Ärzte Zeitung online, 13.11.2014

Bundestag

Gutes Sterben - Braucht es neue Gesetze?

Mehr Palliativversorgung: Ja. Aber sind neue Regeln für den assistierten Suizid nötig? Der Bundestag ringt um eine Position.

Gutes Sterben - Braucht es neue Gesetze?

Beratung: Peter Hintze (CDU), Dagmar Wöhrl (li., CSU), Carola Reimann (SPD), Katherina Reiche (re., CDU).

© Albig / dpa

BERLIN. Fast fünf Stunden offene Debatte, 48 Redebeiträge: Der Deutsche Bundestag hat am Donnerstag um Orientierung beim Thema Sterbehilfe und Sterbebegleitung gerungen.

Grundlage der Diskussion bildeten fünf Positionspapiere jeweils fraktionsübergreifender Gruppen. Einigkeit herrschte über den Ausbau der palliativmedizinischen und hospizlichen Versorgung und ein Verbot gewerblicher Sterbehilfevereine.

Die herausragende Rolle der Ärzteschaft dabei betonten alle Redner. "Ich möchte davor warnen, das persönliche Arzt-Patienten-Verhältnis zu verrechtlichen", warnte der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn.

Die Straffreiheit des ärztlich assistierten Suizids und die standesrechtlichen Verbote dieser Handlungen in zehn Kammerbezirken könnten koexistieren. Wir müssen aufpassen, dass wir kein Problem großreden, um es anschließend zu lösen.

Zuvor hatten mehrere Abgeordnete die Kammern wegen ihrer berufsrechtlich angedrohten Sanktionen für Ärzte gerügt, die beim Suizid eines Patienten assistieren. Die Ärzteschaft solle intern einmal diskutieren, ob das noch zeitgemäß sei, sagte der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, Edgar Franke (SPD).

Lob vom BÄK-Präsidenten

In einer ersten Reaktion lobte der Präsident der Bundesärztekammer, Professor Frank Ulrich Montgomery, "dass es einen großen Konsens gibt, Sterbehilfevereinen das Handwerk zu legen." Beihilfe zum Suizid sei aber auch keine ärztliche Aufgabe, sagte Montgomery.

Die meisten Debattenbeiträge hoben darauf ab, Arzt und Patient sowie Angehörigen individuelle Freiräume zu lassen, das heißt das geltende Recht unangetastet zu lassen. Regelungsbedarf sahen die Abgeordneten bei gewerbsmäßiger Sterbehilfe und Ärzten, die sich als Seriensterbehelfer betätigen.

Hier solle es strafrechtliche Regelungen geben. Lediglich eine Gruppe setzt sich für Sterbehilfevereine ein, die allerdings nicht gewerblich sein dürfen.

Der Sozialverband vdk verwies im Anschluss an die Debatte darauf, dass Krankenkassen oft die Übernahme der Kosten für ambulante Hospizversorgung ablehnten, und forderte ein Gegensteuern.

"Mit diesem Tagesordnungsordnungspunkt beginnen wir das vielleicht anspruchsvollste Projekt dieser Legislaturperiode", sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert zur Eröffnung. Ein Jahr hat sich der Bundestag für das Projekt Zeit gegeben. Im Februar soll die Debatte mit regelrechten Gesetzesanträgen fortgesetzt werden.

Wie gelingt würdevolles Sterben?

Weder "Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein": Das Zitat aus der Offenbarung des Johannes, das der Abgeordnete Peter Hintze (CDU) vortrug, war wie ein Leitmotiv der fast fünfstündigen Debatte des Bundestags zu Sterbehilfe und Sterbebegleitung. Wie gelingt würdiges Sterben? Braucht es dafür neue rechtliche Vorgaben? Wenn ja, welche?

Hintze warb am Donnerstag für einen geplanten interfraktionellen Gruppenantrag, der Ärzten Rechtssicherheit geben soll und der Möglichkeit des ärztlich assistierten Suizids im Bürgerlichen Gesetzbuch verankern will. Es sei unvereinbar mit der Menschenwürde, wenn aus dem Schutz des Lebens "ein Zwang zum Qualtod wird", befand Hintze und erhielt viel Beifall aus dem zur Hälfte gefüllten Plenum des Bundestags.

Die biblische Vision eines Lebens ohne Leid und Schmerzen - sie wurde unter Verwendung anderer Begriffe freilich auch von Parlamentariern angeführt, die Fürsorge an der Stelle von Selbstbestimmung betonten. "Ich wünsche mir, dass wir eine sorgende Gesellschaft sind", sagte Kerstin Griese (SPD).

Autonomie sei nur in Gemeinschaft denkbar. Sie plädiert zusammen mit ihrer Fraktionskollegin Eva Högl dafür, die ärztlichen Freiräume der Behandlung nicht einzuschränken, will zugleich aber Rechtssicherheit für Ärzte erreichen. Dafür müsse der Flickenteppich von Regelungen der Landesärztekammern beseitigt werden.

Högl und Griese sehen die Ärzteschaft am Zug, einheitliche Positionen in ihrem Standesrecht festzulegen. Auch Thomas Oppermann (SPD) appellierte an die verfasste Ärzteschaft, die im Jahr 2011 geänderte Regelung in der Musterberufsordnung zu "überdenken". Dort heißt es seitdem: "Ärzte dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten."

Eine Mehrheit der Redner sprach sich dafür aus, die Arbeit organisierter oder kommerzieller Sterbehilfeorganisationen zu verbieten. Oppermann bezeichnete deren Treiben als "trostlos und deprimierend".

Mit dem Verbot dieser Vereine allein sei den Menschen noch nicht geholfen. Oppermann regte an, eine Entscheidung des Bundestags über Sterbehilfe so lange zu vertagen, bis ein umfassender Ausbau der Palliativversorgung tatsächlich gelungen ist.

Schmerzfreiheit ja, aber Druchhalten bis zuletzt?

Abgeordnete wie Valerie Wilms (Grüne) wollen sich mit dieser Perspektive nicht abfinden: "Schmerzfreiheit ja, aber Durchhalten bis zum natürlichen Ende?" Dies lehnte Wilms ab und votierte dafür, Ärzten den assistierten Suizid rechtlich zu ermöglichen.

Vor allem Unionsabgeordnete warnten vor einer Rechtsänderung, die - so Michael Brand - eine Tür öffne, die nicht mehr zu schließen sei. Auch bei der Sterbehilfe schaffe sich "das Angebot die Nachfrage", warnte er. Mit der Institutionalisierung des ärztlich assistierten Suizids werde das Weiterleben begründungspflichtig, sagte Hubert Hüppe (CDU).

Zumal es, anders als oft in den Medien, nicht um "ehemalige Intendanten und Playboy-Legenden" gehe, sondern um oft einsame, alte Menschen, so Hüppe, der die Legalisierung des ärztlich assistierten Suizids als "Dammbruch" ablehnt.

Mit "Prinzipienreiterei", so antwortete Burkhard Lischka (SPD) in der Debatte, "werden keine qualvollen Schmerzen verhindert". Er werde nicht die Hand dafür heben, "dass andere Menschen Objekt meiner Moralvorstellungen werden". Lischka unterstützt die Position Hintzes, der Rechtssicherheit für den ärztlich assistierten Suizid erreichen will.

Rechtssicherheit bei assistiertem Suizid schaffen

Zu den Mitautoren des Papiers von Hintze gehört Karl Lauterbach (SPD). Der Gesundheitspolitiker meinte, wer die Arbeit von organisierten Sterbehilfevereinen verbieten wolle, müsse auf der anderen Seite auch Rechtssicherheit für das Handeln von Ärzten schaffen. Das sei nichts, was "ein Ärzteparlament entscheiden soll" -  sondern eben der Bundestag.

Vor allem Sprecher der Union warnten davor, das Arzt-Patienten-Verhältnis durch eine Regelung zur Sterbehilfe zu verrechtlichen. "Zeigen Sie mir einen Fall, in dem ein Arzt berufsrechtliche Probleme bekommen hat, weil er im Einzelfall Sterbehilfe geleistet hat", sagte Jens Spahn (CDU).

Er warnte davor ein "Problem groß zu reden, das keines ist". Zwei Redner schlugen vor, nicht nur dem Sterben, sondern auch dem Leben fünf Stunden Debatte im Bundestag zu widmen: Nämlich der Situation der Pflege in Deutschland. (af/fst)

Lesen Sie die Debatte noch einmal nach unter: www.twitter.com/aerztezeitung

[17.11.2014, 23:08:22]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Verehrter Lutz Barth, wir wollen doch bitte beim Thema bleiben, gerne auch juristisch:
ad hominem Themen sind eigentlich schon bei den alten Griechen im argumentativen Disput verpönt gewesen (wider die Dialektik der Philister). Wenn Sie ihn nicht leiden mögen, glauben sie mir einfach, dass ich ihn umso besser leiden kann.
Sie haben sicher recht, dass das "Arztrecht" was immer Sie damit genau meinen, weniger natürlich die Ethik (Hypokrates) in Deutschland von Juristen geprägt wurde! Immerhin ist auch heute noch ein planmäßiger Heileingriff, wie die nicht selten lebensrettende Entfernung eines entzündeten Wurmfortsatzes eine strafbare Körperverletzung ..
wenn nicht, ... bla bla eine "wirksame", bla bla, das wird immer neu definiert, was ist wirksam... usw.
Auch die erfolgreiche letztlich durchaus lebensrettende Lebertransplantation mit wirksamer Zustimmung natürlich ist ja z.Zt. gerade ein "Skandal", sagt man doch, die vom Staatsanwalt mit Todschlagsanklage verfolgt wird, mit dem winzigen Schönheitsfehler, dass nur der Tote noch nicht gefunden ist, sozusagen rein juristisch virtuell, alle sind natürlich damit einverstanden ....
Nun, vielleicht gerade deshalb sind ja ihre Berufskollegen, wie man hört doch sehr sehr skeptisch, ausgerechnet den bösen Ärzten die Erlaubnis zu erteilen das gesetzlich geschützte Lebensrecht eines anderen zu missachten und im Gegenteil aktiv handelnd seinen Tod zu bewirken.
Das beruhigt mich ehrlich gesagt in diesem Fall tatsächlich etwas in diesem juristischen Dickicht des Arztberufes, in dem überwiegend gnadenlos die Umkehr der Beweislast durchgesetzt ist. Es beruhigt mein Gewissen, damit Sie mich hier nicht falsch verstehen.
Wie soll ich im Zweifelsfall aber beweisen, wenn die bezeugende Person nicht mehr unter den Lebenden weilt? Dann bin ich gnadenlos dran, wegen dieser Umkehr, Sie wissen schon.
Wenn nun die Lebertransplantation schon Todschlag ist und die Entfernung eines kranken Wurmfortsatzes Körperverletzung, wie sollte man dann bitte aktive Tötung durch Ärzte juristisch bezeichnen?
Hier könnten Sie tatsächlich die Kreativität entwickeln, die in dem bisherigen sehr engen antiärztlichen Netz irgendwie herausgehalten werden könnte? jatrogen würde ich vermeiden, klingt schon nach oberschuldig.
Meinen Sie echt,
das könnte gelingen?
Sie fanden da so schöne Worte der freien Gewissensentscheidung,
nun, die befolge ich ja auch bei der akuten Blinddarmentfernung, nützt mir aber nichts, wenn da ein Jurist,
immer hinterher natürlich, wenns zu spät ist, kommt und meint es wäre doch Körperverletzung GEWESEN, weil der Patient ZWAR zugestimmt hätte, ABER, er war ja wegen Schmerzen in einer Notsituation und konnte in dieser nicht so unbefangen urteilen als wenn er nicht in einer Notsituation gewesen wäre, also war diese Einwilligung somit unwirksam und die lebensrettende Operation eine strafbare Körperverletzung, die mit Gefängnis nicht unter ..... zu bestrafen ist, immerhin wurde ja sogar, man bedenke doch, die intakte Bauchdecke durchtrennt...
also vor Gericht und auf hoher See, nun das kennen Sie sicher besser als ich.
Mit freundlichen Grüßen
 zum Beitrag »
[17.11.2014, 17:36:30]
Lutz Barth 
Auch "Präsidenten" müssen sich der Kritik stellen!
Verehrter Herr Dr. Bayerl.

Nun – ich danke für den sicherlich wohlgemeinten Ratschlag, muss aber dennoch an meiner Kritik an der ethischen Erziehungsarbeit des amtierenden Präsidenten der BÄK festhalten, setzt sich dieser doch letztlich um hochrangige Grundrechte insbesondere seiner Kolleginnen und Kollegen ohne erkennbare Not hinweg. Dieser unsägliche Umstand darf m.E. nicht beschönigt werden, insbesondere auch nicht in Kenntnis dessen, dass gerade mit Blick auf andere bioethische Hochdiskurse in aller Regel die Gewissensfreiheit der Ärzteschaft gewahrt bleibt (z.B. hinsichtlich der Schwangerschaftsabbruchproblematik). Es geht mir im Wesentlichen um konstruktive Kritik und da der Präsident der BÄK – moderat ausgedrückt – ein durchaus gespaltenes Verhältnis zu den Juristen hat und insofern unbelehrbar erscheint, mag man/frau mir die durchaus herbe Kritik auch nachsehen, schweigen doch gerade die Juristen bei der BÄK oder in anderen Landesärztekammern beharrlich zu der Frage der Reichweite der Normsetzungskompetenz der Kammern, die beileibe eben nicht „grenzenlos“ ist.

