Sonntag, 23. November 2014
Ärzte Zeitung, 01.01.2013

Palliativversorgung

"Pioniere" müssen sich Konkurrenz stellen

Die Versorgung von Palliativpatienten steht vor großen Herausforderungen: Die Arbeit von Spezialisten und Ärzten in der Regelversorgung muss koordiniert werden.

Von Ilse Schlingensiepen

"Pioniere" müssen sich Konkurrenz stellen

Palliativpflege: Hierzu fehlt in Deutschland eine nationale Strategie, sagt ein Experte.

© Jupiterimages / Thinkstock

BRÜHL. Die Palliativmedizin und die Hospizbewegung stehen in Deutschland an einem entscheidenden Punkt.

"Wir bewegen uns von den Pionieren hin zur Regelversorgung", sagte Professor Lukas Radbruch bei der Gründungsveranstaltung des Palliativteams SAPV RheinErft in Brühl.

Das ist mit vielen Herausforderungen verbunden, sagte der Inhaber des Lehrstuhls für Palliativmedizin an der Universität Bonn und Leiter des Zentrums für Palliativmedizin am Malteser Krankenhaus Bonn/Rhein-Sieg.

Oft geben Angehörige die Spritzen

Gerade älteren Pionieren falle es schwer, die Entwicklung zu akzeptieren. Ein Problem, das mit den neuen breiteren Strukturen erstmals auftrete, sei die Konkurrenz. "Damit müssen wir fertig werden", sagte Radbruch.

Er sieht eine schwierige Balance zwischen dem zunehmenden Bedarf an Qualifikation und der Gefährdung der notwendigen Flexibilität in der Patientenversorgung. Es komme vor, dass Palliativfachpfleger keine subkutane Spritze setzen, weil sie dafür nicht ausgebildet sind.

Die Folge: Die Angehörigen übernehmen die Aufgabe. "Sie sind zwar auch nicht ausgebildet, aber bei ihnen stört es nicht."

Ein Gegeneinander von hoch qualifizierten, spezialisierten Angeboten und der flächendeckenden allgemeinen Versorgung mache keinen Sinn. "Wir müssen lernen, dass wir die allgemeine Palliativversorgung weiterentwickeln und daneben die Spezialisten flächendeckend aufstellen", sagte er.

Radbruch hält die Entwicklung einer nationalen Strategie für die Palliativ- und Hospizversorgung für sinnvoll. Ein Vorbild könnte Großbritannien sein.

Dort gibt es seit vier Jahren eine "end of life strategy", deren Umsetzung die Regierung finanziell unterstützt. "Das hat einen großen Schub gegeben."

In ländlichen Regionen fehlen Konzepte

Hans-Peter Krämer, geschäftsführender Vorstand der Deutschen Krebshilfe, forderte ein konzertiertes Zusammenwirken aller Beteiligten im Gesundheitswesen, um die Palliativversorgung voran zu bringen.

"Die Palliativmedizin muss gesundheitspolitisch noch viel mehr Gehör finden." Seit 2007 haben die Versicherten einen gesetzlichen Anspruch auf die Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV).

Dennoch sei sie immer noch nicht flächendeckend umgesetzt. "Insbesondere in den ländlichen Regionen fehlen Konzepte und die notwendigen personellen Kapazitäten", sagte Krämer.

Niedergelassene Haus- und Fachärzte hätten ebenso wie die Vertreter anderer Gesundheitsberufe schon in der Vergangenheit Schwerstkranke und Sterbende zuhause versorgt, betonte Dr. Astrid Bitschnau-Lueg, die ärztliche Leiterin des Palliativteams SAPV RheinErft.

"Bislang fehlte der Faden, um die verschiedenen Professionen zusammenzubinden", sagte sie. Notwendig sei eine zentrale Koordination, wie sie jetzt mit der SAPV möglich sei.

Im Brühler Palliativteam arbeiten acht Palliativmediziner, die alle niedergelassen sind. Sie kooperieren eng mit elf Palliativ-Pflegefachkräften des Caritasverbands.

Das Team hat seit dem 1. Oktober 2012 einen Vertrag mit den gesetzlichen Krankenkassen zur Versorgung von 189.000 Menschen im südlichen Rhein-Erft-Kreis.

"Ergänzung zum Hausarzt, nicht Ersatz"

Die gute Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Kollegen, besonders den Hausärzten, sei wichtig für die Arbeit der Palliativmediziner, sagte Dr. Thomas Joist, Geschäftsführer von SAPV RheinErft. "Wir verstehen uns als Ergänzung und Unterstützung des Hausarztes, nicht als Ersatz."

Die Tätigkeit der Spezialisten schränke die Behandlung durch die Haus- und Fachärzte nicht ein. "Wir sind interessiert an einem Informationsaustausch", sagte Joist.

Wenn niedergelassene Ärzte einem Patienten SAPV verordnen, kommen die Palliativärzte zu einem ein- bis anderthalbstündigen Assessment zum Patienten.

"Danach informieren wir die Haus- und Fachärzte und die Pflegedienste."

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[02.01.2013, 12:14:43]
Marion Knorr 
Die Kassenabrechnung ist das Problem
Ärzte und Pflegende müssen in Sachen SAPV zusammenarbeiten, dazu gehört auch, sich das Berufsbild des jeweis Anderen zu veredeutlichen. Professor Lukas Radbruch wir im vorliegenden beitrag so zitiert:
"Es komme vor, dass Palliativfachpfleger keine subkutane Spritze setzen, weil sie dafür nicht ausgebildet sind. Die Folge: Die Angehörigen übernehmen die Aufgabe. "Sie sind zwar auch nicht ausgebildet, aber bei ihnen stört es nicht.".[...]". Pflegepersonal ist immer zum Spritzen ausgebildet! Die Krankenpflegeausbildung ist umfangreich und fundiert. Es gab zeiten, da war es schwiewrig, subcutane Spritzen durch die Pflege abzurechenen, da gelegentliuch bestimmte Krankenkassen zwar die Injektion (den Wirkstoff) bewilligten, nicht aber die Durchführung derselben; dies ist ja nun per SAPV Verordnungen anders. Wer sich ärztlicherseits gängiger "Pflege kann jeder" Slogans bedient, wird in der Zusammenarbeit mit hochqualifizierten Pflegekräften scheitern.  zum Beitrag »
[02.01.2013, 08:54:15]
Dr. jens wasserberg 
Gäbe es eine angemessene Vergütung, würde es die Palliativersorgung gar nicht geben
Welchen Nutzen hat ein Assessment für den Hausarzt, der diesen Patienten schon jahrelang versorgt ? Für den Palliativsektor hat dieses Assessment hingegen eine hohe Bedeutung, da es in dieser Stunde ebensoviel Honorar erbringt, wie der Hausarzt für fast ein ganzes Jahr Betreuung dieses Patienten erhält !?!
Es bedarf sicherlich keiner neuen Fachrichtung, um die Patientenversorgung zu Hause auch in Krisen- oder Endstadien angemessen zu organisieren. Es liegt vielmehr an der Wertschätzung, die diese anstrengende Arbeit in unserer Gesellschaft genießt. Und unsere Gesellschaft ist eben der Meinung, dass die Ärzteschaft dies vorrangig kostenfrei zu erbringen hat und wundert sich gleichzeitig, wenn es immer weniger Menschen gibt, die diese immer größer werdende Herausforderung annehmen wollen. Gäbe es eine angemessene Honorierung für die ärztliche Versorgung der Patienten in ihrem privaten Umfeld, hätte es niemals eine Diskussion um Palliativversorgung gegeben. Denn die ist seit Ewigkeiten das Kerngeschäft der dafür ausgebildeten Allgemeinärzte. zum Beitrag »

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