Ärzte Zeitung, 19.11.2012

Leitartikel zur Sterbewoche

Chance für einen ärztlichen Rollenwechsel?

In Dutzenden von Beiträgen will sich die ARD in dieser Woche mit einem Thema beschäftigen, das in unserer Gesellschaft immer noch allzu oft tabuisiert wird.

Von Christian Beneker

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Besuch bei einem schwer kranken Patienten.

© Klaro

Die ARD hat ihre Themenwoche "Leben mit dem Tod" gestartet. In Dutzenden von Beiträgen will die Senderfamilie das Thema Tod ans Licht bringen, davon erzählen, darüber diskutieren und dokumentieren.

Mehr als 800.000 Menschen sterben jährlich in Deutschland und man kann sich wohl die Energieleistung nicht groß genug vorstellen, einen solches Massenphänomen zu tabuisieren.

Die derzeit über 400 Palliativstationen und Hospize und zehn Palliativmedizin-Lehrstühle in Deutschland zeigen aber, dass das Thema Tod und Sterben in der ärztlichen Versorgungswirklichkeit und der gesellschaftlichen Auseinandersetzung langsam ankommt.

Viele Ärzte werden in den ARD-Sendungen denn auch zu Wort kommen, um dem Tabu Offenheit und Kompetenz entgegen zu setzen.

Sie äußern sich zu Fragen der Versorgung, der Patientenverfügung, der Organspende. Aber die ärztliche Kompetenz, das Tabu zu brechen, könnte tiefer reichen als bis zu Fragen der Versorgung Sterbender ...

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[20.11.2012, 09:22:01]
Lutz Barth 
Auf dem Weg der "Enttabuisierung" des Arztethos?
Ein Leitartikel, der erkennbar ganz bewusst seinen Fokus auf die Frage zentriert, ob nunmehr durch die Themenwoche bei der ARD sich die Möglichkeit eröffnet, ggf. über einen ärztlichen Rollenwechsel nachzudenken.

Der Autor weist wohl nicht umsonst am Ende seines Artikels auf Folgendes hin: „Aber die ärztliche Kompetenz, das Tabu zu brechen, könnte tiefer reichen als bis zu Fragen der Versorgung Sterbender ...“

Und in der Tat: Die ärztliche Mitwirkung bei einem frei verantwortlichen Suizid eines schwersterkrankten Patienten wird nunmehr in aller Öffentlichkeit diskutiert und wie es scheint, reichen die bisher geführten „Sonntagsreden“ der Ärztefunktionäre wohl nicht mehr aus, das Thema der ärztlichen Suizidassistenz ausnahmslos als intraprofessionelles Problem zu behandeln.

Auch wenn mehr oder minder hochrangige Ärztefunktionäre in der Vergangenheit erklärt haben, dass nach dem Beschluss zum Verbot der ärztlichen Mitwirkung bei einem frei verantwortlichen Suizid auf dem 114. Deutschen Ärztetag letztlich eine weitere Diskussion entbehrlich sei, werden diese nun eines Besseren belehrt.

Die Themenwoche trägt so „ungewollt“ dazu bei, dass Ärztefunktionäre, aber sicherlich auch die Delegierten in den sog. „Ärzteparlamenten“, sich zumindest einem Argumentationsdruck ausgesetzt sehen, zu erläutern, warum die Ständeorganisationen es für zwingend erforderlich erachten, ihren eigenen Kolleginnen und Kollegen das Recht zur individuellen Gewissensentscheidung vorzuenthalten?

Nun möchte ich hier nicht versäumen, darauf hinzuweisen, dass das Verbot mehr als nur verfassungsrechtlich bedenklich ist und da stellt sich dann in der Folge schon die Frage, ob es dem derzeitigen Präsidium der BÄK daran gelegen ist, einer Re-Dogmatisierung einer paternalistischen Arztethik Vorschub leisten zu wollen, obgleich diese seit Jahren als überwunden gilt?

Die BÄK strebt nach ihrem Selbstverständnis nach „moralischer Autorität“ und es fragt sich weiter, ob es um die „Moral“ oder der „Autorität“ einzig der Ärztefunktionäre geht und so erst die eigentlich ungeheure Vorstellung nähren, als sei immerhin ein Teil der verfassten Ärzteschaft der Gefahr ausgesetzt, „arztethisch zu verrohen“?

Mit Verlaub: Alle Ärztinnen und Ärzte reinen und guten Gewissens brauchen sich ihrer individuellen Gewissensentscheidung nicht zu schämen.
Auch sie dürfen auf den gebotenen Respekt und die erforderliche Toleranz „ihrer“ Ärztefunktionäre nicht nur hoffen, sondern diese schlicht erwarten und ggf. einfordern!

Es kann insbesondere auch nicht im Interesse der Patientenschaft liegen, wenn die Ärzteschaft mit Blick auf die ureigene Gewissensentscheidung vor dem Hintergrund einer sich in der Diskussion befindlichen „Arztethik“ gleichgeschaltet wird. Über Gebühr wird das Arzt-Patienten-Verhältnis belastet und die eigentliche Dramatik besteht darin, dass Standesgenossen in einem erheblichen Maße dazu beitragen, dass das Bild des guten Arztes in der Öffentlichkeit Schaden nimmt!
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[19.11.2012, 15:33:40]
Dr. Birgit Bauer 
Palliativ solls richten ? !!!!
M.E. ist das weitere Zerklittern der ärztlichen Aufgaben eher von Schaden als von Nutzen. Die ursprüngliche Aufgabe des Arztes ist es Patienten in Krankheitsfällen und in schwierigen körperlichen Situationen beizustehen.
Erst, die aus meiner Sicht völlig sinnlosen Lebensansprüche, vermittelt durch die perfektionierte Marktwirtschaft hat zu einer Entfremdung der Bevölkerung von den eigentlichen Lebensinhalten und -Abschnitten geführt.
Wenn menschliches Leben nur noch unter Leistungsaspekten und juristischen Absicherungskriterien gesellschaftlich betrachtet wird muss man sich nicht wundern , wenn Verunsicherungen und Ängste in unserer Gesellschaft immer grösseres Ausmaß annehmen. Schon die marktwirtschaftliche Ausrichtung in einem Solidarsystem dürfte einen normal denkenden Menschen zum Grübeln bringen.
Nach meiner Erfahrung sind die meisten Menschen in ihrer hausärztlichen Betreuung sehr gut aufgehoben. Problem ist die Minutentaktpflege bei Pflegebedürftigkeit und die Zeitnot der Ärzte. Ob es wirklich die beste Lösung ist immer neue Strukturen zu schaffen,statt den bestehenden die zeitlichen und finanziellen Möglichkeiten zu einer Betreuung zu geben, wie sie es selbst für richtig halten, möchte ich bezweifeln. Wir sollten endlich unser Grundgesetz wieder ernst nehmen und die Würde und das Selbstbestimmungsrecht in die Mitte des ethisch, moralischen Handelns stellen. Ethikkommissionen mit ernannten "Ethik-Gurus" je nach politischer Farbe zusammengesetzt, werden ein solidarisches Miteinander in den unterschiedlichen Lebenslagen und besonders am Ende eines Lebens nicht richten können.
M.f.G B.Bauer zum Beitrag »

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