Ärzte Zeitung, 05.11.2013

Medical Wellness

Ärztlich begleitetes Sporttraining wird beliebter

Körperliche Aktivität ist einer der Grundpfeiler eines gesunden Lebens und damit auch Bestandteil aktueller Medical-Wellness-Angebote. Auf der Basis einer ärztlichen Diagnose werden Trainingskonzepte entwickelt, die auf die individuellen Schwachpunkte des Menschen abzielen.

Von Christine Starostzik

Ärztlich begleitetes Sporttraining wird beliebter

Auf Basis einer ärztlichen Diagnose werden Trainingskonzepte entwickelt, die auf individuelle Schwachpunkte des Menschen abzielen.

© Maridav / iStockphoto.com

"Für mich", so Lutz Hertel, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Wellness Verbands, "bezeichnet Medical Wellness nichts anderes als Verhaltensmedizin, denn es geht darum, medizinisch relevante Ergebnisse durch eine diagnostisch begründete Wahl von Lebensstiländerungen zu bewirken".

Hier ist also Umdenken gefragt. Neben Ernährungsumstellungen und Entspannungsübungen sind Bewegungsprogramme Bestandteil des Prozesses.

Der Unterschied zu üblichen Wellness- oder reinen Sportangeboten liegt darin, dass Medical-Wellness-Anwendungen ärztlich begleitet werden und obendrein Freude und Genuss bringen sollen.

Die sportlichen Angebote reichen von Energy-Dance über Wandern bis Qi Gong und sind lukrative Investitionen in die Zukunft. Denn das Bedürfnis nach solch gezielten Maßnahmen in angenehmer Umgebung wächst stetig.

Dabei geht es nicht nur um Prävention und Stabilisierung. Auch Menschen mit bereits bestehenden chronischen Krankheiten nutzen die Nähe zur Medizin, um Körper und Seele wieder in Einklang zu bringen.

Aufstrebender Markt

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Bewegung, gute Ernährung, Prävention als Event: Was Medical Wellness ausmacht, lesen Sie im Dossier Medical Wellness der "Ärzte Zeitung" ...

Diese zunehmende Annäherung spiegelt sich auch im Programm einer internationalen Leitmesse für Fitness, Wellness und Gesundheit (FIBO) wider. In diesem Jahr fand in deren Rahmen der 1. Interdisziplinäre Fachkongress für Bewegungsmedizin statt.

Mediziner, Sportwissenschaftler und -pädagogen, Physiotherapeuten und Fitnesstrainer kamen zusammen, um sich mit den präventiven und therapeutischen Optionen eines Bewegungstrainings auseinanderzusetzen.

Dabei bereitet der aufstrebende Markt für Medical Wellness auch fruchtbaren Boden für Neuentwicklungen. So werden etwa Geräte für ein Vibrationstraining zur rhythmischen neuromuskulären Ganzkörperstimulation angeboten.

Ähnlich wie beim gerätegestützten Krafttraining sollen damit unter anderem Kraftfähigkeit und Flexibilität verbessert werden. Andere setzen auf statisches EMS-Training, eine elektrische Muskelstimulation, mit der nicht nur Muskeln aufgebaut, sondern auch Rückenschmerzen gelindert werden sollen.

3 x 30 Minuten pro Woche für die Krebsprävention

Im Sinne von Prävention und aktiver Gesunderhaltung wirkt sich dynamisches Training wie Joggen, Radfahren oder Schwimmen nicht nur auf Herz und Kreislauf, sondern auch auf die Knochengesundheit positiv aus.

Frauen, die wöchentlich drei Stunden Rad fahren, senken ihr Brustkrebsrisiko um 25 Prozent, so Professor Martin Halle vom Zentrum für Prävention und Sportmedizin der TU München.

Man erklärt sich diesen Effekt durch eine Beeinflussung der Insulinresistenz. Auch für das Kolonkarzinom wurden derartige Zusammenhänge gezeigt. Zur Krebsprävention empfiehlt Halle 3 x 30 Minuten Bewegung pro Woche unter leichtem Schwitzen.

