Ärzte Zeitung, 03.05.2012

Hintergrund

Notärzte mit Palliativmedizin überfordert?

Im Notfall sollte das Palliativnetz Witten angerufen werden, so stand es in der Akte der 73-jährigen Heimbewohnerin. Stattdessen kam der Notarzt und wenig später die Kriminalpolizei. Offenbar kennen sich noch zu wenige Pflegekräfte und Notfallmediziner  mit Palliativmedizin aus.

Von Ilse Schlingensiepen

Notärzte mit Palliativmedizin überfordert?

Den Umgang mit schwerstkranken Patienten beherrschen noch nicht alle Pflegekräfte und Notärzte.

© F. Schoening / fotolia

Im Umgang mit schwerstkranken Patienten, die palliativmedizinisch versorgt werden, fühlen sich Pflegekräfte in Heimen und Notfallmediziner offenbar immer noch überfordert. Das zeigt ein aktueller Fall aus dem westfälischen Witten.

Eine 73-jährige Heimbewohnerin, die an Lungenkrebs litt, wurde schon längere Zeit vom Palliativnetz Witten betreut. In ihrer Patientenakte war vermerkt, dass sie auf keinen Fall in ein Krankenhaus wollte und im Notfall die Netz-Mediziner benachrichtigt werden sollten.

Als die Frau nachts an akuter Luftnot litt, wandte sich die Nachtschwester aber nicht ans Palliativnetz, sondern an den KV-Notfalldienst, berichtet der Wittener Palliativmediziner Dr. Matthias Thöns.

"Der Arzt erfasste die Situation des finalen Verwirrungszustands und verordnete das richtige Medikament." Zudem respektierte der Hausarzt, dass die Patientin nicht ins Krankenhaus wollte.

Notarzt schaltet die Kripo ein

Kurze Zeit später starb die Frau, diesmal wählte die Schwester die Notrufnummer 112. Der Notarzt alarmierte trotz telefonischer Rücksprache mit Thöns die Kriminalpolizei mit der Begründung, dass er ja nicht wisse, was der Patientin verabreicht worden sei.

Die Kripo beschlagnahmte die Leiche und leitete ein Ermittlungsverfahren ein, das sie inzwischen wieder eingestellt hat.

Der Fall ist nach Einschätzung von Thöns symptomatisch. "Auch wenn ein Palliative Care Team in die Versorgung von Heimbewohnern eingebunden ist, fühlt sich das Personal in Notfallsituationen häufig überfordert", sagt er der "Ärzte Zeitung".

Viel kritischer sieht er aber das Verhalten des Notfallmediziners. Nach wie vor würden Notärzte die Polizei immer dann einschalten, wenn sie ein Verbrechen nicht mit letzter Sicherheit ausschließen können.

"Notwendig ist das aber nur, wenn sie wirklich einen Verdacht haben." Bei einer Patientin mit Lungenkrebs im Endstadium, die sich in palliativmedizinischer Betreuung befand, sei ein solcher Schritt völlig unnötig, betont Thöns.

Bei der Frau sei zudem alles genau dokumentiert gewesen.

Die Rechtslage ist eindeutig, aber oft unbekannt

"Dabei handelt es sich eindeutig um eine Fehlinterpretation eines Notarztkollegen", stellt auch der bekannte Notfallmediziner Professor Peter Sefrin in einer Stellungnahme für die Deutsche PalliativStiftung fest.

Die Rechtslage sei klar und werde in der Ausbildung auch den angehenden Notärzten vermittelt.

Nach der Erfahrung von Thöns sind die 2011 geänderten Grundsätze der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung bei vielen Ärzten noch nicht angekommen.

Danach ist bei Patienten mit infauster Prognose die palliativmedizinische Versorgung statt Lebensverlängerung oder Lebenserhaltung das gebotene Behandlungsziel, wenn es dem Patientenwillen entspricht oder lebenserhaltende Maßnahmen das Leiden nur verlängern würden.

"Es ist noch ein weiter Weg, bis das wirklich umgesetzt wird", schätzt Thöns.

Der Fall zeigt auch nach Einschätzung von Veronika Schönhofer-Nellessen, Vorsitzende des Stiftungsrates der Deutschen Palliativ-Stiftung, dass in der Palliativversorgung nach wie vor grundlegende Probleme bestehen.

Es reiche nicht, wenn einzelne Fachkräfte in Heimen in Palliative Care ausgebildet seien, sagt sie.

"Das gesamte Heim muss geschult werden, die richtige Notfallnummer kennen und wissen, wo sie liegt. Es muss ein Notfallplan mit den Fachkräften entwickelt und festgelegt werden, der auch trainiert wird", so Schönhofer-Nellessen.

Für notwendig hält es Schönhofer-Nellessen, dabei auch die Notärzte einzubinden.

[05.05.2012, 11:08:25]
Dr. Reinhard Naar 
Polizei oft selbständig von der Leitstelle informiert
hierzu wäre noch anzumerken, dass die Polizei oft selbständig von der Leitstelle informiert wird, wenn die Meldung "exitus" abgegeben wird, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt bereits den Hausarzt oder den Kollegen vom KVB-Besuchsdienst zwecks Leichenschau verständigt habe. zum Beitrag »
[04.05.2012, 23:31:30]
Ralf Neubert 
Auch die Ärzte sind überfordert.
Sehr geehrter Artur Jan Nosul,

Sie machen sich es etwas einfach. Sie als Arzt haben nun mal die letzte Entscheidung und es ist auch häufig so, dass sie diese treffen müssen.

