Ärzte Zeitung, 31.05.2013

Ein Jahr Patientenbeauftragte

Der ahnungslose Patient

Seit einem Jahr ist Dr. Eleftheria Lehmann die Patientenbeauftragte von Nordrhein-Westfalen. Heute gibt sie ihr Amt ab - aus persönlichen Gründen. Der erste und zugleich letzte Bericht, den sie vorglegt hat, enthält bemerkenswerte Ergebnisse.

Von Ilse Schlingensiepen

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Eleftheria Lehmann, Patientenbeauftragte für NRW: "Wir werden das Gesundheitssystem nur menschlicher machen können, wenn wir die Strukturen konsequent verbessern."

© Land NRW

KÖLN. Ein Orthopäde, der sich unter Hinweis auf sein Budget weigert, im selben Quartal sowohl Rückenschmerzen als auch eine Verletzung am Ellenbogen zu behandeln; eine Krankenkasse, die sechs Monate benötigt, um einer Patientin eine Hilfsmittelverordnung zu genehmigen; ein Zahnarzt, der nach der Behandlung eines HIV-infizierten Kindes die Desinfektion des Behandlungszimmers in Rechnung stellt.

Diese Fälle haben eins gemeinsam: Die betroffenen Patienten haben sich hilfesuchend an die nordrhein-westfälische Patientenbeauftragte Dr. Eleftheria Lehmann gewandt.

Lehmann, die im Mai 2012 als erste das neu geschaffene Amt übernommen hatte, gibt es zum 31. Mai dieses Jahres aus persönlichen Gründen wieder ab.

Ihr Nachfolger wird Dirk Meyer, der lange Zeit in der Selbsthilfe tätig war und zuletzt bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Sitz der Anlaufstelle für Patienten ist der Gesundheitscampus in Bochum.

Von Mai bis Dezember 2012 haben sich 225 Personen direkt an die Patientenbeauftragte gewandt, wie sie im Jahresbericht 2012 darlegt. Hinzu kamen 362 telefonische Anfragen beim Service-Center der Landesregierung.

Von den 225 dokumentierten Anfragen bezogen sich 64 auf die ambulante Versorgung, 41 auf die stationäre und 28 auf die zahnärztliche. Weitere wichtige Gebiete waren die Krankenversicherung, die Pflege und die Patientenrechte.

Zwar hat Lehmann wegen der noch niedrigen Zahlen auf die detaillierte Auswertung der einzelnen Sektoren verzichtet. Der Hinweis auf ein besonderes Problem ist ihr aber wichtig: "Ratsuchende haben berichtet, dass Ärzte die Verordnung von Medikamenten, Heil- oder Hilfsmitteln aus Angst vor einem Regress verweigert hätten."

Steffens: Schlimme Folgen für die Betroffenen

Bei den an sie gerichteten Beschwerden sieht die Patientenbeauftragte vier große Treiber: unzureichendes Wissen über das Versorgungssystem, fehlende Transparenz für Versicherte über die Bearbeitungspraxis der Krankenkasse, Lücken in der Versorgung vor allem an Übergängen zwischen den verschiedenen Versorgungssektoren und Versicherungszweigen sowie strukturelle und organisatorische Hemmnisse.

Die ambulante psychotherapeutische Versorgung ist ein Bereich, in dem Lehmann besondere Defizite ausgemacht hat. "Das Scheitern von Patienten bei der Suche nach einem Psychotherapieplatz ist ein Indikator für drohende Unterversorgung."

Dringenden Handlungsbedarf sieht sie auch beim Entlassmanagement der Kliniken, den Langfristverordnungen bei Heilmitteln, der Versorgung junger Erwachsener sowie der Versorgung bei komplexen Beschwerdekonstellationen.

Solche Defizite seien für die Betroffenen eine unzumutbare Hürde und führten zu Ungleichheiten in der Versorgung und im Zugang zu den benötigten Leistungen, heißt es im Bericht. Die Probleme seien größtenteils bekannt.

"Aus Sicht der Patientenbeauftragten ist im Rahmen des geltenden Rechts Gestaltungspotenzial vorhanden, das bei der Entwicklung und Umsetzung bedarfsgerechter Lösungen ausgeschöpft werden muss." Hier sieht Lehmann die Akteure des nordrhein-westfälischen Gesundheitswesens gemeinsam in der Pflicht.

Der Bericht mache deutlich, wie groß der Bedarf nach Rat und Orientierung im als unübersichtlich empfundenen Gesundheitswesen tatsächlich sei, sagte Landesgesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne).

"Die Einzelfälle verdeutlichen, wo es konkret an Patientenorientierung fehlt und welche schlimmen Folgen dies für die Betroffenen mitunter hat."

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