Ärzte Zeitung App, 02.09.2014

Ignorierte Vorgaben

Kliniken trotzen Mindestmengen

Eine Studie belegt: An vielen Kliniken werden die vorgeschriebenen Mindestzahlen bei Operationen nicht erreicht. Und dennoch wird dort fleißig weiter operiert. Nur warum ist das so?

Von Ilse Schlingensiepen

schnibbel-AH.jpg

Eingriffe ohne große Routine? Viele Kliniken ignorieren offenbar die Vorgaben zu Mindestmengen.

© Kzenin / fotolia.com

KÖLN. Die Vorgaben zu Mindestmengen werden offenbar von einer Reihe von Krankenhäusern ignoriert. Eine Konzentration der betroffenen Eingriffe an bestimmten Kliniken ist bisher nicht erkennbar. Das zeigt eine Studie der Universität Witten/Herdecke (UWH), die Mitte August veröffentlicht wurde (Dtsch Arztebl Int 2014; 111 (33-34): 549).

Welche Konsequenzen die Missachtung der Mindestmengenregelungen für die Qualität der Eingriffe hat, war nicht Teil der Untersuchung. Klar ist aber: Hier ist noch einiges für die Versorgungsforschung zu tun.

Die Wissenschaftler haben die Qualitätsberichte aus den Jahren 2004, 2006, 2008 und 2010 ausgewertet. Einbezogen waren 1983 Krankenhäuser. Die Größe und die Trägerschaft der Kliniken spielte dabei keine Rolle.

Bei der Erhebung ging es um die Einhaltung der vom Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) vorgegebenen Mindestmengen bei den Indikationen Knie-Totalendoprothese, komplexe Eingriffe am Ösophagus oder am Pankreas sowie Leber-, Nieren- und Stammzelltransplantationen.

Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung: "Die Mindestmengen haben offensichtlich keine Auswirkungen darauf, an welchen Kliniken operiert wird", sagt Dr. Werner de Cruppé vom Institut für Gesundheitssystemforschung der UWH.

Zwischen vier und 44 Prozent der Kliniken nahmen je nach Eingriffsart noch im Jahr 2010 - also sechs Jahre nach Einführung der Vorgaben - Operationen vor, obwohl sie unter der erforderlichen Mindestmenge bleiben. "Je nach Operation werden damit ein bis 15 Prozent der Patienten in Krankenhäusern behandelt, die die Vorgaben nicht einhalten", sagt er.

Handelt es sich oft um Notfälle?

Dabei gibt es je nach Indikation Unterschiede. Bei der Knie-TEP blieben 2010 acht Prozent der Kliniken, die einen solchen Eingriff vornahmen, unter der Mindestmenge, bei der Lebertransplantation waren es vier Prozent, beim komplexen Eingriff am Pankreas 29 Prozent und beim komplexen Eingriff am Ösophagus 44 Prozent.

Gerade die Zahlen zu den zuletzt genannten Operationen werfen nach Einschätzung von de Cruppé eine Reihe von Fragen auf: Handelt es sich dabei um Notfälle? Sind die Zahlen ein Ausdruck des Patientenwunsches nach wohnortnaher Versorgung? Gibt es trotz Unterschreitung der Mindestmengen einen hohen Qualitäts-Standard? "Das sind spannende Fragen für die Versorgungsforschung", sagt er.

Für die Schlussfolgerung, dass ein Unterschreiten der Mindestmengen mit einer schlechteren Patientenversorgung einhergeht, gibt es für ihn keine belastbaren Hinweise. "Es gibt Krankenhäuser, die in geringer Zahl Operationen durchführen, aber dennoch exzellente Ergebnisse liefern", betont de Cruppé.

Die Ergebnisse der Untersuchung zu den Mindestmengen sollten ein Anlass sein, die Versorgungsqualität bei diesen Indikationen gezielt in den Blick zu nehmen, fordert er.

Eine frühere Befragung von Krankenkassen habe gezeigt, dass die Mindestmengen bei den Budgetverhandlungen offenbar keine Rolle spielen, berichtet de Cruppé. "Das zeigt, dass der Markt es nicht richten kann."

[03.09.2014, 00:48:27]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
ich meinte: wenn schon Zahlen, dann pro Operateur!
2 Erfahrene Chirurgen in einer (kleinen) Abteilung sind besser für den Patient, als
12 Chirurgen in einer großen Abteilung.
in einer Uni-Abteilung mit 160 Betten und 60 Chirurgen, kommen wieviel Patienten auf einen Chirurgen? zum Beitrag »
[02.09.2014, 22:01:39]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Leserbrief dazu in der FAZ
Zu einem tendenziösen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom 18.8.2014 schrieb ich folgenden Leserbrief:

"Übung macht den Meister: Mindestmengen machen eher ungeübte Chirurgen"
THOMAS G. SCHÄTZLER (DR.SCHAETZLER) - 20.08.2014
"Prof. Dr. M. Geraedts von der Universität Witten/Herdecke ist mit „Krankenhausreport-2014“ im Auftrag der AOK zu Patientensicherheit, Stuttgart 2014, schon unangenehm aufgefallen. Mit den jeder Logik widersprechenden Analogieschlüssen zwischen frei geschätzten, jährlich angeblich 19.000 tödlichen ärztlichen Behandlungsfehlern in Krankenhäusern und den 4.000 Verkehrsunfalltoten/Jahr wurde die Öffentlichkeit in die Irre geführt. Jetzt die gleiche Nummer: Geübte Chirurgen wachsen bekanntlich nicht auf Bäumen, sondern lernen und qualifizieren sich durch Übung und Erfahrung. Dafür sind Mindestmengenvorgaben kein Dogma, sondern Zielkorridore. Notfall-OP's mit transportunfähigen Patienten müssen sein. Mein chirurgischer Oberarzt und Abdominalchirurg operierte bei fast tödlicher Messerattacke, Herzbeuteleinblutung und sterbendem Patienten erfolgreich, während ich als 2. Assistent das Lehrbuch der Thoraxchirurgie in der Hand hielt, weil es nicht sein Fachgebiet war. Der Patient überlebte!"

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

 zum Beitrag »
[02.09.2014, 16:11:51]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
"Frequenz" oder Klinikgröße ist ein höchst unseriöses Qualitätskriterium.
Die Krankenkassen haben wesentlich bessere Qualitätsstatistiken ihrer eigenen Mitglieder.
Warum werden die nicht direkt verwendet.
Die BG als seriösester Kostenträger macht nichts anderes. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »