Ärzte Zeitung, 09.10.2012

Reportage

Auf Hausbesuch mit Versorgungsassistentin Manuela

Das "Verah"-Programm soll Hausärzte von Hausbesuchen entlasten. Auch in Weimar, wo Schwester Manuela Jäckel von ihren Patienten nicht selten schon ungeduldig erwartet wird und große Wertschätzung genießt.

Von Robert Büssow

Unterwegs mit Versorgungsassistentin Manuela

Versorgungsassistentin Manuela Jäckel misst den Blutdruck bei einem Patienten.

© Büssow

WEIMAR. Alles, was sie braucht, passt in eine braune Umhängetasche mit weißen Punkten. Kein Arztkoffer, kein weißer Kittel.

Manuela Jäckel ist auch nicht Frau Doktor, sondern einfach "Schwester Manuela".

Für ihre Chefin, die Weimarer Hausärztin Dorothea Stula, fährt sie regelmäßig zu den Patienten nach Hause. Viele sind alt, chronisch krank und müssten eigentlich alle paar Wochen in die Praxis.

"Wenn die Schwester kommt, geht die Sonne auf", sagt Günther Bloch*, der erste Patient ihrer Runde. Bloch ist über 80, stark gehbehindert und wurde wegen einer Erkrankung an der Wirbelsäule neu auf Morphiumpflaster eingestellt.

"Heute ist der erste Tag, wo's mit den Schmerzen mal geht", berichtet er. "Aber hör mal, Schwester, gibt es die Pflaster noch in einer anderen Dosis?"

Manuela Jäckel lacht. Sie ist den lockeren Umgangston gewohnt, man kennt sich seit Jahren. Als sie die Wohnung wieder verlässt, steckt plötzlich eine Schachtel Pralinen in ihrer Tasche.

Ob Schwester oder Ärztin, für viele Patienten mache dies keinen Unterschied, sagt Jäckel.

Im Gegenteil. "Da sind die Patienten gleich etwas anders, als wenn der Arzt in der Tür steht. Man redet etwas vertrauter miteinander. Und der Patient traut sich auch mal bei Fachbegriffen nachzufragen", sagt die 36-Jährige.

Bundesweit 3700 Verahs

Seit 2004 arbeitet sie in der Praxis von Dorothea Stula in Weimar. Im vergangenen Jahr hat sie sich zur "Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis" fortbilden lassen.

Das "Verah"-Programm soll Hausärzte von Hausbesuchen entlasten, die nur einfache Tätigkeiten erfordern. Bundesweit gibt es bereits 3700 Verahs, davon 89 in Thüringen. Das sind weit mehr als in vergleichbaren Projekten wie Agnes, Eva oder MoNi.

Damit Verah Schule macht, zahlt die AOK Plus im Rahmen des Hausarztvertrags fünf Euro zusätzlich pro Besuch.

Die Kosten für die Fortbildung in Höhe von 1500 Euro hat Stula gern übernommen. "Die Idee war, dass ich wieder mehr Zeit für meine Kinder habe", erzählt die 42-Jährige.

Damit wolle sie sich nicht um Hausbesuche drücken. "Für mich gehört das zum Selbstverständnis als Hausarzt."

Ihr Problem ist: "Hausbesuche sind wirtschaftlich ineffektiv, kosten viel Zeit, man kann schlechter planen, wie lange man braucht, und dann bietet der Patient noch einen Kaffee an."

Nicht, dass sie etwas gegen Kaffee hätte. Aber weil die Hausbesuche immer mehr Zeit auffraßen, musste die Schwester ran. Einen von drei Hausbesuchen beim Patienten im Quartal übernimmt bereits Schwester Manuela.

"Die Verah darf im Prinzip dasselbe machen, was die Schwester vorher schon gemacht hat. Das hängt immer davon ab, welche Kompetenzen ich ihr erteile. Aber es ist jetzt strukturierter", erklärt Stula.

In ihrer Fortbildung belegte Jäckel Kurse zu Wundversorgung, Praxis- und Notfall-Management und zur häuslichen Sterbebegleitung. Die kommunikativen Kompetenzen hat sie sich selbst beigebracht.

Demenztest bei Patientin

Ihr nächster Hausbesuch ist etwas heikel. "Ich will mit der Patientin einen Demenztest machen. Beim letzten Telefonat ist mir aufgefallen, dass sie sich mehrmals wiederholt hat", sagt sie.

Die Dame, um die es geht, lebt allein in einer Neubauwohnung. Nach einer Polio-Erkrankung ist sie auf den Rollstuhl angewiesen.

Marlies Stiehler* öffnet strahlend die Tür, goldene Ohrringe in den Ohrlöchern, frische Dauerwelle. Der erste Eindruck ist alles andere als verwirrt.

"Alles gut bei Ihnen?", fragt Jäckel. "Nee, eigentlich überhaupt nicht. Meine Finger schlafen immer ein und werden kalt", erzählt die Rentnerin.

Schwester Manuela lässt sich Zeit, plaudert ein wenig. "Ich will Ihnen einmal ein paar Fragen stellen, wenn das in Ordnung ist."

Frau Stiehler wird hellhörig. Ihr schwant schon, worum es geht. "Ich muss ehrlich sagen, dass mir manchmal etwas entfällt. Etwa nach dem Essen, was ich gegessen habe. Ich wollte sowieso schon mal zur Frau Doktor."

Sie weiß, was Demenz bedeuten kann. Die Testfragen klingen harmlos, sind es für Demenzkranke aber nicht. "Wissen Sie, in welchem Jahr wir leben?", fragt die Schwester.

Nein, Marlies Stiehler zögert - aber den Wochentag weiß sie, Dienstag. Die Adresse auch. Bundesland? DDR. Auf einem Blatt soll sie die Uhrzeit aufzeichnen - und malt zweimal die Zwölf ins Ziffernblatt.

Auch weitere Indikatoren seien ziemlich eindeutig, meint Schwester Manuela. Darüber wird sie später mit der Ärztin reden.

Nach einer halben Stunde bei Frau Stiehler packt sie ihre braune Tasche und steigt in ihren Polo auf dem Weg zum nächsten Hausbesuch.

*Namen geändert

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