Ärzte Zeitung online, 20.01.2011

Holländer planen Freitod-Klinik

Während die Sterbehilfe hierzulande kontrovers diskutiert wird, ist sie in Holland längst gesetzlich geregelt. Nun gibt es sogar Pläne für eine Freitod-Klinik. Doch die gehen selbst vielen niederländischen Ärzten zu weit. Scharfe Kritik kommt auch aus Deutschland.

Von Thomas Burmeister

Holländer planen Freitod-Klinik

Hilfe für ein selbstbestimmtes Lebensende? In den Niederlanden planen Befürtworter der Sterbehilfe eine Freitod-Klinik.

© dpa

AMSTERDAM. "Niemand ist verpflichtet zu leben." Unter diesem Leitsatz kämpft in den Niederlanden eine Bürgerinitiative für ein fast uneingeschränktes Recht auf Freitod.

Die Kampagne wird nicht etwa von einer Handvoll Lebensmüder getragen, sondern von der weithin respektierten "Niederländischen Vereinigung für ein freiwilliges Lebensende" (NVVE) mit 20 hauptamtlichen Mitarbeitern und mehr als 100.000 Mitgliedern, unter ihnen nicht wenige Prominente.

Ihr neuestes Projekt: Eine Freitod-Klinik, in der sich pro Jahr bis zu 1000 Menschen "würdig" töten lassen oder selbst töten können.

Das sei keineswegs ein Horrorkabinett, beteuern die Befürworter. Wirklich grauenhaft, so argumentiert die Ärztin und NVVE-Direktorin Petra de Jong, sei es vielmehr, wenn Menschen, die aus dem Leben scheiden wollen, zu "furchtbaren Methoden des Selbstmords" greifen.

"Manche springen vor den Zug, andere hängen sich auf, und es gibt sogar Patienten in Pflegeheimen, die sich selbst in Brand stecken."

Seit 1973 tritt die NVVE, die über ein Millionenbudget aus Spenden verfügen soll, für einen gesetzlichen Anspruch von Menschen jenseits der 70 auf den Freitod ein - ganz egal, ob sie krank sind oder nicht.

Ihren bislang größten Erfolg feierte sie 2002, als die Niederlande als erstes Land der Welt aktive Sterbehilfe per Gesetz erlaubte.

Noch müssen nach dem sogenannten Euthanasie-Gesetz etliche Voraussetzungen erfüllt sein: Sterbehilfe darf nur Schwerstkranken gewährt werden, deren hoffnungsloser Zustand sowie eindeutiger Todeswunsch durch mindestens zwei Ärzte bestätigt werden.

Das genügt der NVVE und der Bürgerinitiative "Vollendetes Leben" allerdings nicht. "Dem freien Menschen steht es zu, selbst zu bestimmen, wie und wann er stirbt", heißt es in einer Petition, die rund 120.000 Niederländer unterschrieben haben - dreimal mehr als für die Behandlung im Parlament erforderlich wäre.

Für Aufsehen sorgt die NVVE immer wieder. So im vorigen Jahr mit dem Projekt "Letzte-Wille-Pille": Das Euthanasie-Gesetz soll so erweitert werden, dass jedem älteren Niederländer das Recht zusteht, einen tödlichen Pillen-Mix zu bekommen - inklusive einer Substanz gegen Brechreiz, damit alles "für die Angehörigen so aussieht, als sei jemand friedlich eingeschlafen".

Doch noch ist das selbst in Holland nicht erlaubt. Und die nun avisierte Freitod-Klinik werde sich "millimetergenau" an geltendes Recht halten, versicherte De Jong in der Zeitung "de Volkskrant".

Jedoch dürften dort tätige Ärzte allen fest zum Suizid entschlossenen Patienten durchaus "Informationen" geben, wie sie das selbst bewerkstelligen können. "Und wenn es schiefgeht, müssen sie medizinische Hilfe leisten." Genügend Ärzte und Pfleger, die dort arbeiten wollen, gebe es bereits.

Hollands Medizinerverband KNMG sprach sich allerdings gegen die Pläne aus und warnte vor "einem "Tunnelblick, bei dem der Tod der einzige Ausweg ist".

Auf scharfe Kritik stieß das Vorhaben sofort bei Suizidgegnern in Deutschland, wo die innovativen Niederlande durchaus oft als Vorbild gelten.

"Das wäre ein Coffeeshop für Tötung", sagte Eugen Brysch von der Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung. "Mit den Möglichkeiten, die da geboten werden, wird praktisch ein Druck aufgebaut, dass Menschen aus dem Leben scheiden sollen, weil sie vielleicht anderen zur Last fallen. Solcherart Art Zwang, sich zu töten, kann kein Konzept für eine menschliche Gesellschaft sein." (dpa)

|

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Top-Meldungen

Ein kleiner Schritt für die Menschheit mit großem Risiko?

Astronauten sterben häufig an Herzkreislaufkrankheiten. US-Forscher haben dieses Phänomen untersucht. Und wir erklären, was sie herausgefunden haben. mehr »

Kann eine nicht wirksame Heilmethode so erfolgreich sein?

Kürzlich veröffentlichte die "Ärzte Zeitung" einen kritischen Beitrag zur Homöopathie. Wir geben den von ihr überzeugten Ärzten die Gelegenheit zu antworten. mehr »

Zunehmende Gewaltbereitschaft

Nach den tödlichen Schüssen auf einen Arzt in der Berliner Charité herrscht Unsicherheit: Kann man solche tragischen Vorfälle überhaupt verhindern? mehr »