Zudem hat sich der Präsident der BÄK auch in den letzten Jahren keine besonderen Meriten verdient, wenn es darum geht, Grundrechte auch der Patienten zu respektieren. Ich erinnere an die von sachlicher Unkenntnis geprägten Statements in der Debatte um die Patientenverfügungen und insofern drängt sich mir der Verdacht auf, dass nicht nur er, sondern auch andere Ärztefunktionäre erhebliche Probleme haben, die Bedeutung und Funktion von Grundrechten in unserem freiheitlichen Verfassungsstaat zu erkennen und hiernach im Zweifel ihre Entscheidungen auszurichten.

Insofern darf in einem interprofessionellen Diskurs auch Kritik geübt werden, mal ganz davon abgesehen, dass das Arztrecht und die Arztethik die wesentlichen Impulse gerade vom Recht erhalten haben!

In der Sache selbst sollte es jedenfalls die Ärzteschaft bedenklich stimmen, wenn allen voran ihr Präsident erheblich dazu beiträgt, dass das Grundrecht der (ärztlichen) Gewissensfreiheit seines Kerns beraubt wird, obgleich es einen anderen Weg (analog der Mitwirkung an einem Schwangerschaftsabbruch) gegeben hätte. Dass dies die juristischen Berater der BÄK oder der LÄK nicht erkannt haben, entlastet den Präsidenten der BÄK wenig, plädiert er doch andererseits vollmundig für den Schutz etwa des Streikrechts – einem durchaus überragenden Grundrecht (auch in seiner kollektivrechtlichen Dimension).


Ähnliches Engagement hätten die ärztlichen Kolleginnen und Kollegen auch bei der Wahrung ihres Grundrechts auf Gewissensfreiheit erwarten dürfen. Dass dies nicht geschieht, ist mehr als bedauerlich, zumal der Vorgänger durchaus bereit war, ein Stück weit der individuellen Gewissensfreiheit Rechnung zu tragen.

Es verbleibt bei meiner Einschätzung: Die Ärzteschaft benötigt keine ethischen Zuchtmeister und die BÄK ist weit davon entfernt, als "moralische Autorität" insbesondere in unserer pluralen Gesellschaftsordnung wahrgenommen zu werden.
 zum Beitrag »
[17.11.2014, 00:41:04]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Verehrter Lutz Barth, nicht auf unseren Ärztepräsident schimpfen.
Beschäftigen Sie sich lieber mit Ihren juristischen Kollegen.
Die sind übrigens auch auf unserer Seite.
 zum Beitrag »
[14.11.2014, 15:18:18]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Nach der großen Bundestags-Debatte zum Thema Sterbehilfe
Die Abgeordneten (MdB) im Deutschen Bundestag (DBT) haben die Möglichkeit genutzt, ohne "ethisches Zwangsdiktat" inhaltlich auf die moralisch-ethischen Dimensionen, die Gratwanderungen zwischen "Tötung auf Verlangen" (§216 StGB), aktiver und passiver Sterbehilfe bzw. ärztlich assistiertem Suizid, aber auch kommerziell und/oder privat organisierter Sterbehilfe mit Worten, Denken, Fühlen, Wollen und Meinungen einzugehen. Dazu war bei den Frauen und Männern im DBT auch kein "bioethischer Hochdiskurs" oder eine verfassungsjuristisch diffizile Güterabwägung zwischen Fremd-, Selbstbestimmung bzw. verfasster Autonomie nötig, sondern eher die Reflexion der eigenen Lebens- und Grenzerfahrungen mit dem Sterben und den Sterbenden.

Als Ärzte in Klinik und Praxis erleben wir in vielen Fachbereichen täglich Menschen, die nicht mehr leben wollen und können, die sich selbst (und manchmal auch anderen) den Tod wünschen, die sich selbst aufgeben haben. Wir können und dürfen diese nicht einfach in den Tod schicken, weil die Meisten doch entweder froh und glücklich sind, wenn wir ihnen therapeutisch helfen können. Oder sie sind erleichtert darüber, dass wir offen über palliative Maßnahmen und Möglichkeiten sprechen. Wir Ärztinnen und Ärzte wollen nicht mit einem einseitig verstandenen Selbstbestimmungsrecht und pseudo-juristischen Argumenten zum "Doctor Death" degradiert werden.

Meine ganz persönliche Meinung: Das wie auch immer geartete "Geschäft" mit der organisierten Sterbehilfe, aber auch das private "Helfer-Syndrom" z. B. eines selbsternannten "Sterbehelfers" Peter Puppe im Beitrag von "Report Mainz" am 14. Januar 2014 ("wenn Sie wüssten, was ich alles studiert habe...nach 8 Jahren täglichem, vielfältigem Eigenstudium") oder das des bundesweit reisenden urologischen Kollegen Uwe-Christian Arnold mit seiner ärztlichen Sterbehilfe-Tätigkeit sind keineswegs ausschließlich altruistisch-selbstaufopfernd sondern immer auch ein Stück weit überheblich-selbstüberschätzend und von Eigeninteresse geleitet. Eine Kommerzialisierung lässt sich nie sicher ausschließen. vgl. http://www.aerztezeitung.de/panorama/?sid=853241.

In dem man vorgibt, alleine zu wissen, was für Sterbende gut und richtig ist, dass die eigentlich medizinischen Palliativ-Experten ignorant, verleugnend und unwissend seien, möchte man für sich selbst einen gewissen taktischen Vorteil herausarbeiten. Der z. B. darin bestünde, dass damit alle vorherigen ärztlichen Bemühungen sich ad absurdum führen ließen bzw. bei verzweifelt terminal Kranken ohne Familienangehörige man relativ unkontrolliert auch zum eigenen Vorteil verfahren könnte.

