Ärzte Zeitung, 14.10.2008

Hintergrund

"Jeder Arzt sagte etwas anderes" - Wie eine Journalistin den Tod ihres Mannes erlebte

Vor viereinhalb Jahren verlor sie ihren Mann an Krebs: 112 Tage lebte die Wissenschaftsjournalistin Petra Thorbrietz zwischen Hoffnung, Wut, Verzweiflung - bis schließlich ihr unheilbar an Lungenkrebs erkrankter Mann János nach langem Leid starb.

Von Raimund Schmid

"Jeder Arzt sagte etwas anderes" - Wie eine Journalistin den Tod ihres Mannes erlebte

In ihrem Buch hat die Journalistin Petra Thorbrietz ihre Erfahrungen mit dem Tod ihres Mannes verarbeitet.

Foto: Zabert Sandmann Verlag

In dieser Zeit wurde sie mit all dem konfrontiert, worüber sie in vielen Jahren als Journalistin immer wieder geschrieben hat: den Ungerechtigkeiten im medizinischen System und dem Ausgeliefertsein an einen Gesundheitsbetrieb, in dem zum Teil unmenschlich mit sterbenden Menschen umgegangen wird, obwohl es durchaus andere - palliativmedizinisch ausgerichtete  -  Ansätze gäbe.

Um die Gesellschaft und auch die Ärzteschaft aufzurütteln, schrieb Petra Thorbrietz ein Buch mit dem Titel "Leben bis zum Schluss". Ihre Eindrücke über die letzte Lebensphase ihres Mannes, das allmähliche Abschiednehmen und über die Phase des Sterbens trug die Journalistin nun auch beim 7. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin in Wiesbaden vor. Dabei gestand sie offen ein, dass sie zwar als Medizinjournalistin vieles über medizinische und bioethische Fragen gewusst hatte, der Situation dann aber doch "völlig hilflos" gegenüber stand.

So sei sie in einer Münchner Universitätsklinik weder über Behandlungsoptionen der Krankheit noch über Wirkung oder Nutzen der eingesetzten Therapien unterrichtet worden. Auf Fragen wie zum Beispiel nach einem Therapiewechsel (Bestrahlen statt Chemotherapie) sei der verantwortliche Arzt erst auf Nachfrage eingegangen - und das "im Laufschritt, bevor er sich in sein Zimmer rettete."

Überhaupt habe es in der Uniklinik zu keinem Zeitpunkt einen kontinuierlichen Ansprechpartner gegeben. Am schlimmsten aber sei gewesen, dass die Ärzte in der onkologischen Tagesklinik die extrem starken Schmerzen ihres Mannes nicht in den Griff kriegten. Thorbrietz: "Jeder Arzt sagte etwas anderes." Die überfällige Verlegung in die Palliativstation des Universitätsklinikums Großhadern sei dann schließlich eher aus Zufall erfolgt. "Nicht, dass sie glauben, dass es schon so schlimm ist, aber dort ist gerade ein Bett frei", sollen die Onkologen ihr mit auf den Weg gegeben haben.

Zwar konnten die Ärzte in der Palliativstation János Thorbrietz medizinisch auch nicht mehr helfen - und dennoch sei plötzlich alles ganz anders gewesen, berichtete die Journalisten: "Wir fühlten uns gut aufgehoben und spürten zum ersten Mal Ehrlichkeit und Zuwendung." Und das bis zum allerletzten Tag. János Thorbrietz, so seine Frau, war letztlich deshalb dankbar, auf einer Palliativstation sterben zu dürfen, weil er bis zuletzt spürte, dass dort alles für ihn getan wurde.

Schon in einem deutlich früheren Stadium war es dagegen der 36-jährigen Anne W. vergönnt, in eine Palliativstation aufgenommen zu werden. Auch sie hatte als Folge eines nicht heilbaren Gehirntumors extrem starke Schmerzen und massive Krampfanfälle. Die gesamte Familie, besonders die vier und sechs Jahre alten Kinder, trauten sich kaum mehr, die Nähe zur Mutter zu suchen.

Dies änderte sich erst wieder auf der Palliativstation. Dort gelang es zunächst, der ganzen Familie in zahlreichen Gesprächen wieder eine Perspektive für das weitere Leben und speziell den bevorstehenden Tod der Mutter und Ehefrau zu eröffnen. Den Kindern wurde ein Spielzimmer - mit Blick auf das Bett der Mutter - eingerichtet, um "zwanglos" möglichst oft in deren Nähe sein zu können. In diesem geschützten Raum gelang es, eine neue Familiennormalität zu finden, die sogar dazu führte, dass die Mutter nach Hause entlassen werden konnte.

Von da an wurde sie regelmäßig von einem ambulanten Palliativ Care Team mit 24-stündiger Rufbereitschaft und vor allem optimierter Schmerztherapie betreut. Nach viermonatiger Betreuung zu Hause stirbt Anne W. - medikamentös gut eingestellt - friedlich im Kreis ihrer Familie. Ihr Ehemann ist dafür im Nachhinein dankbar: "Wir sind froh, dass wir sie noch so lange bei uns haben durften."

Möglich war dies mit der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV), die in Deutschland bisher allerdings noch ein Schattendasein fristet. Deshalb haben Petra Thorbrietz und der Ehemann von Anne W. den gleichen Wunsch: Die Palliativmedizin hierzulande so aufzuwerten und auszustatten, dass jedermann in seiner Lebensendphase frühzeitig darauf zurückgreifen kann.

Petra Thorbrietz: Leben bis zum Schluss, 169 Seiten, ISBN-10:3-89883-186-8, 16,95 Euro.

Deutschland ein palliatives Entwicklungsland?

Die Palliativversorgung in Deutschland weist erhebliche Defizite auf: In einem Vergleich der 27 EU-Mitgliedsstaaten belegt Deutschland zurzeit nur Platz 12. Die Deutsche Hospiz Stiftung betrachtet Deutschland gar als "Entwicklungsland".

Nirgendwo in Europa ist derzeit aber so viel Bewegung wie in Großbritannien und Deutschland, bekräftigt die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin. Angesichts der Schicksale von Sterbenden und Angehörigen ist dies auch geboten. (ras)

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