Ärzte Zeitung App, 08.01.2014

Kriegsflüchtlinge in Deutschland

Keine Versorgung bei Traumata?

Mit der Aufnahme von Flüchtlingen verpflichten sich Staaten, Menschen mit Traumatisierungen Zugang zu einer vollständigen Rehabilitation zu gewähren. In Deutschland ist es nicht so, beklagen Experten. Denn hier entscheiden keine Fachkräfte, sondern Gremien der Ausländerbehörde, ob ein Flüchtling an einer Traumatisierung leidet oder nicht.

Von Dirk Schnack

Keine Versorgung bei Traumata?

Flüchtlinge aus Syrien kommen in Hannover an. Wenn Flüchtlinge an einer Posttraumatischen Belastungsstörung leiden, haben sie oft keinen Zugang zur Regelversorgung in Deutschland.

© Julian Stratenschulte / dpa

5000 Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien mit zum Teil traumatischen Erlebnissen werden in Deutschland aufgenommen. Strittig ist nicht nur, ob diese Zahl angemessen ist.

Hinterfragt werden muss auch, ob Deutschland nach Aufnahme dieser Menschen seiner politischen und moralischen Verpflichtung nachkommt, die es mit Unterzeichnung der Antifolterkonvention eingegangen ist.

Danach ist für Menschen mit Traumatisierungen eine so vollständige Rehabilitation wie möglich sicherzustellen.

Fachleute aus Behandlungs- und Beratungsstellen für traumatisierte Flüchtlinge bemängeln nicht nur, dass die psychischen Probleme von Gewaltopfern selten erkannt und damit auch nicht behandelt werden. Sie vermissen auch staatliche Konzepte, wie traumatisierten Flüchtlingen in Deutschland geholfen werden kann.

Viele Experten sind der Meinung, dass Flüchtlinge in Deutschland nur dann eine Chance auf Zugang zu Therapie und Gesundheitsversorgung haben, wenn sich die Verfahren für sie von der Erstaufnahme bis zur Abschiebehaft verändern.

Ein Beispiel schilderte der Paritätische Wohlfahrtsverband Schleswig-Holstein auf der Tagung der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF e.V.), die jüngst in Kiel stattfand: Nicht etwa neutrale Gutachter entscheiden über den Zustand eines Flüchtlings, sondern die Prüfgremien der Ausländerbehörde oder Angestellte der Aufnahmelager.

Medizinische Hilfe durch einen externen Arzt wird zwar bei lebensbedrohlichen Krankheiten gewährt. Ob eine psychische Störung zu einem Suizid führt, ließe sich aber nur durch eine Untersuchung klären, die derzeit nicht erlaubt wird.

Bis zu 40 Prozent der Flüchtlinge leiden an PTBS

Ein weiteres Problem: Von den 78.000 Menschen, die im vergangenen Jahr einen Asylantrag gestellt haben, leiden nach Expertenangaben zwischen 25 und 40 Prozent unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).

Die zum Teil langwierigen Asylverfahren - begleitet von der Angst vor der Abschiebung - halten die psychische Erkrankung aufrecht. Wenn für die Betroffenen schließlich doch eine Therapie bewilligt wird, fehlt es oft an Behandlungsplätzen. Für eine ambulante Therapie beträgt die Wartezeit rund ein halbes Jahr.

Im Sommer hatte sich die Gesundheitsministerkonferenz der Länder einstimmig für eine bessere psychosoziale Versorgung von Flüchtlingen ausgesprochen. Der Alltag im Zentrum für Integrative Psychiatrie (ZIP) in Kiel zeigt, dass es bis dahin aber noch ein weiter Weg ist.

Im ZIP behandelt ein interdisziplinäres Team aus Fachärzten, Psychologen, Sozialpädagogen und anderen Therapeuten rund 100 Flüchtlinge mit PTBS oder Depression im Jahr. Den Bedarf allein im Großraum Kiel beziffert Oberarzt PD Dr. Robert Göder als etwa doppelt so hoch. Die Patienten im ZIP kommen aus dem Kosovo, Bosnien, Tschetschenien, Afghanistan und dem Irak.

Schon beim Erstkontakt gibt es Probleme - wie kommuniziert ein deutscher Arzt mit einem traumatisierten Menschen aus Tschetschenien, der sich nur in seiner Landessprache verständigen kann? Dolmetscher müssen für diese spezielle Tätigkeit nicht nur geschult, sondern auch bezahlt werden.

Derzeit schießt das ZIP dafür nach eigenen Angaben rund 10.000 Euro im Jahr zu, weil diese Kosten von keiner Stelle übernommen werden. Wenn ein Dolmetscher gefunden ist, müssen die Mitarbeiter neben der Behandlung hohe bürokratische Hürden nehmen, die den Aufwand mit anderen Patienten deutlich übersteigen. Zusätzliche Dokumentationen sind erforderlich, es muss mit Anwälten und Behörden korrespondiert werden.

Betroffene sind auf Engagement und Spenden angewiesen

Leichter wäre es für alle Beteiligten, wenn Zentren die Behandlung von Flüchtlingen koordinierten. Solche Zentren gibt es in Bremen, in anderen Bundesländern nicht. Dabei könnten die Zentren durch eine zügige Koordination und Behandlung dazu beitragen, dass kostenintensive stationäre Behandlungen vermieden werden.

Erforderlich wäre dafür aber Gelder von Kommunen oder vom Bund, mit denen eine Basisfinanzierung in den psychosozialen Behandlungszentren garantiert wird. Alternativ dazu könnte man die psychiatrischen Regeleinrichtungen für Flüchtlinge öffnen.

So lange keine Lösung gefunden wird, sind die Betroffenen weiter auf das Engagement von Flüchtlingsinitiativen und Helfern in den Beratungsstellen angewiesen. Diese werden oft aus privaten Spenden finanziert.

Zahlen verdeutlichen, dass das für Deutschland nicht ausreicht: Die bundesweit 14 in der BAfF organisierten Zentren haben zusammen 328 Mitarbeiter, von denen viele nur teilzeitbeschäftigt sind. Sie haben im Jahr 2011 insgesamt 6378 Flüchtlingen geholfen. Für jeden von ihnen standen damit rechnerisch ganze zwei Stunden Arbeitszeit zur Verfügung - pro Jahr.

Menschen, die in ihrem Heimatland Folter, Gefangenschaft unter entwürdigenden Bedingungen, Vergewaltigung oder Ermordung von nahen Familienangehörigen erlitten haben, benötigen mehr Unterstützung, als Deutschland sie derzeit gewährt. Vorschläge zur Verbesserung liegen vor - jetzt muss die Finanzierung geklärt werden.

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