Sterbewille, Des-Lebens-Überdrüssig-Sein und Suizidbeihilfe müssen i n h a l t l i c h diskutiert werden. In der gesellschaftspolitischen Diskussion um zahlreiche Varianten organisierter, gemeinnütziger, aktiver, passiver, geduldeter oder unterlassener Sterbehilfe sind ärztlich begründete Positionen gegenüber der Mehrheit widerstreitender rechtspolitischer und auch mancher populistischer Expertisen unterrepräsentiert. Die Frage, ob durch ein vom DBT mehrheitsfähig verabschiedetes Bundesgesetz kommerziell organisierte, ehrenamtliche, gemeinnützige oder im sozialen Nahbereich privat stattfindende Sterbehilfe verboten, geregelt, gefördert oder eingeschränkt werden solle, kommt mir selbst manchmal eher ideologie- und fremdbestimmt vor. Denn sie verstellt den Blick darauf, worum es eigentlich geht: Soll dann jedem/r, der glaubt, einem Sterbenden persönlich, sozial oder familiär nahe zu stehen, auf persönlichen Zuruf des Sterbenden, "ich kann nicht mehr", "ich will nicht mehr leben", "lasst mich doch sterben" oder "es soll ein Ende haben" erlaubt sein, dem Todgeweihten den Schierlingsbecher zu reichen oder gar das Kopfkissen aufs Gesicht zu drücken? Sind das wirklich immer uneigennützige Helfersyndrome, die sich in verschiedensten Spielarten der Sterbe-Hilfe verwirklichen wollen?

Viele meiner Kolleginnen und Kollegen bzw. ich selbst haben unsere professionelle, humanmedizinische Sozialisation und kulturelle Reflexionsfähigkeit im Gegensatz zu Juristen, Soziologen und Politologen in Studium, Klinik, und Praxis über die Interaktionen mit unseren Patienten erworben. Deshalb sollten uns Juristen, Parteipolitiker, widerstreitende Regierungsmitglieder jedweder Couleur, während wir schwerpunktmäßig noch mit Anamnese, Untersuchung, Differenzialdiagnostik, mehrdimensionaler Therapie, Palliation und Prävention beschäftigt sind, nicht zwingen, gleichzeitig darüber nachzudenken, wann und wie wir unsere todkranken Patienten aus ärztlicher Sicht am besten um die Ecke bringen könnten.

Es ist typisches Merkmal juristischer und gesellschaftspolitischer Kontemplation bzw. abwägender Erörterung in Legislative, Judikative und Exekutive ad hoc Entscheidungen zu vermeiden bzw. den tatsächlichen Taten Dritter ex post Beurteilungen folgen zu lassen. Damit wird konflikthaftes Erleben der Sterblichkeit, Ambivalenz und tätiges Entscheiden externalisiert: Der (fremde) Arzt soll mit ärztlich assistiertem Suizid oder aktiver Sterbehilfe auf eigene Verantwortung tätig werden. Während Betroffene, Angehörige, dritte Personen oder Juristen, die auch aktive Suizidbeihilfe leisten könnten, ihr dann möglicherweise schuldhaft erlebtes, aktives Handeln nicht selbst reflektieren und seelisch oder juristisch aufarbeiten müssen?

Denn in der Fassung vom 13.11.1998 gilt der Paragraf 216 Strafgesetzbuch (StGB) "Tötung auf Verlangen" unverändert und uneingeschränkt weiter (Berücksichtigter Stand der Gesetzgebung: 1.7.2013). Der Text lautet: "(1) Ist jemand durch das ausdrückliche und ernstliche Verlangen des Getöteten zur Tötung bestimmt worden, so ist auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu erkennen. (2) Der Versuch ist strafbar." Das Strafrecht und der StGB stehen ü b e r jeglichem Berufsrecht, so dass die Verbotsnorm des "Töten auf Verlangen" für alle Bürgerinnen und Bürger gleich welcher Profession und sozialem Status verbindliches Recht darstellt.

Vermeidungsstrategie und Angstabwehr sind weit verbreitet, wenn es ums Sterben geht; auch ich selbst kann mich davon nicht frei sprechen. Nach Autonomie, Bewusstheit und Eigenverantwortung zu streben heißt, sich aktiv mit Sterben, Tod, und Vergänglichkeit auseinanderzusetzen, um seinen letzten Willen zu formulieren. Da helfen Analogien aus waidmännischen und veterinärmedizinischen Bereichen nicht. Der Fangschuss, der Gnadentod, die Erlösungspflicht von unzumutbarem Leiden oder Behinderung bzw. "Eu-Thanatos" sind der Bewusstheit, der Erlebenswelt, dem Tötungs- bzw. Willkürverbot der "Conditio humana" wesensfremd. Wenn wir das Leben von Haus-, Nutz- und Wildtieren aktiv beenden, um finales Leiden zu ersparen, müssen wir uns klar machen, dass diese auch zu respektierenden Kreaturen nicht von uns Menschen gezeugt und geboren, sondern in aller Regel gekauft, erworben oder zufällig verletzt aufgefunden wurden.

Von uns Ärztinnen und Ärzten statt Heilung, Linderung und Palliation als zusätzliche Tätigkeitsmerkmale verpflichtend aktives Beschleunigen und Eingreifen in den Sterbevorgang bei (prä)finalen Patienten zu erwarten, ist abwegig. Niemand verlangt von Feuerwehrleuten mit ihrem internationalen Motto: "Retten – Bergen – Löschen – Schützen", Brand- oder Unfallopfer mit infauster Prognose einfach liegen und sterben zu lassen bzw. ihr Leiden aktiv zu verkürzen. Unser ärztliches Motto kann nur sein: "Helfen, Heilen, Lindern, Schützen … und Loslassen"!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »
[14.11.2014, 06:59:59]
Lutz Barth 
Sterbehilfedebatte ist „arztethisch unterbelichtet – frei nach dem Motto: Befrage nicht Dein Gewissen, sondern Deinen Präsidenten!
Während im Diskurs sich Mitdiskutanten dazu veranlasst sehen, persönliche Briefe an die Abgeordneten zu schreiben, Schelte gegenüber Andersdenkenden zu üben und im Übrigen aus Methode einen wissenschaftlichen Diskurs durch vornehme Geschwätzigkeit zu verwässern beabsichtigen und ihre Botschaften aus „ethischen und transzendenten Glaskugeln“ generieren, bleiben erstaunlicherweise die Ablenkungsmanöver der Ärztefunktionäre von „hausgemachten ethischen Problemen“ und den damit einhergehenden Grundrechtsbeeinträchtigungen von nachhaltiger interner Kritik verschont.

Es leuchtet mir nicht ein, weshalb Ärztefunktionäre unverhohlen entgegen den guten wissenschaftlichen Standards schlicht den Umstand leugnen können, dass ein arztethischer Konsens mit Blick auf die im Einzelfall mögliche ärztliche Suizidassistenz nicht feststellbar ist und das dieser vermeintliche Konsens nur dadurch abgesichert wird, in dem allen voran die Bundesärztekammer mit ihren eigens auf den Weg gebrachten Initiativen ein allgemeines Verbot in der Musterberufsordnung hat etablieren können, freilich abgesegnet durch eine Mehrheit nicht minder mit Verfassungsrechtsfragen überforderter Delegierter, die da meinen, ihre individuelle Gewissensentscheidung könne über eine demokratisch herbeigeführte und demzufolge abgesicherte Mehrheitsentscheidung das Grundrecht der (ärztlichen!) Gewissensfreiheit quasi ersetzen und seines eigentlichen Kerns berauben!

Mit Verlaub: Unsere Gesellschaft, aber auch die verfasste Ärzteschaft benötigt keine „Oberethiker“, die da von sich aus meinen, ethischen Druck über berufsrechtliche Regelungen auf ihre Kolleginnen und Kollegen ausüben zu können und dies mit demokratiepolitischen Argumenten zu legitimieren versuchen.

Auch wenn es vielleicht bei dem einen oder anderen Leser ein mildes und im Zweifel sarkastisches Lächeln hervorrufen wird, so sehe ich mich dazu veranlasst, insbesondere den Präsidenten der BÄK zur „Ordnung“ zu rufen und im Zweifel seinen Rücktritt einzufordern, erweist sich dieser doch in einem bioethischen Hochdiskurs als ein ethischer Überzeugungstäter, der nicht davon zurückschreckt, wie ein kleines Kind störrisch an einer berufsrechtlichen Regelung festhalten zu wollen, die sich schlicht als unethisch und m.E. verfassungswidrig erweist.

Montgomery entzieht sich durch seine arztethischen und immer wieder gebetsmühlenartig vorgetragenen Sonntagsreden einer fundierten Debatte und übersieht geflissentlich die kritischen Stimmen aus der eigenen Zunft, die über geballten medizinethischen Sachverstand verfügen und eben nicht einen Beitrag zur Trivialisierung eines Diskurses leisten, sondern insbesondere zum weiteren Nachdenken anregen. Weshalb sich gerade der „oberste Repräsentant“ der deutschen Ärzteschaft hiervon unbeeindruckt zeigt, muss nicht nur erstaunen, sondern geradezu zur Verärgerung führen, blendet dieser doch nicht nur die Standards des guten wissenschaftlichen Arbeitens aus, sondern er ignoriert zugleich auch die Ethik als Wissenschaftsdisziplin, mit der er scheinbar überfordert ist – sei es nun mangels Wissen oder schlichter Ignoranz.

Der Präsident der BÄK und seine Getreuen wandeln weiter unbeeindruckt auf den Spuren eines Hippokrates und Hufelands und nehmen hierbei bewusst in Kauf, dass zentrale Grundrechte ihrer Kolleginnen und Kollegen „ungestraft“ einstweilen versenkt werden können.

Es bleibt zu fragen, wie lange dieser Rechts- und Verfassungsbruch noch akzeptabel erscheint und ob es der Ärzteschaft gelingt, sich von dem ethischen Zwangsdiktat in § 16 Ä-MBO kurzfristig zu distanzieren und zu lösen?

Auf ein Einlenken der Ärztefunktionäre zu hoffen, dürfte nicht von Erfolg gekrönt sein, steht doch auch für die Ärztefunktionäre nach der ethischen Erziehungsarbeit der letzten Jahren ihre persönliche Glaubwürdigkeit auf dem Spiel, mal ganz davon abgesehen, dass es ihnen augenscheinlich schwer fällt, jedenfalls die eigene Gewissensentscheidung tatsächlich als eine unter vielen innerhalb einer pluralen Wertegemeinschaft einzuordnen.

Toleranz ist das Gebot der Stunde, auch und gerade mit Blick auf den ärztlichen Berufsstand und all diejenigen, die sich mit dem Toleranzprinzip nicht anfreunden können und einer ethischen Gleichschaltung den Weg bereiten, sollten die Konsequenzen ziehen und ihr Amt niederlegen.

Es gilt nicht „nur“ das Streikrecht zu verteidigen, sondern auch individuelle Grundrechte, die bedauerlicher Weise durch die eigenen Funktionäre nachhaltig verletzt werden!

Im Übrigen muss betont werden, dass auch die Mehrheit des Deutschen Ärztetages sozusagen in kollektiver Eintracht mit Verantwortung dafür zeitigt, dass Grundrechte ihrer Kolleginnen und Kollegen verletzt wurden! So ungewöhnlich ist dieser Befund nicht, muss doch auch der demokratisch legitimierte Gesetzgeber manchmal schmerzhaft die Erfahrung machen, dass seine Gesetze gelegentlich verfassungswidrig sind!

Die BÄK und die Landesärztekammern bleiben aufgerufen, ihre Rolle als arztethische Zuchtmeister und Bewahrer des hippokratischen „Erbes“ abzulegen und endlich eine Regelung auf den Weg zu bringen, die der Rolle und der damit verbundenen ethischen Integrität der einzelnen Ärztinnen und Ärzte gerecht wird.

Ein ethischer Flickenteppich ist nicht hinnehmbar und Jens Spahn unterliegt einem beachtlichen Irrtum, wenn er meint, die Straffreiheit der ärztlichen Suizidassistenz und die standesrechtlichen Verbote könnten nebeneinander existieren. Hier wird verkannt, dass auch das Standesrecht entsprechende verfassungsrechtliche Vorgaben zu erfüllen hat und hierzu zählt nun einmal auch ein ernstgemeinter individueller Grundrechtsschutz gegenüber „ethischen Zwangsdiktaten“ der eigenen Kammern!
 zum Beitrag »
[14.11.2014, 05:17:16]
Lutz Barth 
Montgomery erntet jedenfalls kein "Lob"!
Mit Verlaub: Die gebetsmühlenartig vorgetragenen Botschaften des Präsidenten der BÄK

(vgl. dazu zuletzt die aktuelle Mitteilung v. 13.11.14 der BÄK unter >>> http://www.bundesaerztekammer.de/page.asp?his=3.75.77.12469 <<< (html)

mögen wir als individuelle Gewissensentscheidungen respektieren, wenngleich er trotz jahrzehntelanger Debatten keinerlei Einsichten zeigt.

Es ist geradezu demagogisch, wenn er meint, das „Berufsethos verpflichtet den Arzt, Hilfe zum Leben zu leisten, nicht Hilfe zum Sterben“, um so der ärztlichen Mitwirkung bei einem frei verantwortlichen Suizid eines schwersterkrankten und sterbenden Patienten eine Absage erteilen zu können.

Der Präsident der BÄK scheint nicht auf der Höhe der Zeit zu sein, zumal in Kenntnis dessen, dass gerade mit Blick auf die Betreuung und Begleitung Schwersterkrankter an ihrem sich neigendem Leben es mittlerweile weitaus differenzierte arzt- und medizinethische Betrachtungsweisen angestellt werden, wonach es eben durchaus ein Gebot der ärztlichen Ethik sein kann, ggf. bei einem Freitod eines Schwersterkrankten zu assistieren.