Vier Metaanalysen hätten mittlerweile belegt, dass regelmäßiges Training die Gesamtsterblichkeit um 22-34 Prozent reduziere, so Professor Herbert Löllgen, Praxis für Innere Medizin, Kardiologie, Sportmedizin in Remscheid, auf der FIBO in Köln,

Effektive "Arznei", wenig UAW

Aber körperliches Training, so Löllgen, sei auch ein wirksames "Medikament", das auf Rezept verordnet werden könne.

Bei Patienten, die bereits an einer chronischen Krankheit leiden, kann ein spezifisches Training den Gesundheitszustand und das Wohlbefinden verbessern, und zwar bis ins hohe Alter.

Als evidenzbasierte Indikationen für eine Bewegungstherapie gelten derzeit KHK, Hypertonie, Herzinsuffizienz, Mamma-, Dickdarm- und Prostata-Ca, metabolisches Syndrom und Diabetes, Osteoporose, pAVK, COPD, Depression, Demenz, Alzheimer, neurologische Erkrankungen, Schlaganfall und Sturzneigung.

Um mehr Typ-2-Diabetiker vom Wert eines gesunden Lebensstils zu überzeugen, betont Dr. Peter Zimmer, niedergelassener Diabetologe und Sportmediziner in Wettstetten und Vorsitzender der AG Diabetes & Sport der DDG, immer wieder, wie wichtig die regelmäßige körperliche Aktivität im Zusammenhang mit Diabetes ist.

Sie kann nicht nur die Diabetesmanifestation verhindern, sie senkt auch bei bereits bestehendem Diabetes das kardiovaskuläre Risiko, bessert Blutzuckereinstellung und Lipidwerte und reduziert Blutdruck und Übergewicht.

Der Diabetesexperte empfiehlt Typ-2-Diabetikern ohne Folgeerkrankungen, mit einem Laufprogramm geringer Intensität und geringen Umfangs zu beginnen (3-5 min zügig, 1 min langsam), dann die intensiven Phasen langsam zu steigern, um letztlich nach drei bis vier Wochen zügiges Gehen mit federndem Laufen zu erreichen.

Kombiniert werden sollte dieses 30-minütige Ausdauertraining mit leichtem Kraft- sowie Koordinations- und Flexibilitätstraining.

Ausgefeilte Reha-Programme gefordert

Leider bleiben viele dieser Ratschläge auf dem Weg in die Praxis stecken: Nur wenige Patienten erreichen die empfohlenen Trainingsumfänge, sei es aus Trägheit oder Mangel an Möglichkeiten.

So beklagt Zimmer seit langem die bestehenden strukturellen Defizite und fordert ausgefeilte Rehabilitationsprogramme, die auf den individuellen Diabetespatienten zugeschnitten sind.

Es bleibt also viel zu tun, um Menschen mit chronischen Erkrankungen und Sport zusammenzubringen. Mit der "Wuppertaler Erklärung" verpflichteten sich auf dem 1. Interdisziplinären Symposium Diabetes und Bewegung im vergangenen Jahr die Vertreter der AG Diabetes & Sport, der Bergischen Universität Wuppertal, der Barmer GEK, des Hausärzteverbandes Nordrhein, des Landessportbundes NRW, der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention sowie des Verband der Diabetesberatungs- und Schulungsberufe Deutschland, "gemeinsam den Zugang zu speziellen Sportangeboten für Diabetiker zu erleichtern und eine höhere Effizienz der Sportmaßnahmen zu erreichen, um damit den Krankheitsverlauf und die Lebensqualität bei Patienten mit Diabetes positiv zu verändern".

Ein gutes Beispiel für interdisziplinäre Zusammenarbeit ist das bereits 2011 gestartete "Diabetes-Laufprogramm Deutschland". Es beinhaltet ein betreutes Lauftraining zweimal pro Woche über sechs Monate unter fachärztlicher Begleitung in verschiedenen deutschen Städten.

FIBO 2014

Im kommenden Jahr 2014 findet die FIBO statt vom 03. bis zum 6. April in Köln.

Infos im Web: http://www.fibo.de/

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