Selbst in diesem Fall, wo die Betreuung durch Palliativ-Ärzten stattfand und eine Krankenakte vorlag, war der Notfall-Mediziner trotz Rücksprache mit seinem Palliativmediziner-Kollegen Dr. Matthias Thöns nicht in der Lage die Situation adäquat zu beurteilen und an dieser Stelle ein Schlussstrich zu ziehen. Nein, auch er hat die Verantwortung weiter abgegeben, nämlich an die Kriminalpolizei.

Auch der Notfall-Mediziner hat schneller mit der Kripo telefoniert als gedacht und hat dadurch weitere Kosten verursacht. (Auch die Polizei kostet Geld).

Leider ist es scheinbar in unserer Gesellschaft so, dass niemand, selbst bei einer bekannten letalen Krankheit und den eigenen Wunsch in Ruhe sterben zu möchten dieses auch problemlos darf, da alle (Ärzte und Pflegekräfte) selbst bei juristisch klaren Fällen im Gesundheitswesen Angst haben zur Rechenschaft gezogen zu werden. Vielleicht auch, weil Ärzte und Pflegekräfte keine Juristen sind?

Auch in diesem Fall fängt es mit den überforderten Pflegekräften, die in den Heimen häufig nur mit einer 6 Wochen-Ausbildung oder einer einjährigen Ausbildung (Krankenpflegehelfer) vertreten sind, an und endet bitte nicht vergessen, bei dem studierten Notfallmediziner.

Nicht, dass Sie mich falsch verstehen ich mache Niemanden einen Vorwurf. Hier muss sich das System ändern, so dass nicht alle beteiligten (Ärzte, Pflegekräfte, Angehörige, Nachbarn usw.) Angst haben müssen, eine juristische Straftat begannen zu haben, weil ein Patient an z.B. Lungenkrebs gestorben ist.

Aber die Heimpflege-Kräfte als Verursacher der Gesamtproblematik zu sehen, das ist nach meiner Meinung unfair und unnötig überheblich.

In diesem Sinne, mit freundlichen Grüßen
Ralf Neubert
(Gesundheits- und Krankenpfleger)





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[04.05.2012, 19:45:59]
Christof Oswald 
Notärzte und Pflege mit Palliativmedizin überfordert?
Sehr geehrter Herr Nosul,

inhaltlich stimme ich Ihnen durchaus zu, dass es zahlreiche vermeidbare Notarztalarmierungen dieser Art gibt. Auch, dass man dabei unnötig Geld und Ressourcen verbraucht, die u.U. einem kurrativen Notfall entzogen werden. Dennoch zeigt der im Artikel dargestellte Fall, dass es Notärzte gibt, die nur noch mal schnell die Welt retten wollen. Wie sonst kann es sein, dass trotz kollegialer Rücksprache in einem so klaren Fall die Kripo eingeschaltet wurde. Auch dies war eine Verschwendung von andernorts notwendigen Ressourcen.

Man darf sich doch zumindest fragen was dazu geführt hat. Lag es an einer völligen Desinformation des Notarztes durch das Pflegepersonal und den Hausarzt? Lag es an einem "wir retten erst einmal jeden"-Bewusstsein, das im Rettungswesen leider nach wie vor verbreitet ist oder an einer tiefen Unsicherheit und Unkenntnis der medizinethischen und -juristischen Lage, die sich in Deutschland im letzten Jahrzehnt sehr dynamisch entwickelt hat?

Leider kommt es immer wieder vor, dass die Meinung des Erstbehandelnden, der den betroffenen Patienten schon lange kennt, vom zugezogenen Notarzt ignoriert wird. Warum dies so ist, dass sollten wir von der notfall- und intensivmedizinischen Fraktion uns durchaus einmal kritisch fragen. Vielleicht verlieren wir, aufgrund der antrainierten Perfektion als Notfallhelfer, zuweilen den Blick für das Ganze und für die Frage des Nutzens für die Betroffenen. Vielleicht leiden wir aber auch nur zu sehr unter der damit verbundenen narzistischen Kränkung?

Christof Oswald
Klinikum Nürnberg zum Beitrag »
[04.05.2012, 09:40:35]
Artur Jan Nosul 
Und was ist mit dem Verhalten der Pflegekraft in o. g. Heim?
Warum wird in dem Fall der Notarzt beschuldigt? Und warum wurde überhaupt ein Notarzt involviert wenn angeblich die Lage so glassklar war? Ich halte hier das Verhalten des Personals im Pflegeheim für eindeutig fehlerhaft. Warum wird zu einer Leiche ein Notarzt geholt? Das war doch der Auslöser der ganzen Problemkette. Es war doch kein plötzlicher und unerwarteter Todesfall! Leider sehe ich als notfallmedizinisch tätiger Arzt oftmals in ähnlichen Situationen dass das Pflegepersonal in Heimen schneller telefoniert als denkt, um jegliche Verantwortung abzugeben. Von den Kosten des Notarzteinsatzes abzusehen. Nicht nur traurig aber auch kostenintensiv.  zum Beitrag »

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