Ärzte Zeitung online, 03.09.2013

Grünen-Studie

Fachärzte lassen Kassenpatienten warten

Teilweise mehr als 100 Tage Wartezeit liegen zwischen niedersächsischen Kassen- und Privatpatienten, wenn sie beim Facharzt einen Termin anfragen. Das zeigt eine Studie der Grünen. Unterschiede bestehen auch regional und zwischen den Facharztgruppen.

Von Christian Beneker

HANNOVER. Wer gesetzlich versichert ist, muss in Niedersachsen viel Zeit mitbringen, wenn er zum Facharzt will. Privatpatienten sind deutlich besser dran. Das hat eine Studie der niedersächsischen Grünen ergeben.

"Warten Kassenpatienten länger auf einen Facharzttermin als privat Versicherte?" lautet der Titel der Studie. Die Antwort: "Ja, bis zu fünf Monate."

In der Tat sind die Unterschiede zum Teil eklatant. "In vielen Fällen unterschieden sich die Wartezeiten um mehr als 100 Tage", heißt es in der Studie.

Spitzenreiter war eine Hautarztpraxis in Lüneburg: "Als Kassenpatient wurde uns ein Termin nach 190 Tagen angeboten, als privat Versicherter nach 33", schreiben die Autoren.

Für die Grünen sind die "ethisch nicht vertretbaren" Unterschiede ein klares Signal für die Bürgerversicherung. Denn: "Auch wenn es ethisch nicht vertretbar ist, gesetzlich Krankenversicherte länger warten zu lassen, verhalten sich Ärzte tatsächlich anreizkonform, wenn sie Privatpatienten bevorzugen", heißt es in der Untersuchung.

In Lüneburg müssen Kassenpatienten am längsten warten

Die Autoren haben sich ans Telefon gehängt und in kurzen Abständen je zwei Mal bei insgesamt 340 Facharztpraxen im ganzen Bundesland angerufen - einmal als Kassenpatient, einmal als Privatpatient.

Dabei wurden acht Fachrichtungen untersucht: Dermatologie, Augenheilkunde, HNO, Neurologie, Kardiologie, Radiologie, Innere Medizin und Orthopädie.

In Lüneburg warten Kassenpatienten durchschnittlich 41 Tage länger als Privatpatienten. In elf der angerufenen Praxen haben GKV-Versicherte gar keinen Termin bekommen. "Insbesondere Neurologiepraxen in Hannover wimmeln Kassenpatienten ab", hieß es.

"Als Privatpatient hat man in derselben Praxis aber meistens relativ zeitnah einen Termin bekommen." So erhielten die Anrufer als GKV-Patient bei einem Hannoveraner Neurologen keinen Termin. Als Privatpatient konnte er aber bei derselben Praxis am nächsten Tag kommen.

Die Ergebnisse sind belastbar, versichern die Autoren. "Bei insgesamt rund 3600 Praxen innerhalb der acht untersuchten Fachrichtungen in ganz Niedersachsen entspricht das einer Abdeckung von knapp unter zehn Prozent", hieß es.

In den jeweiligen Untersuchungsgebieten liegt die Abdeckung wesentlich höher - durchschnittlich wurden zwischen 20 und 50 Prozent der jeweiligen Facharztpraxen angerufen. "Die Ergebnisse sind somit belastbar."

Lösung Bürgerversicherung?

Eine ähnliche Untersuchung in Hessen brachte vergleichbare Ergebnisse. Da Privatpatienten das 2,5-fache Honorar eines GKV-Patienten bringen und mit zehn Prozent aller Patienten 25 Prozent des Umsatzes gemacht wird, liegt die Schlussfolgerung nach Ansicht der Grünen auf der Hand.

"Geändert werden müssen daher die ökonomischen Anreize - fallen die Vergütungsunterschiede weg, werden auch die Wartezeitenunterschiede entfallen." Kurz: Die Bürgerversicherung muss her.

Der NAV-Virchowbund kritisiert die Studie. "Mit der Neuauflage der Wartezeiten-Debatte reiten die Grünen pünktlich zum Beginn des heißen Wahlkampfes ein totes Pferd", so Bundesvorsitzender Dirk Heinrich.

"Auch ohne die rund elf Prozent Privatpatienten hätten wir ein Problem mit langen Wartezeiten bei nicht akuten Leiden, es wäre sogar noch schlimmer. Denn würden die zusätzlichen Verdienstmöglichkeiten aus den Privatumsätzen wegfallen, wie es die Grünen mit der Bürgerversicherung planen, müssten etliche Praxen schließen."

Wollte man das gut funktionierende Versicherungssystem abschaffen und durch eine Bürgerversicherung ersetzen, führe dies "geradewegs in die echte Zwei-Klassen-Medizin".

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