Ärzte Zeitung online, 05.08.2008

Private Pflegedienste kritisieren Hürden für Palliativversorgung

BERLIN (ble). Nach der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin und dem Deutschen Hospiz- und Palliativverband übt auch der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste Kritik an den Rahmenempfehlungen der Kassen zur spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV).

Foto: Grünenthal

Die Empfehlungen sind Grundlage für Verträge zwischen den Kassen und Leistungserbringern (wir berichteten). Nach Ansicht von Bernd Tews, Geschäftsführer des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste, haben die Kassen mit den Qualifikationsanforderungen an die Pflegenden in der SAPV deutlich überzogen.

Die in den Empfehlungen vorgesehenen persönlichen Zulassungshürden für Pflegefachkräfte gefährdeten die baldige Bereitstellung der Sterbebegleitung, so Tews. So müssen Pflegefachkräfte zur Erbringung der SAPV über die Erlaubnis zur Führung einer entsprechenden Berufsbezeichnung nach dreijähriger Ausbildung und wie Ärzte über eine Palliative-Care-Weiterbildung im Umfang von mindestens 160 Stunden verfügen. Zusätzlich müssen sie eine mindestens zweijährige praktische Tätigkeit als Pflegefachkraft in der Betreuung von Palliativpatienten in den letzten drei Jahren sowie eine mindestens sechsmonatige Mitarbeit in einer spezialisierten Einrichtung der Hospiz- und Palliativversorgung nachweisen.

„Diese Anforderungen sind überzogen und stehen einer flächendeckenden Umsetzung des gesetzlichen Leistungsanspruches auf spezialisierte ambulante Palliativversorgung deutlich entgegen“, meint Tews. „Solche Pflegefachkräfte gibt es gegenwärtig kaum. Selbst wenn die Möglichkeit bestünde, heute mit dieser Qualifizierung zu beginnen, würden mindestens drei Jahre vergehen, bis die Fortbildung und Berufserfahrung erreicht wäre“, so Tews weiter.

Da die Kassen in ihren Empfehlungen keine Übergangsfrist verankert haben, stünden damit über Jahre als Vertragspartner der Kassen nur entsprechend qualifizierte Ärzte zur Verfügung.

Zufrieden zeigte sich Tews dagegen damit, dass die Kassen als Leistungserbringer nicht die sogenannten Palliative-Care-Teams (PCT) vorsehen. Nach den Empfehlungen kommen als SAPV-Leistungserbringer nur Ärzte oder Pflegefachkräfte als Einzelpersonen in Betracht, auch wenn sie sich am PCT-Konzept orientieren und mit anderen Berufen vernetzt agieren sollen. „Gerade schwerstkranke Sterbende und deren Angehörige brauchen vertraute, ihnen bekannte Ärzte und Pflegekräfte und nicht weitere Experten in ihrer Intimsphäre“, freut sich Tews.

Bislang standen die bundesweit bereits existierenden circa 60 PCTs für das Konzept der SAPV Pate. Ihre Zahl sollte auf bis zu 330 Teams erhöht werden. Das wäre ein Team auf rund 250 000 Einwohner.

Nach Ansicht von Professor Friedemann Nauck, Direktor der Abteilung Palliativmedizin der Universitätsmedizin Göttingen der Georg-August-Universität, sollte sich das Honorar der SAPV-Leistungserbringer aus mehreren Töpfen zusammensetzen: Neben einer Grundpauschale für kontinuierliche Ausgaben, wie Räumlichkeiten, 24-Stunden-Bereitschaft und ein Auto, fordert Nauck zusätzliche Vergütungen je nach dokumentierter Leistung, außerdem ein Extrabudget, mit dem das Engagement weiterer an der Betreuung beteiligter Personen, etwa von Hausärzten, honoriert werden kann.

Denn die SAPV kann und sollte nach Ansicht von Nauck, der selbst ein PCT leitet, die Versorgung von Sterbenskranken nicht komplett übernehmen. Aufgabe der Spezialisten sei, die anderen Berufsgruppen in der Betreuung zu unterstützen, sich dann wieder zurückzuziehen und bei kritischen Situationen auf Abruf bereitzustehen.

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