Ärzte Zeitung online, 01.10.2014

Ärzte warnen

Es fehlen 100 Palliativteams

BERLIN. Der Rechtsanspruch auf ärztliche und pflegerische Begleitung am Lebensende steht vielerorts nur auf dem Papier. Die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) ist immer noch nicht flächendeckend umgesetzt.

Es fehlten rund 100 Palliative Care Teams vor allem in ländlichen Gebieten, berichtete der Geschäftsführer des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands, Benno Bolze, am Mittwoch in Berlin.

Rund 200 dieser Teams seien in Ballungszentren im Einsatz. 2007 hat der Gesetzgeber einen Rechtsanspruch auf die ambulante Palliativmedizin geschaffen.

Die Berliner Palliativmedizinerin Petra Anwar verwies darauf, dass SAPV die Gedanken an Selbsttötung meist verdrängen helfe.

Die Bundesregierung will die Hospizkultur in Deutschland stärken. Dafür will die Koalition „gesetzlich tätig“ werden, hat ein Sprecher des Gesundheitsministerium mitgeteilt. Offen sei aber, ob die Hospizversorgung bereits mit dem Versorgungsstärkungsgesetz angegangen werde.

In früheren Verlautbarungen des Ministeriums war dies noch als möglich in Aussicht gestellt worden. Das Gesetz wird im Laufe des Oktober erwartet.

Sollte der ärztlich assistierte Suizid legal werden, drohe ein Dammbruch, fürchtet der kommissarische Vorsitzende des Verbands, Professor Winfried Hardinghaus. Die Gesellschaft könne dann einen Druck auf Sterbende aufbauen, diesen Weg einzuschlagen.

Es bedürfe weiterer Aufklärung, um schwerkranken Menschen die Angst vor einem qualvollen Tod zu nehmen. Sie müssten wissen, dass die Linderung der Schmerzen Autonomie oft erst wieder möglich mache.

Im Bundestag sind derzeit mehrere fraktionsübergreifende Gesetzentwürfe für ein "Sterbehilfegesetz" in Arbeit. Sie reichen vom Verbot bis zur Legalisierung des ärztlich assistierten Suizids. (af)

[03.10.2014, 06:58:35]
Lutz Barth 
„Dünnbrettbohrer“ aller Orten und aus allen „Lagern“!
Mit Verlaub: Von einer Diskussionskultur sprechen zu wollen, halte ich angesichts der üblichen „Sonntagsreden“ im Sterbehilfediskurs für doch eher schmeichelhaft, fehlt den Diskutanten doch nicht selten das entsprechende Fachwissen!

Moderne „Geschwätzigkeit“ charakterisiert einen scheinbaren „bioethischen Hochdiskurs“, der sich weniger durch intelligente Beiträge denn durch laienhaftes Philosophieren „auszeichnet“. Beide „Lager“ vertreten jeweils die „dümmsten Argumente“ aus dem „Universum“ – einem Universum, welches allerdings lediglich aus der individuellen Gewissensentscheidung der führenden Diskutanten besteht und keinesfalls die „Wertepluralität“ abbildet, die allerdings nach verfassungsrechtlichen Maßstäben nicht nur gewünscht, sondern auch eingefordert wird.

Ob Montgomery, Minelli, Kusch und Co.(aber auch andere – vorzugweise säkulare – Humanisten) mit ihren „Statements“ einen Beitrag zu einem gewünschten qualifizierten Diskurs über das frei verantwortlichen Sterben eines schwersterkrankten Menschen leisten, mag ein Jeder für sich selbst entscheiden.

Der „bioethische Hochdiskurs“ zeichnet sich m.E. vielmehr durch seine soziologische und verfassungsrechtliche „Unterbelichtetheit“ aus, in dem mehr „geschwätzt“, denn argumentiert wird. Einzelpersonen besetzen ein Terrain und versuchen hier, die Meinungsführerschaft zu übernehmen, ohne dabei zu verinnerlichen, dass allen voran sich auch das Verfassungsrecht an rationalen Vorgaben zu orientieren hat!

Die Debatte über das frei verantwortliche Sterben eines schwersterkrankten Menschen gerät so zur „Provinzposse“ von „ethischen und moralischen Überzeugungstätern“, die nicht im Ansatz den rechtsethischen Standard des Grundgesetzes begriffen haben!

Die „Debattenkultur“ liegt nicht nur im Argen, sondern sie ist schlicht „unterirdisch“ und beschämend. Jeder „Dampfmichel“ zelebriert seinen „geistigen Meteorismus“ und es wird versucht, im „bioethischen Hochdiskurs“ zu punkten.

Ein Versuch, der auf Dauer scheitern wird, auch wenn im Zweifel die parlamentarischen Verantwortlichen sich selbst von Irrationalitäten bei ihrer Entscheidung leiten lassen. Dies ist und bleibt ein „Privileg“ der politisch Verantwortlichen, auch wenn diese eben nicht wissen, „was sie tun“!
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[02.10.2014, 23:02:57]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
DIGNITAS - "Dammbrüche" in der Diskussionskultur?
Laut WIKIPEDIA ist "Ludwig Amadeus Minelli (* 5. Dezember 1932 in Zürich) ein Schweizer Rechtsanwalt und Journalist"..."1998 gründete er in Zürich den Verein Dignitas, der sterbewilligen Menschen (insbesondere auch aus dem Ausland) Beihilfe zum Suizid anbietet"... Es steht ihm selbstverständlich das Recht auf freie Meinungsäußerung zu. Doch die ihm eigene Parteilichkeit und seine Interessenlage ("conflicts of interest") sollten erkennbar sein.

Der Titel des Kommentars: "Das dümmste Argument im Universum" fällt auf den Autor selbst zurück, der als Nicht-Mediziner über die Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde gar nicht verfügt:

1. Die "ärztliche Assistenz zum Suizid in Deutschland" ist weder seit langem noch "seit längstem legal" - sonst würde nicht so ernsthaft und intensiv darum gerungen werden müssen.
2. Ernsthafte "Studien in allen Ländern, in welchen vernünftige Sterbehilfe nicht nur zulässig ist, sondern zufolge der vorhandenen Rahmenbedingungen auch stattfinden kann"... sind mir weder bekannt, noch werden sie hier von Ludwig A. Minelli zitiert oder vorgetragen. Die Begrifflichkeit von "vernünftige Sterbehilfe" ist studienfern in der medizinischen Propädeutik unbekannt bzw. eher utilitaristisch besetzt.
3. Eine undefinierbare "vernünftige Sterbehilfe" mit dem evaluierbaren "Stand der Palliativmedizin im Vergleich zu anderen Ländern" in Beziehung setzten zu wollen, ist abwegig und unlogisch.
4. Dass "vernünftige Sterbehilfe möglich ist, ..."die Nöte der Alten und Kranken wirklich ernst zu nehmen und dafür zu sorgen, dass die Zahl jener, die Sterbehilfe in Anspruch nehmen, so klein wie nur immer möglich gehalten werden kann" steht in krassem Widerspruch zum L. A. Minelli ÄZ-Kommentar vom 27.08.2014, in dem "Bewusste Irreführung einer wissenschaftlichen Zeitschrift" beklagt wird, weil "zwei aufgrund äusserer Einflüsse schwache Jahre von Dignitas ausgewählt" worden seien. Vgl. http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/sterbehilfe_begleitung/article/867215/suizid-tourismus-faelle-sterbehilfe-schweiz.html
5. Das Statement: "Zufolge behördlicher Eingriffe war die Kapazität von Dignitas in jener Zeit von aussen beschränkt", belegt doch unmittelbar, dass die darauf folgenden "prognostizierten Dammbrüche" durchaus im Bereich des Möglichen liegen.
6. Ich habe in 39-jähriger ärztlicher Berufserfahrung niemals mein "Stethoskop zum Abhorchen des Ungenügens medizinischer Versorgung" verwendet, sondern ausschließlich zum Detektieren von Herz-, Lungen-, Abdominal-, Carotis-, PAVK- und Schwangerschafts-Erkrankungen.

Damit disqualifizieren sich Angriffe auf den von mir hochgeschätzten Prof. Dr. med. Winfried Hardinghaus, der neben seinen umfangreichen klinischen, lehrenden und weiterbildenden Tätigkeiten auch kommissarischer Vorstand des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands ist. Ein "Dr. Death" ist mit uns Ärztinnen und Ärzten nach meiner innersten persönlichen Überzeugung nicht zu machen!

Als Facharzt für Allgemeinmedizin mit einer GKV-PKV-Versorgungspraxis ("von der Wiege bis zur Bahre") im Dortmunder Zentrum erkläre ich, dass etwaige Interessenkonflikte n i c h t vorliegen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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[02.10.2014, 07:51:52]
Ludwig A. Minelli 
Das dümmste Argument im Universum
Die Ansicht von Prof. Dr. med. Winfried Hardinghaus, Chefarzt für Innere Medizin und Ärztlicher Direktor am Klinikum St. Georg-Krankenhaus St. Raphael Ostercappeln und Franziskushospital Georgsmarienhütte, wenn der ärztlich assistierte Suizid legal werden sollte, drohe ein Dammbruch; die Gesellschaft könne dann einen Druck auf Sterbende aufbauen, diesen Weg einzuschlagen, ist das dümmste Argument im Universum. Wer es weiterhin benutzt, stellt nichts anderes unter Beweis als seine eigene Unfähigkeit, die Realitäten zur Kenntnis nehmen und daraus die richtigen Schlüsse ziehen zu können.
•Erstens war und ist ärztliche Assistenz zum Suizid in Deutschland seit längstem legal; es gibt kein deutsches Gesetz, welches dies verbietet, und deutsche Gerichtsurteile haben gezeigt, dass der Versuch, sie standesrechtlich unzulässig zu machen, aus verfassungsrechtlichen Gründen zum Scheitern verurteilt ist.
•Zweitens zeigen sämtliche Studien in allen Ländern, in welchen vernünftige Sterbehilfe nicht nur zulässig ist, sondern zufolge der vorhandenen Rahmenbedingungen auch stattfinden kann, dass die auch dort jeweils prognostizierten Dammbrüche vollständig ausgeblieben sind.
•Drittens ist festzustellen, dass in jenen Gebieten, in denen vernünftige Sterbehilfe möglich ist, der Stand der Palliativmedizin im Vergleich zu anderen Ländern am höchsten ist.
Das bedeutet: Wo vernünftige Sterbehilfe möglich ist, übt die Gesellschaft einen Druck auf die Krankenindustrie aus, die Nöte der Alten und Kranken wirklich ernst zu nehmen und dafür zu sorgen, dass die Zahl jener, die Sterbehilfe in Anspruch nehmen, so klein wie nur immer möglich gehalten werden kann. Sie ist nichts Anderes als das Thermometer zum Messen der Temperatur oder das Stethoskop zum Abhorchen des Ungenügens medizinischer Versorgung.
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