Ärzte Zeitung online, 07.11.2013

Kommentar zur BCG-Studie

Wer hat Angst vor Qualität im Krankenhaus?

Wie gut ist mein Krankenhaus? Eine Studie der Boston Consultant Group legt nahe, dass die Antwort auf diese Frage nicht leicht fällt. Der Qualitätswettbewerb in Deutschland ist noch ein zartes Pflänzchen. Und die Politik berät schon über einschneidende Regulierungsinstrumente.

Von Anno Fricke

Dass in Deutschland viele auch noch so schwere Operationen praktisch in jedem Waldrandkrankenhaus vorgenommen werden dürfen, ist fragwürdig. Im Weichbild Berlins zum Beispiel gibt es Häuser, die auf gerade sieben Hüfterstimplantationen im Jahr kommen.

In der Ärzteschaft ist umstritten, ob sich so tatsächlich Erfahrung und Expertise aufbauen lassen. Die Bundesärztekammer hält Mindestmengen für Operationen an Krankenhäusern als Instrument der Qualitätssicherung für ungeeignet.

Besondere Zusammenhänge zwischen Fallzahl und Behandlungsqualität wollte vor Jahresfrist auch das Landessozialgericht Berlin-Brandenburg nicht erkennen und hat die Mindestmengenregelung des Gemeinsamen Bundesausschusses gekippt. Dass gleichzeitig in vielen Leistungsbereichen die Zentrenbildung vorangetrieben wird, zeigt aber, dass Qualität und Spezialisierung durchaus in Beziehung zueinander stehen müssen.

Patienten, die vor einer Operation stehen, haben derzeit vergleichsweise wenige Entscheidungshilfen bei der Auswahl eines Krankenhauses. Die Meinungen von Verwandten und Bekannten oder dem einweisenden Arzt geben bei den meisten den Ausschlag. Objektive Informationsquellen gibt es kaum.

Der Qualitätsreport des GBA nennt keine einzelnen Krankenhäuser, die Qualitätsberichte der einzelnen Krankenhäuser sind weitgehend unbekannt und enthalten nur wenige Kennzahlen zur Ergebnisqualität.

Sektorenübergreifende Qualitätsmessung noch schwierig

Wie sich die Behandlungsqualität im Wechsel eines Patienten vom niedergelassenen Arzt zur Klinik und zur Nachsorge zurück entwickelt, lässt sich im Moment noch gar nicht messen. Die Szene will sich nicht wirklich in die Karten schauen lassen. Ein mehr als 70 Milliarden Euro schwerer Markt - soviel geben alleine die gesetzlichen Kassen für den stationären Sektor aus - wirkt von außen betrachtet seltsam abgeschottet.

Die Intransparenz, die nicht nachvollziehbaren Mengenausweitungen in bestimmten Leistungsbereichen, Transplantationsskandale, aber auch die Gleichgültigkeit vieler Patienten, bringt nämlich ein wichtiges Gut in Gefahr: die freie Krankenhauswahl.

Derzeit beraten die künftigen Großkoalitionäre schon darüber, ob Krankenkassen bestimmte Krankenhäuser oder einzelne Abteilungen von der Versorgung ihrer Versicherten ausschließen können dürfen.

Das wäre keine Schikane. Solche Überlegungen sind unter den bestehenden Verhältnissen durchaus nachvollziehbar. Ärzte und Klinikleitungen könnten dagegen mit dem Aufbau einer ernst gemeinten Qualitätskultur ein Zeichen setzen.

Lesen Sie dazu auch:
Wissenschaftler fordern: Qualitäts-Rangliste für Krankenhäuser

[07.11.2013, 08:12:14]
Dr. Günther Jonitz 
Lieber spät als nie
2001 forderte der Deutsche Ärztetag eine "qualitätsorientierte Wettbewerbsordnung". Nachdem die blinde "Ökonomisierung" zu den vorhergesagten Schäden (weiche Rationierung)geführt haben und diese unübersehbar geworden sind, reagiert die Politik.
Was diese bislang übersehen hat, sind die immensen freiwilligen Leistungen von Ärzten und Krankenhäusern. Nach dem Curriculum Qualitätsmanagement der Bundesärztekammer haben sich in den letzten zehn Jahren zig tausende von Ärztinnen und Ärzten qualifiziert (200h Kurs!). Auf dem Gebiet der Zertifizierung von Krankenhäusern gibt es einen Wettbewerb der Verfahren (IQM, 4QD, JCI, DIN, KTQ...). In keinem europäischen Land gibt es mehr Krankenhäuser, die freiwillig diese Leistung erbringen.
Solange die Politik vorwiegend Gründe gesucht hat, um Krankenhäuser zu dezimieren, wurden auch alle Instrumente wie DRGs oder QS-Massnahmen auf gesetzlicher Grundlage zu diesem Zweck benutzt. Das funktioniert nicht.

Eine neue Politik der "Optimierung" statt "Dezimierung" (DÄT 2005) birgt Chancen und Risiken. Es droht nach der Phase des "what you pay for is what you get" die Phase des "what you measure is what you get". Und QM ist kein Mess- sondern ein Führungsinstrument. Führung setzt Verantwortung, Kompetenz und Vertrauen voraus. Das muss erarbeitet sein. Ob amerikanische Beratungsfirmen da hilfreich sind, ist fraglich.

Dr. med. Günther Jonitz
Präsident der Ärztekammer Berlin
Vorsitzender der QS-Gremien der Bundesärztekammer

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