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Ärzte Zeitung, 08.12.2010

TV-Kritik

Verwirrende Botschaften zum selbstbestimmten Sterben

Von Christoph Fuhr

Verwirrende Botschaften zum selbstbestimmten Sterben

TV-Talk-Moderator Reinhold Beckmann.

© dpa

Wer darf bestimmen, wie wir sterben? Reinhold Beckmann hatte am Montagabend in seinem ARD-Talk zu diesem Thema eingeladen. Im Fokus: eine Frau, die sich mit Hilfe von Dignitas in der Schweiz das Leben genommen hat.

Ein schlimmer Sturz im Jahr 2002, eine fast vollständige Lähmung, Ernährung über die Magensonde, künstliche Beatmung: Die Ehefrau von Ulrich Koch (67) will nicht länger leben. Als das Bundesinstitut für Arzneimittel ihr den Erwerb einer tödliche Dosis des Barbiturats Pentobarbital verweigert, fährt sie gemeinsam mit ihrem Mann 2005 in die Schweiz. Dignitas hilft ihr beim Sterben.

Koch ist überzeugt, dass die Verweigerung der Medikamente Unrecht war und will das geklärt wissen. Jetzt entscheidet darüber der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte.

Bettina Koch hätte 2005 durchaus die Möglichkeit gehabt, ihr Leben in Deutschland durch den Abbruch der künstlichen Beatmung und Ernährung zu beenden, erläuterte der Berliner Notfallmediziner Michael de Ridder. Die Ärzte hätten sie dann nicht gegen ihren Willen behandeln dürfen.

Bei Kochs Anwalt Detlef Koch (mit dem er nicht verwandt ist) stieß de Ridder aber auf heftigen Widerspruch. Danach kam es zu einem irritierenden Schlagabtausch über Urteile deutscher Gerichte zum Thema Sterbehilfe, deren Gültigkeit, und wie sie zu interpretieren seien. Klipp und klar gegen aktive Sterbilfe positionierten sich der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider und TV-Ärztin Dr. Antje Katrin Kühnemann.

Am Ende blieben viele Fragen, zum Beispiel diese: Wenn Koch tatsächlich vor dem EuGH Recht bekommen sollte - bedeutet das mehr Sicherheit mit Blick auf selbstbestimmtes Sterben in Deutschland? Der Zuschauer ahnte: Bei all dem rechtlichen Wirrwarr sind erhebliche Zweifel angebracht.

De Ridder forderte, ärztliche Beihilfe zum Suizid in extremen Ausnahmefällen zu erlauben. Mehr Handlungsspielräume also für Kollegen, die ohnehin verantwortungsvoll mit sterbenden Menschen umgehen. Das könnte er sein: ein wegweisender Ansatz, der intensiv diskutiert und weiter verfolgt werden sollte.

[08.12.2010, 14:02:25]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Von "aktiver" und "passiver" Sterbehilfe
Ganz ehrlich, mir stäuben sich die Nackenhaare: Eine "fast vollständige Lähmung, ... Magensonde, künstliche Beatmung: Die Ehefrau ... (67) will nicht länger leben." Und dann "fährt sie gemeinsam mit ihrem Mann 2005 in die Schweiz. Dignitas hilft ..." Das mit der künstlichen Beatmung und Lähmung stimmt wohl nicht, wie ist das Ehepaar denn dann in die Schweiz gekommen?

Der Erwerb einer tödlichen Dosis des Barbiturats Pentobarbital ist in Deutschland m. E. zu Recht verweigert worden. Den EuGH deshalb anzurufen, erscheint ein wenig missbräuchlich, da die o. g. Voraussetzungen nicht gerade erhellend sind. Der Bundesrepublik Deutschland würde auch durch einen EuGH Entscheid im Sinne der Antragssteller die aktive Sterbehilfe geradezu aufgenötigt.

Der ärztlich „assistierte Suizid", wie von dem Ehemann in Deutschland gefordert und in der Schweiz von "Dignitas" durchgeführt, ist aber als "aktive Sterbehilfe" im deutschen Rechtssystem mit dem Verbot der "Tötung auf Verlangen" nach § 216 StGB strafbar. Die vom Klinikkollegen de Ridder als Lösung vorgeschlagene "passive Sterbehilfe" in aussichtslosen Fällen und bei unzweideutiger Willenserklärung ist noch vor Kurzem vom Bundesverfassungsgericht in einem spektakulären Fall der Durchtrennung einer nicht dem Patientenwillen entsprechenden PEG-Sonde legitimiert worden.

Aber EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider hat m. E. zu Recht betont: Unser deutsches Rechts- und Wertesystem hat zutiefst christliche Wurzeln und ist interessanterweise mit dem islamischen Wertesystem vergleichbar. Doch hilft das Paradigma vom "selbstbestimmten Sterben" nicht weiter. Dieser Themenkomplex ist nicht allein der Kern der Menschenwürde. Das Mensch-Sein ist ein Mosaik mit vielschichtigen Facetten von bio-psycho-sozialen Entitäten, kultureller Reflexion, Kommunikation, Geselligkeit und Einsamkeit, Versagen und Erlauben, Sexualität und Sinnlichkeit, Genuss und Reue, Freude und Glück, Angst und Schmerz, Krankheit und Gesundheit. Im urchristlichen Sinne von Glaube, Hoffnung, Liebe aber auch von Solidarität und Verantwortung. Die reine Selbstbestimmung auch im Sterbeprozess definiert sich immer auch als Kampf gegen Fremdbestimmung und muss sich unablässig vom Anderen abgrenzen. Im Spannungsbogen von Sexualität, Schwangerschaft, Geburt, Leben, Sterben und Tod ist eine "freie Selbstbestimmung" "freier Bürger" oft nur rudimentär zu erkennen. Genau deshalb gibt es das Prinzip "Liebe", das Prinzip "Verantwortung" und das "Prinzip Hoffnung" (Ernst Bloch).

Wenn wir palliative Medizin ernst nehmen wollen, dann müssen wir an dem individuellen "point of no return" ehrlich sein, wenn die medizinische Hoffnung schwindet, der Patient auf sein Sterben zugeht und wir Ärztinnen und Ärzte buchstäblich nichts, absolut nichts Kuratives mehr beizusteuern haben. Doch dann setzt oft, wie hier zu beobachten, das absolute "Helfer-Syndrom" mit unvermittelter Macht und Nachdruck ein. Den Patienten dürfe man doch nicht so einfach sterben lassen, da müsse man doch etwas tun. Man unterlässt nicht einfach Alles, man lässt Es nicht laufen, sondern verfällt in einen wilden Aktionismus: aktive Sterbehilfe, assistierter Suizid, Erlösungspflicht; sind das nicht eventuell die Krankheiten, die man lindern zu wollen, vorgab?

Können wir, also Sie und ich, den sterbenskranken Patienten nicht dort abholen, wo er sich gerade befindet, in seiner Todesangst, seinem Lebensüberdruss, seinem Schmerz, seiner Not, seiner Pein, seiner Depression, seiner Hoffnungslosigkeit aber auch in seiner Hoffnung auf Erlösung, seiner Leichtigkeit, seines Abschieds, seines Dahinschwebens, seines Hinscheidens und seiner Vergänglichkeit? Können wir nicht einfach abwarten, begleiten, Trost, Hilfe und Intervention nur dann geben, wenn es wirklich sinnvoll und notwendig ist, vom ersten bis zum letzten Atemzug des Menschen?

Mit kollegialen Grüßen, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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