Ärzte Zeitung, 21.11.2012

Viele Fragen

Palliativmediziner fordern mehr Forschung

Werden nur Menschen im Universitätsbetrieb wahrgenommen, die Forschung betreiben? Palliativmediziner fordern für ihr Fach mehr Studien. Auch Pflegewissenschaftler sollen einbezogen werden.

Von Ilse Schlingensiepen

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Hilfe am Lebensende: Palliativmediziner fordern mehr Forschung.

© Klaro

AACHEN. In der Palliativmedizin müssen die Forschungsanstrengungen deutlich ausgeweitet werden.

Das ist notwendig, um die künftigen Herausforderungen in der Versorgung schwerstkranker und sterbender Menschen zu meistern - und um der Fachrichtung einen festen Platz in der Medizin zu sichern.

Das hat Professor Friedemann Nauck, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, beim 92. Aachener Hospizgespräch deutlich gemacht.

"Um in der Medizinwelt Anerkennung zu finden, brauchen wir Forschung", sagte Nauck. Die Behandlungsentscheidungen müssten wie in den anderen Bereichen der medizinischen Versorgung auf einer evidenzbasierten Grundlage erfolgen.

"Wenn wir keine Evidenz haben, wird es auf Dauer schwierig, die hospizliche und palliative Versorgung flächendeckend auf ein qualitativ hohes Niveau zu bringen."

Nauck sieht ein breites Spektrum an Forschungsfragen, die bearbeitet werden müssen. So gebe es bislang nur wenige Studien zur Symptomatologie. Gemeinsam mit der Pharmaindustrie sollte die Entwicklung neuer Substanzen verbessert werden, sagte er.

Therapieziele, Behandlungsprioritäten und Behandlungskonzepte in der Palliativmedizin müssten ebenso zum Forschungsgegenstand werden wie die Einbeziehung der Angehörigen und ethische Fragestellungen.

"An den Lehrstühlen für Palliativmedizin wollen wir versuchen, Forschungsschwerpunkte zu setzen", kündigte er an.

An der Universität Göttingen, wo Nauck die Abteilung Palliativmedizin leitet, gibt es ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zu Autonomie und Vertrauen. "Vertrauen ist eines der Zukunftsthemen für die Palliativversorgung."

Die Arbeit der klinischen Ethik-Kommissionen ist dort ebenso ein Forschungsgegenstand wie der Vergleich der Versorgung von Patienten mit Lungenkarzinom und mit COPD am Lebensende.

Mehr multiprofessionelle Forschung

Der Zugang bestimmter Patientengruppen wie Migranten oder Wohnungslose muss nach Einschätzung von Nauck dringend erforscht werden. Der rein medizinische Blickwinkel reiche in der palliativmedizinischen Forschung oft nicht aus.

"Die Palliativmedizin ist multiprofessionell, wir brauchen multiprofessionelle Forschung", forderte er. Gerade der Einbezug der Pflege sei wichtig.

Bislang fehlten in den Forschungsteams die Pflegewissenschaftler, beklagte Professor Michael Ewers, Direktor des Instituts für Medizin-, Pflegepädagogik und Pflegewissenschaft an der Charité in Berlin.

"Die Pflegewissenschaft muss sich mit eigenen Themen beteiligen", sagte er. Untersucht werden müsse, welche pflegerischen Interventionen am Lebensende besser sind als andere.

"Was wir brauchen, ist nicht nur die Wissens- und Evidenzbasierung der palliativen Behandlung, sondern des gesamten Umfelds, das sich um sie herum gruppiert", betonte Ewers.

Auch die Pflegenden benötigten für ihre Arbeit verstärkt eine wissenschaftliche Grundlage, auf die sie sich berufen können. "Die Pflegeforschung fördert die Beantwortung von Fragen zur Situation chronisch kranker Menschen."

Haltung und Wertvorstellungen

Nach Einschätzung von Ewers kann die Palliativmedizin eine tragende Rolle spielen bei der zentralen Frage, wie die Versorgung von chronisch kranken Menschen in der Zukunft gestaltet wird.

"Die Entwicklung der Palliativmedizin und des Hospizbereichs ist wichtig, weil sie Modellcharakter hat und zeigt, dass man Menschen auch anders versorgen kann."

Die Wertevorstellungen und die Haltung vieler Menschen, die sich in der Hospiz- und Palliativbewegung engagieren, sollten als Selbstverständnis in der Gesellschaft verankert werden, forderte Dr. Birgit Weihrauch, die bis vor Kurzem Vorstandsvorsitzende des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands war.

"Die Menschen müssen sich darauf verlassen können, dass sie am Lebensende gut versorgt werden", sagte sie bei der Diskussionrunde in Aachen.

Weihrauch plädierte für die Suche nach einer neuen Balance zwischen kurativer und palliativer Versorgung. "Wir müssen dabei die Menschen viel stärker in die Entscheidungen einbeziehen, als wir es bisher tun."

Auch wenn in der Palliativmedizin und der Hospizversorgung in den vergangenen Jahren schon viel erreicht worden sei, gebe es nach wie vor viele Defizite in vielen Regionen.

"Wir müssen uns in Deutschland in der allgemeinen ambulanten Palliativversorgung besser aufstellen", forderte sie. Notwendig sei eine "nationale Strategie zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen".

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