Ärzte Zeitung, 06.03.2014

Sozialstrukturatlas

Krankheit und Armut zerteilen Berlin

Der neue Sozialstrukturatlas in Berlin illustriert, dass der Riss durch die Hauptstadt sich verfestigt. Je nach Bezirk variieren Sozial- und Gesundheitschancen stark.

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BERLIN. Wo viele Menschen arm und arbeitslos sind, sind vorzeitige und vermeidbare Sterblichkeit höher, die mittlere Lebenserwartung geringer und tabakassoziierte Krebserkrankungen häufiger.

Das zeigt der neue Sozialstrukturatlas für Berlin, den Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) kürzlich vorgestellt hat.

In Berlin trifft es besonders die Bezirke Neukölln und Mitte. Auch in Spandau, Marzahn-Hellersdorf und Friedrichshain-Kreuzberg sind gesundheitliche und soziale Belastungen höher als im Berliner Durchschnitt. Deutlich geringer sind sie dagegen in Steglitz-Zehlendorf.

Ähnlich positiv fällt das Bild für die Bezirke Charlottenburg-Wilmersdorf und Pankow aus. An dieser regionalen Verteilung innerhalb Berlins hat sich seit Jahren kaum etwas geändert.

Nur Pankow und Friedrichshain-Kreuzberg haben ihre Ränge verbessert. Der Sozialstrukturatlas spricht deshalb davon, dass sich die regionalen Unterschiede verfestigen.

Doppelt so hohe Arbeitslosenquote

Bei vielen Merkmalen schneidet Berlin im Vergleich zum Bundesdurchschnitt schlechter ab. So liegt die Arbeitslosenquote mit 14,3 Prozent fast doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt (7,4 Prozent). Auch die Armutsrisikoquote beziffert der Sozialstrukturatlas für Berlin mit 21,1 Prozent sechs Punkte höher als im Bundesschnitt. Weitere Kennziffern:

Lebenserwartung: Die Spanne innerhalb der Hauptstadt reicht bei Frauen von 81,3 Jahren in Mitte bis 83,6 Jahren in Steglitz-Zehlendorf und Treptow-Köpenick, bei Männern von 75,1 Jahren in Mitte bis 79,5 Jahren in Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Unterschiede innerhalb der Stadt haben seit 2004 abgenommen. Auch der Abstand der Hauptstadt zum Bundesdurchschnitt ist kleiner geworden, besteht aber fort.

Vorzeitige Sterblichkeit: Berlin im Ganzen hinkt hier deutlich hinter dem Bund her. Während bundesweit 108,1 von 100.000 Menschen unter 65 Jahren starben, waren es in Berlin 120,2. Enorm sind die Unterschiede innerhalb der Hauptstadt. Im Bezirk Mitte sterben von 100.000 Männern 111,6 mehr vor dem 65. Geburtstag als in Charlottenburg-Wilmersdorf. Bei Frauen ist die Spannbreite mit 45,6 deutlich geringer.

Raucher: Immer mehr junge Berliner rauchen. Ihr Anteil stieg seit 2005 stark, während er bundesweit rückläufig ist. Inzwischen liegen die Raucheranteile der Berliner unter 25 Jahren über denen in Deutschland (Frauen: 4,4 Prozentpunkte; Männer: 1,6 Punkte). Auch in der Berliner Gesamtbevölkerung rauchen deutlich mehr Männer und Frauen als im Bundesdurchschnitt. Ausnahmen sind die Bezirke Steglitz-Zehlendorf, wo nur rund jeder fünfte Mann raucht (Bund: 30,5 Prozent) und Treptow-Köpenick, wo etwa jede fünfte Frau raucht (Bund: 21,6 Prozent).

Das neue Datenmaterial wird unter anderem zur Steuerung von Arztsitzverlegungen innerhalb Berlins genutzt. "Diesen Weg haben wir mit einer gemeinsamen Bedarfsplanung bereits eingeschlagen. Er soll zu einer gerechteren Verteilung von Arztpraxen in Berlin führen", sagte Czaja.

Der Sozialstrukturatlas zeigt aber zum Beispiel auch, wo ärmere ältere Menschen leben. "Diese können wir dann ganz gezielt mit Angeboten zur gesundheitlichen Prävention ansprechen", erläuterte Czaja.

Der Senat verteilt zudem die Mittel für Nachbarschaftseinrichtungen und Stadtteilzentren auf dieser Datenbasis. Auch die Zuweisungen an die Bezirke für gemeindepsychiatrische Strukturen und die Krankenhausplanung der Hauptstadt sollen zum Teil auf der Grundlage der Sozialstrukturdaten erfolgen. (ami)

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