.

Neues Angebot für junge Erwachsene

Es habe sich gezeigt, so Hermann, dass durch eine sehr enge Begleitung dieser Patienten "die Hospitalisierungsrate gesenkt werden kann". Die Betreuung dieser Klientel durch den Hausarzt und die Versorgungsassistentin VERAH soll mit 80 Euro je Fall und Quartal vergütet werden, hieß es.

HzV 2.0: neue Leistungen

Heimversorgung: Pauschale von 15 Euro für eingeschriebene Heimpatienten pro Quartal

Fallmanagement bei chronisch multimorbiden Patienten: 80 Euro je Quartal für Hausarzt und VERAH

Mobilitätsprogramm: bis zu 1000 Dienstwagen für VERAH

Koordination: Zuschlag für Patienten im 73c-Vertrag

Mit einer zusätzlichen Honorierung soll die Koordinationsarbeit von Hausärzten gewürdigt werden, die sich durch das Zusammenspiel von Haus- und Facharztverträgen ergibt.

Der Hausarzt erhält einen Zuschlag von vier Euro auf die kontaktunabhängige Pauschale P1 für HzV-Patienten, die auch im AOK-Facharztprogramm eingeschrieben sind. Das betrifft zurzeit 160.000 Versicherte. Deren Zahl steigt derzeit stark.

Eine Lücke in der Regelversorgung schließen will der AOK-Vertrag mit einem Gesundheitscheck für Versicherte von 18 bis 34 Jahren. In der Regelversorgung im GKV-System wird ein solcher Check erst Versicherten ab 35 Jahren angeboten.

Für Anamnese und individuelle Gesundheitsberatung erhalten Hausärzte eine einmalige Pauschale von 40 Euro bei Einschreibung dieser jungen Versicherten in die HzV. Damit werde "bundesweit Neuland" betreten, sagte Hermann.

Weitere Elemente der als "HzV 2.0" bezeichneten Vertragsnovelle sind ein auf drei Euro erhöhter Impfzuschlag sowie veränderte Quoten, die einen Bonus bei wirtschaftlicher Verordnung auslösen.

Ziel sei es, dass mehr Hausärzte als bisher die erforderlichen Quoten erreichen können. Dies steigere die Motivation der Hausärzte, "möglichst wirtschaftlich zu verordnen ohne Einschränkung der Therapiefreiheit oder Qualitätsverlust", so Medi-Chef Baumgärtner.

Lesen Sie dazu auch:
HzV im Südwesten: Mobilitäts-Offensive für VERAH

[14.05.2013, 10:11:47]
Anne C. Leber 
Leserzuschrift von Dr. Guido Hegele
Ich glaube zwar auch als Nichtteilnehmer, dass für die Kollegen im HzV-Vertrag der AOK einige wenige Euro mehr übrig bleiben, gebunden an allerlei Einschränkungen, die an diese Systematik gebunden sind (Erreichen bestimmter Margen, vorgeschriebene Fortbildungen, Pauschalierungen, bestimmte Öffnungszeiten etc.). Es gibt eine Reihe von Kollegen, die regelmäßig mit der Software Probleme haben und Kollegen, wie selbst erlebt, die wieder zurück ins KV-System wollen ob der Übermacht der AOK. Seit Jahren steigt die Anzahl der HzV-Praxen nicht mehr (aktuell 3500 mit 1,1 Millionen Versicherten, welche in Vakanzzeiten von den „Restärzten" betreut werden). Als großer Erfolg wird der Zuschlag für Besuche bei Altenheimpatienten verkauft. Freilich gibt es diese Pauschale auch schon im KV-System mit 12,50 Euro (statt 15 Euro bei HzV). Von dem Ziel, dass durch den HzV-Vertrag Einsparungen zu erzielen sind, sind die Vertragspartner schon längst abgekommen. Es muss immer mehr draufgesattelt werden, um den Abstand zur KV-Vergütung zu wahren: hier ein Zuschlag, da ein Euro. Es ist wie beim Wurstzipfel erhaschen. Von „Bierdeckelabrechnung" keine Spur zu sehen. Eine neue Geldwertschöpfung geschieht über den Dienstleister HÄVG. Es mutet nicht nur mir sehr befremdlich an, andauernd den Vorsitzenden des Hausärzteverbandes, den Vorsitzenden von MEDI und den Vorsitzenden der AOK quasi als Triumvirat im Sinne einer heiligen Dreifaltigkeit auf den Fotos zu sehen. Ob die Streikaufrufe des MEDI-Vorsitzenden von der AOK abgesegnet waren? Für meine Wahrnehmung ist die Distanz zur allmächtigen AOK viel zu klein für ein eigenständiges Agieren.
Dr. Guido Hegele, Allgemeinarzt aus Heuchlingen  zum Beitrag »

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