Ärzte Zeitung, 12.03.2013

Versorgungsforschung

Dünger nötig

An Einsicht in die Notwendigkeit von Versorgungsforschung fehlt es nicht. Auch nicht an guten Einzelbeispielen. Das Potenzial wird derzeit aber bei weitem nicht ausgeschöpft

Von Wolfgang van den Bergh

STUTTGART. In die Diskussion um die Versorgungsforschung kommt Bewegung. Und das, obwohl es immer noch an der notwendigen Dynamik fehlt, wie BMC-Chef Professor Amelung kürzlich in einem Interview kritisch anmerkte.

Selbstbewusst sehen sich die Krankenkassen als Treiber in dieser Frage. Auf der anderen Seite ist die große Durchschlagskraft, die sich die Politik etwa mit dem Versorgungsstrukturgesetz erhofft hat, noch ausgeblieben.

Das wurde jetzt bei einer Diskussionsveranstaltung zum Thema "Welchen Beitrag leistet die Versorgungsforschung zur Weiterentwicklung im Gesundheitswesen" deutlich, zu der die Barmer GEK und die Pharmapolitische Arbeitskreis Süd eingeladen hatte.

Eberhard Gienger, stellvertretender Vorsitzender im Bundestags-Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung, verteidigte zwar die Anstrengungen des Forschungsministeriums in der Frage, räumte allerdings ein, dass die finanzielle Förderung von Projekten zur Versorgungsforschung sicherlich ausgeweitet werden müsse.

Das BMBF gibt acht Millionen Euro

Unter den sechs Aktionsfeldern, die vom Bundesforschungsministerium gefördert würden, entfallen nach Angaben des CDU-Politikers auf die Versorgungsforschung derzeit etwa acht Millionen Euro jährlich. Damit werden Projekte gefördert, mit denen die Versorgung unter Alltagsbedingungen untersucht werden soll, so Gienger.

Ein Bereich, der auch für die Wissenschaft immer mehr von Bedeutung ist, erläuterte Professor Joachim Szecsenyi, Ärztlicher Direktor der Abteilung für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung am Uniklinikum Heidelberg.

An seinem Lehrstuhl ist Versorgungsforschung nicht nur ein theoretisches Konstrukt, sondern gelebter Versorgungsalltag. Ausdrücklich lobte Szecsenyi das Förder-Interesse auch des Landes-Forschungsministeriums.

Dort heißt es, dass das Land insgesamt 3,4 Millionen Euro in investiert, um etwa die Lebensqualität von chronisch Kranken und alten Menschen zu fördern.

Kern der Initiative in Baden Württemberg ist eine Akademie für Nachwuchswissenschaftler sowie die Vernetzung sämtlicher in der Versorgungsforschung aktiven Einrichtungen des Landes.

Kooperation Kassen - Industrie?

Auch für die pharmazeutische Industrie ist dies ein Weg, der in die richtige Richtung geht. Darüber hinaus plädierte Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes der Forschenden Arzneimittelhersteller, für eine breitere Erkenntnisgrundlage.

Denn für Fischer ist klar: "Klinische Forschung und Grundlagenforschung reichen nicht aus, wenn der Versorgungsalltag ausgeblendet wird." Dabei komme es darauf an, den Nutzen einer Therapie stärker am einzelnen Patienten auszurichten.

Ein Beispiel dafür könnte die personalisierte Medizin sein. Grundsätzlich gelte es, Barrieren in der Kommunikation zu überwinden und den Dialog über die Versorgungsebenen hinweg zu intensivieren.

Womit die ehemaligen Barmer-Chefin bei ihrem Ex-Vorstandskollegen Dr. Rolf Schlenker Zustimmung fand: "Wenn die Spielregeln stimmen und vertriebliche Aspekte nicht im Vordergrund stehen, ist gegen Kooperationen auch mit der Industrie in der Versorgungsforschung nichts einzuwenden", so Schlenker.

Seine Kasse habe sicherlich mit den Gesundheitsreporten in der Versorgungsforschung eine Vorreiterrolle übernommen. Dabei orientiere man sich an drei Zielen.

So sollen Über-, Unter- und Fehlversorgung vermieden werden;

Aus den evaluierten Daten müssen Schlussfolgerungen gezogen und neue Versorgungsprojekte entwickelt werden. Beispielhaft nannte Schlenkler ein Projekt zur Diagnostik und Therapie von ADHS-Kindern und Jugendlichen in Baden-Württemberg oder eine bessere ärztliche Versorgung in Altenheimen. In beiden Fällen gebe es konkrete Verträge. Dabei will die Barmer/GEK neben den objektiv gewonnenen Erkenntnissen stärker die subjektiven Empfindungen der betroffener Patienten zusammenzuführen. Schlenker: "So erfahren wir mehr über die Ergebnisqualität."

Im dritten Schritt lassen sich auf der Grundlage eines zehnjährigen Datenstands Vergleichsdaten generieren, um damit Behandlungskarrieren nachzuverfolgen.

Einerseits sieht Schlenker hier Chance für Kassen, sich im Wettbewerb um Versicherte positiv zu profilieren. Er hätte aber auch keine Probleme damit, gemeinsam mit anderen Kassen bei der Versorgungsforschung zu kooperieren.

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