Der Präsident der BÄK kann und will vor allem nicht verstehen, dass neben der Wahrung des Selbstbestimmungsrechts der Schwersterkrankten es entscheidend darauf ankommt, die Ärztinnen und Ärzte in die wohlverstandene Freiheit ihrer individuellen Gewissensentscheidungen zu entlassen, so wie dies etwa bei der Mitwirkung bei einem Schwangerschaftsabbruch der Fall ist.

Mag auch ansonsten die ärztliche Suizidassistenz keine ärztliche Aufgabe sein, so kommt es indes hierauf bei der gegenwärtigen Gesetzeslage nicht an, ist doch die Beihilfe im Übrigen straffrei. Der Präsident muss endlich begreifen, dass „sein“ Musterberufsrecht mit der entsprechenden Verbotsnorm in § 16 Ä-MBO und die wenig reflektierte Transformation durch einige Landesärztekammern in das jeweilige ärztliche Landesberufsrecht derzeit wohl nicht verfassungskonform ist, wird doch über das ethische Zwangsdiktat mehr oder minder direkt die individuelle ärztliche Gewissensfreiheit gebeugt!

Dieser unsägliche Umstand wird auch nicht dadurch erträglicher, wenn und soweit der Präsident der BÄK in einfacher Schlichtheit feststellt, dass die „Berufsordnungen der Landesärztekammern einheitlich und bundesweit (formulieren), dass es die Aufgabe von Ärzten ist, das Leben zu erhalten, die Gesundheit zu schützen und wiederherzustellen, Leiden zu lindern und Sterbenden Beistand zu leisten“. Diese „Generalklausel“ ersetzt freilich nicht die dezidiert gefasste Regelung zur Mitwirkung bei einem frei verantwortlichen Suizid, mal ganz davon abgesehen, dass angesichts dieser Generalklausel auch die Mitwirkung bei einem Schwangerschaftsabbruch verboten wäre!

In der aktuellen Debatte geht es darum, einerseits das Selbstbestimmungsrecht der schwersterkrankten Patienten, aber eben auch zentrale Grundrechte der Ärztinnen und Ärzte (als Abwehrrechte gegenüber den eigenen Kammern!) zu wahren. Die Ärzteschaft ist nicht der Willkür ihrer Ärztefunktionäre noch der von ihnen gewählten Delegierten ausgeliefert, sondern diese haben selbstverständlich einen Anspruch darauf, dass auch die Kammer verfassungskonforme berufsrechtliche Regelungen erlassen, die nicht (!) über Gebühr in hochrangige Grundrechte eingreifen.

Dies zu „lernen“, dürfte derzeit eine der vornehmsten Aufgaben der Ärztefunktionäre und damit auch des Präsidenten der BÄK sein, gilt es doch, die Grundrechtsbeeinträchtigungen im ärztlichen (Muster-)Berufsrecht zu beseitigen!

Es ist hohe Zeit, den „ethischen Überzeugungstätern das Handwerk zu legen“, denn es ist mittlerweile unerträglich, wie Laien Grundrechte auch der verfassten Ärzteschaft zu Grabe tragen und so letztlich einen Beitrag dazu leisten, dass mittelbar Grundrechte der schwersterkrankten und sterbenden Patienten sich nicht in einer individuellen Arzt-Patienten-Beziehung entfalten können. Keiner redet im Diskurs der Fremdbestimmung über die Ärzteschaft das Wort; vielmehr werden die Ärztinnen und Ärzte durch die eigene Standesvertretung „fremdbestimmt“ und in ihren Gewissensentscheidungen über das scheinbar „ethische Berufsrecht“ gebeugt.

M.E. ist dies ein ungeheurer Skandal, über den die „Sonntagsreden“ der Oberethiker nicht hinwegtäuschen können!
 zum Beitrag »
[13.11.2014, 15:46:41]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Brief an die fünf Parlamentariergruppen
Ich haben den genannten Bundestagsabgeordneten (MdB) und Autoren der fünf Positionspapiere von Parlamentariergruppen über die Fraktionsgrenzen hinweg noch gestern Abend einen Brief geschrieben:

Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Mitglieder des Deutschen Bundestages,
als Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Entwürfe einer gesetzlichen Regelung zur Sterbehilfe möchte ich Ihnen zur morgigen Orientierungsdebatte über Sterbehilfe im Deutschen Bundestag ein persönlich-ärztliches Statement übermitteln. Weshalb ich das tue? Ich bin seit 1975 ärztlich tätig; seit 1992 als familienorientierter Hausarzt („von der Wiege bis zur Bahre“) im Zentrum von Dortmund als Vertragsarzt der Gesetzlichen Krankenversicherung niedergelassen. Täglich, ganz besonders bei Hausbesuchen und in der Palliativmedizin, bin ich mit Fragen konfrontiert, wie meine Patientinnen und Patienten und auch ich selbst den Blick auf das Lebensende fokussieren, diskutieren und kommunizieren können.
Dabei gibt es zwei Aufsätze, die ich in jüngster Zeit publiziert habe, und die ich Ihnen in der Anlage vorstellen möchte:
Der eine Beitrag, veröffentlicht als Editorial in der Zeitschrift „DER ALLGEMEINARZT 13/2011, ist sehr persönlich, weil er im Rückblick auf den Tod meiner Lebensgefährtin im Jahr 2010 geschrieben wurde.
Der zweite Beitrag auf meinem Blog „Schätzlers Schafott“ bei SpringerMedizinOnline ist polemisch, sozusagen ein „Salzkorn in der Suppe“ des Sterbehilfe-Diskurses.
Ich würde mich über Rückmeldungen sehr freuen und verbleibe mit freundlichen Grüßen,
Dr. med. Thomas G. Schätzler
Facharzt für Allgemeinmedizin
Kleppingstr. 24
44135 Dortmund Anlagen
-------------------------------------------------------------------------------
„Helfen, Heilen, Lindern, Schützen und …“
Nach dem Kieler Ärztetag Anfang Juni 2011 heißt es jetzt in § 16 der ‚Musterberufsordnung‘ MBO: „Ärztinnen und Ärzten haben Sterbenden unter Wahrung ihrer Würde und unter Achtung ihres Willens beizustehen. Es ist ihnen verboten, Patienten auf deren Verlangen zu töten. Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten“. Das ethische Dilemma wird dabei nicht ergriffen. Denn es geht um drei wesentliche Punkte:
Schwerstkranke, von Tod und Sterben gezeichnete Patientinnen und Patienten verspüren unter einer subjektiven bzw. objektiven Belastungsgrenze und Überforderung den Wunsch nach Endlichkeit, nach Abschied und Erlösung von ihrem Dasein. Im günstigsten Fall können der Wunsch verbal oder nonverbal konkludent geäußert und das Ende des Leidens eingefordert werden. Häufig ist diese Möglichkeit gerade n i c h t gegeben. Angehörige, Ärzte und therapeutisches Personal sind dann auf Vermutungen, Ahnungen und Analogien angewiesen. Der vermeintliche Wille der Patienten muss reflektiert, hinterfragt, gesucht und hoffentlich gefunden werden.
Ärztinnen und Ärzte, Angehörige und nichtärztliche Berufsgruppen funktionieren in der Regel über ein positives (selten negatives) Helfer-Syndrom. Sie regenerieren ihre Empathie und Arbeitsfähigkeit über objektiv und subjektiv empfundene Entlastung, Erleichterung oder Linderung, wie infaust die Prognose ihrer Schutzbefohlenen auch sein mag. Ohne positive Rückmeldungen laufen sie Gefahr, in Frustration, Resignation und Aggression zu geraten. Der Wunsch der Sterbenden kollidiert dann mit dem professionellen Selbstverständnis der Helfer. Und diese müssen destruktive Impulse aushalten, wenn die Sterbenden nach Erlösung verlangen.
Unser Rechts- und Wertesystem soll zuallererst das "Mensch-Sein" als Mosaik vielschichtiger Facetten von bio-psycho-sozialen Entitäten, kultureller Reflexion, Kommunikation, Geselligkeit und Einsamkeit, Sexualität und Sinnlichkeit, Genuss und Reue, Freude und Glück, Angst und Schmerz, Krankheit und Gesundheit reflektieren. Da treffen Glaube, Hoffnung, Liebe zusammen mit Solidarität und Verantwortung. Im Spannungsbogen von Sexualität, Schwangerschaft, Geburt, Leben, Sterben und Tod gibt es das Prinzip "Liebe" (Neues Testament), das Prinzip "Verantwortung" (Hans Jonas) und das "Prinzip Hoffnung" (Ernst Bloch).
Doch dann setzt oft das absolute "Helfer-Syndrom" mit unvermittelter Macht und Nachdruck ein. Den Patienten dürfe man doch nicht so einfach sterben lassen, da müsse man doch etwas tun. Man verfällt in einen wilden Aktionismus: Aktive Sterbehilfe, assistierter Suizid, Erlösungspflicht.
Können wir, also Sie und ich, so schwer es manchmal fällt, den sterbenskranken Patienten nicht dort abholen, wo er sich gerade befindet? In seiner Todesangst, seinem Lebensüberdruss, seinem Schmerz, seiner Not, seiner Pein, seiner Depression, seiner Hoffnungslosigkeit? Aber auch in seiner Hoffnung auf Erlösung, seiner Leichtigkeit, seines Abschieds, seines Dahinschwebens, seines Hinscheidens und seiner Vergänglichkeit? Abwarten und begleiten? Trost, Hilfe und Intervention nur dann geben, wenn es wirklich sinnvoll und notwendig ist, vom ersten bis zum letzten Atemzug des Menschen?
„Helfen, Heilen, Lindern, Schützen“ … und „Loslassen“
Dr. med. Thomas G. Schätzler, Facharzt für Allgemeinmedizin in Dortmund
Ich widme dieses Editorial meiner Ende 2010 im 55. Lebensjahr verstorbenen Lebensgefährtin. Sie ist mit Mut, Stärke, Tapferkeit und nie endender Menschenfreundlichkeit im Kreise ihrer 4 Kinder und 2 Enkel ihren Weg gegangen.
-------------------------------------------------------------------------------
Sterben-„light“ - Aktive oder passive Sterbehilfe – ein Luxusproblem?

Statt der "Pille danach" die "Pille davor" fürs freie, humane und selbstbestimmte Leben? Einverstanden. Nur: Dann will ich auf keinen Fall mehr den Spruch hören: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“!
Manchmal verstehe ich diese Welt n i c h t mehr: Da haben gut 1,8 Milliarden Menschen auf der Welt nicht genug zu essen. Einer von 8 Menschen weltweit muss abends hungrig Schlafen gehen (Quelle: State of Food Insecurity in the World, FAO, 2013). Diese Menschen würden a l l e s tun, um besser und sicherer leben zu können. Und wir, in unserer selbstzufriedenen, gut situierten postindustriellen Gesellschaft, zermartern uns in Politik, Medien, Feuilleton, Öffentlichkeit und Wissenschaft den Kopf, wie wir im sozialen Miteinander mit aktiver, passiver Sterbehilfe, ärztlich assistiertem Suizid, organisierter und individueller Sterbehilfe, Sterbewunsch und-wirklichkeit umgehen sollen?
Wir wollen weitgehend schmerzfrei mit "Sectio caesarea" geboren werden; verlangen beschützende Welten und Schulen für unsere Kinder, die gleichzeitig nur noch „daddeln“ wollen; fordern die „schmerzfreie Stadt“ (Modellprojekt Münster/Westfalen); füllen uns mit „Junk-Food“, „Fast-Food“ und „Convenience“-Produkten ab, bis hin zum metabolischen Syndrom; Rauchen und Saufen, bis der Arzt kommt; lassen uns von „Wetten-dass“, „Festival der Volksmusik“, „Dschungel-Camp“, „Verbotene Liebe“, DSDS, prekären Container-Shows, „Musikantenstadl“ o. ä. bis zur Besinnungslosigkeit einlullen; sollen das Haus möglichst nur mit Ganzkörper-Sturz- und Un(m)fall-Protektoren verlassen; fürchten uns bei jeder Art von Sex vor Geschlechtskrankheiten, ungewollten Schwangerschaften und entgrenzender, kommunikativer Lustentfaltung; haben Angst vorm Chef; Buckeln lieber nach Oben und Treten gerne nach Unten. Legen im Auto den „Sicherheitsgurt“ an, wenn wir zum Bier und Kippen holen zur Tankstelle fahren, um anschließend zu Hause auf der Couch Autorennen, Motocross, Motorrad-Stunts, Rallye Paris-Dakar oder nur die „Tour de France“ in der TV-„Glotze“ Chips-futternd mit möglichst spektakulären Stürzen anzuschauen.
Und dann stellen wir fest, dass unser Leben vorbei ist, das wir keine Lust mehr auf dieses tägliche Einerlei und die Anstrengungen haben, mit 95 Prozent Transpiration und maximal 5 Prozent Inspiration. Verlieren uns in Ereignislosigkeit, Langeweile, Depressionen, „falschem“ Selbstmitleid und kultureller Vereinsamung. Und wenn dann die Stunde der Wahrheit, der kulturellen Reflexion und der Lebensbilanz bzw. des Abschied-Nehmens gekommen ist, wünschen wir uns „Absolute Selbstbestimmung“; den „palliativen Notausgang“; „das Recht, mit einem durch die Krankenkassen bezahlten Medikamentencocktail aus dem Leben zu gehen, wann immer ein Mensch dies möchte, sei er alt oder jung, krank oder gesund“; „trotz Hospiz und medizinischer Sterbebegleitung selbstbestimmt aus dem Leben scheiden“. Menschen „müssen sich frei dafür entscheiden können“, sie seien „bei professionellen Sterbebegleitern besser aufgehoben“?
Der Leitsatz lautet nicht mehr „mein Bauch gehört mir“ oder „Du darfst“ sondern „Ich sterbe, wann i c h will“. Programmatisch der Satz aus einem Kommentar: „Ich möchte, wenn immer es möglich ist, bei mir zu Hause, wo ich gelebt habe und glücklich war, einen Cocktail einnehmen, der gut schmeckt und mich dann sanft einschlafen lässt.“
Wenn das die gesellschaftliche Forderung nach „Sterben-light“, nach passiver Sterbehilfe und assistiertem Suizid ist, die ebenso konsens- wie salonfähig gemacht werden soll, bin ich sofort dabei. Rezeptfreier Verkauf, wie bei der „Pille-danach“, in allen Apotheken Deutschlands, als „Pille davor“, wenn's ans selbstbestimmte, freie und humane Sterben geht: D a s wäre doch die Lösung!
Dann bräuchten wir keinen geschwätzigen Assessor-Juristen ohne Fachexpertise und wissenschaftliche Referenzen, der von Medizin offenkundig keine Ahnung hat. Dann bräuchten wir keine ausgewiesenen ärztlichen Palliativmediziner, Bedenkenträger, „Ober-Ethiker“ und Bundesärztekammer-„Bonzen“, angeblich ohne jede Empathie und Sachverstand? Keine „Gesundheits“- „Kranken“- und sonstige Kassen- bzw. Ministerial-Bürokratie.
Auf einer Sache müsste ich dann allerdings strikt beharren. Wenn nach medizinischer Hard-, Soft und Pillenware jetzt die „Death-ware“ in den pharmazeutischen Handel käme, will ich auf gar keinen Fall mehr den Spruch hören: „Zu Risiken und Nebenwirkungen, fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“!
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Zum Blog "Schätzlers Schafott" mit allen Beiträgen
publiziert am: 21.1.2014 17:22 Autor: Thomas G. Schätzler Quelle:
http://www.springermedizin.de/aktive-oder-passive-sterbehilfe--ein-luxusproblem/4927976.html

 zum Beitrag »
[13.11.2014, 14:22:42]
Dr. Wolfgang Knüll 
Was hätte Hippokrates gesagt?
Der Urvater der Ärzte, Hippokrates hat in seinem berühmten Eid ausgeführt: “Auch werde ich niemandem auf seine Bitte hin ein tödlich wirkendes Mittel geben, noch werde ich einen derartigen Rat erteilen.“ Einem Arzt würde so ein Eingriff nicht nur schwerfallen. Er müsste ablehnen. Nicht zufällig wird die Bezeichnung „Mediziner“ inzwischen fast gleichrangig für die Generation des modernen Gesundheitswesens zu der des Arztes verwendet. Leitet sie sich doch nicht mehr uneingeschränkt von der Verbindlichkeit etwa eines hippokratischen Eides ab, sondern es übernimmt das Gesetz die Führung im Gesundheitswesen, beschreibt den Verantwortungsrahmen für jede Wohltat und Untat und erlaubt in naher Zukunft vielleicht sogar den finalen pharmakologischen Abschuss. Alles legal versteht sich. Der Arzt hingegen verhält sich zum Mediziner wie der Helfer zum Vollstrecker. Während der Arzt sich am „nil nocere“ – niemals Schaden–ausrichtet, macht sich der Mediziner ohne Not zum Beauftragten moderner Therapiemöglichkeiten, wie zweifelhaft sie auch sein mögen. Machte man den Arzt zum Todeshelfer, weil er sich notwendig mit todbringenden Wirkungen von Medikamenten auskennen muss – erlernt allein zum Schutze seiner Patienten! -, so rückt ihn das in die Nähe des Henkers. Bewusst verwende ich nicht das Wort „Sterbehilfe“, denn die gibt es, richtig verstanden, schon lange, und sie hat meine volle, auch tatkräftige Unterstützung. Aber nicht als Tötungsinstrument ist sie gedacht, sondern als Begleitung des Menschen auf seinem letzten Wege unter aller möglichen Zuwendung. Sie wird durchgeführt von den Menschen in Hospizen, von Angehörigen zu Hause, von Personal in den Krankenhäusern, auf den Palliativstationen und von den Hausärzten draußen in den Wohnungen ihrer Patienten. Da muss der Arzt dann schon mal jeden Tag hingehen und Angst nehmen, auch wenn das nicht bezahlt wird. Diese Hilfe begleitet im wahrsten Sinne des Wortes das Sterben und nimmt mit der Gabe höchstdosierter Medikamente – zur kompletten Linderung von Leiden – auch den dadurch bedingten eventuell eher eintretenden Tod in Kauf. Dieser Eingriff in das menschliche Leben und Sterben geht weit genug, und ich, als Arzt, habe nie anderes gebraucht. Wer aber Hilfe zur Selbsttötung will, hat mehr vor und soll sich willige Helfer schaffen. Möge sich dazu berufen fühlen, wer immer will, auch Mediziner. Ich stünde als Arzt niemals zur Verfügung und auch nicht als Mensch. Henkersknecht liegt mir nicht, auch nicht als der von der immer laut schweigenden Mehrheit akzeptierter Hiwi oder vom Staat gedeckter Täter. Denn die Tat ausführen soll, der sie fordert, und so sollte sich jeder erst einmal selbst befragen, ob er es könnte und begriffe dann, was “den Tod geben” bedeutet. Stattdessen mal eben den Arzt zu fordern, offenbart ein fundamentales Missverständnis, mit dem ich ein für alle Mal aufgeräumt zu haben hoffe. Ein Arzt tötet per definitionem nicht. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Künstliche Herzklappe raubt oft den Schlaf

Fast ein Viertel aller Patienten mit einer mechanischen Herzklappe klagt über Schlafstörungen. Die Ursache hat eine einfache Erklärung. mehr »

Das sind die Wünsche an die neue Weiterbildung

Am Freitag steht die Musterweiterbildungsordnung auf der Agenda des Deutschen Ärztetags. Wir haben dazu drei junge Ärzte und den BÄK-Beauftragen Bartmann befragt. mehr »

"Sportlich, unrealistisch, überkommen"

Am Donnerstagnachmittag debattiert der Deutsche Ärztetag über die GOÄ-Novellierung. Unsere Video-Reporter haben sich vorab dazu umgehört. mehr »