Ärzte Zeitung online, 20.03.2015

In Kliniken

Darum ist die Todesgefahr am Wochenende höher

Wer am Wochenende ins Krankenhaus muss, hat schlechtere Karten als an Werktagen: Die Wahrscheinlichkeit, dem Leiden zu erliegen, ist am Samstag und Sonntag höher. Das liegt jedoch nicht an den Kliniken, sondern an den Patienten.

Von Thomas Müller

Darum ist die Todesgefahr am Wochenende höher

Rote Zahlen für den Sonntag: Wer am Wochenende in die Klinik muss, hat eine geringere Überlebenschance.

© Stauke / fotolia.com

AARHUS. Besser nicht am Wochenende ins Krankenhaus - das könnte die eine Schlussfolgerung sein, die man aus dem "Wochenend-Effekt" zieht. Denn am Wochenende sind die Chancen am größten, die Klinik nicht lebend zu verlassen.

Ob dies jedoch tatsächlich mit einer schlechteren Versorgung am Samstag und Sonntag zusammenhängt oder schlicht mit der Tatsache, dass diejenigen, die unbedingt am Wochenende ins Krankenhaus müssen, besonders schwer krank sind - das war bislang weitgehend unklar.

Ist Letzteres der Fall, nützt es natürlich nichts, bis Montag zu warten: Dann stirbt man vielleicht nicht im Krankenhaus, aber mit umso höherer Wahrscheinlichkeit zu Hause.

Nach einer großen Analyse dänischer Krankenhausdaten lässt sich die erhöhte Mortalität am Wochenende nun tatsächlich nicht damit begründen, dass der Chefarzt beim Segeln statt auf Station ist.

Vielmehr hätten diejenigen, die in der Notaufnahme auftauchen, besser ein paar Tage früher kommen sollen.

Die Hälfte kommt werktags zwischen 8 und 17 Uhr

Für ihre Untersuchung haben die Forscher um Betina Vest-Hansen von der Universität in Aarhus sämtliche dänischen Klinikeinweisungen des Jahres 2010 ausgewertet (BMJ Open 2015;5:e006731).

Unberücksichtigt blieben Aufnahmen innerhalb von 30 Tagen nach einer vorhergehenden Krankenhauseinweisung. Letztlich kamen sie so auf knapp 175.000 Patienten.

Nun schauten sie sich zum einen die 20 häufigsten Diagnosen bei der Aufnahme an, zum anderen analysierten sie genau, um wie viel Uhr die Patienten ins Krankenhaus kamen: werktags zu den üblichen Geschäftszeiten (8-17 Uhr), werktags außerhalb dieser Zeiten, am Wochenende tagsüber (9-22 Uhr) oder nachts.

Schließlich untersuchten sie, wie viele der Patienten in den 30 Tagen nach Klinikaufnahme starben.

Wie erwartet, kamen werktags zu den üblichen Geschäftszeiten am meisten Patienten in die dänischen Kliniken, und zwar genau die Hälfte. In dieser Zeit erfolgten auch die meisten Überweisungen durch Haus- und Fachärzte.

Nur ein Viertel suchte eine Klinik an Werktagen abends oder nachts auf, an den Wochenenden kamen knapp 17 Prozent tagsüber und 8 Prozent nachts. Entsprechend schwankte auch die Aufnahmerate bezogen auf die Bevölkerung: Von einer Million Dänen kamen werktags zwischen 8 und 17 Uhr rund neun pro Stunde in ein Krankenhaus, nur etwa zwei waren es nachts an Wochenenden.

Wie sich herausstellte, bevölkerten wochentags eher ältere Patienten die Notaufnahmen: Zwei Drittel waren über 60 Jahre alt. Dagegen stellten die über 60-Jährigen nur rund die Hälfte der Patienten an den Wochenenden.

Auffällig war auch, dass werktags tagsüber nur etwa 15 Prozent mit dem Notarztwagen eingeliefert wurden, aber 34 Prozent der Patienten, die nach 17 Uhr in eine Klinik mussten. Am Wochenende war dieser Anteil mit 30 Prozent tagsüber und 33 Prozent nachts ebenfalls deutlich höher.

Wochenend-Patienten brauchen häufiger Intensivmedizin

Analysierten die Epidemiologen um Vest-Hansen nun die Sterbedaten anhand der persönlichen Identifikationsnummer, so stellten sie fest, dass 5,1 Prozent der Patienten, die werktags zwischen 8 und 17 Uhr eingeliefert wurden, in den folgenden 30 Tagen starben.

Das traf auch auf 5,7 Prozent der Patienten zu, die an Werktagen abends und nachts kamen.

Deutlich mehr waren es am Wochenende: Hier lagen die Mortalitätsraten bei 6,4 Prozent (tagsüber) und 6,3 Prozent (nachts). Entscheidend für das Sterberisiko scheint also weniger die Tageszeit als tatsächlich der Wochentag zu sein.

Eine Erklärung für diesen Effekt wird mit einem Blick auf die Intensivstationen deutlich: Nur 2 Prozent der werktags zwischen 8 und 17 Uhr aufgenommenen Patienten mussten in den folgenden Tagen dort hin, mehr als doppelt so hoch war der Anteil bei den Patienten, die nachts am Wochenende kamen (4,4 Prozent), in den übrigen Zeiten lag der Anteil mit knapp über 3 Prozent in der Mitte.

Entsprechend benötigten Patienten nachts am Wochenende auch am häufigsten bestimmte Intensivtherapien wie mechanische Beatmung, Nierenersatztherapie, Inotropika oder Vasopressoren. Offenbar waren die Patienten, die zu diesen Zeiten kamen, also besonders schwer krank.

Schauten sich die Forscher nun die einzelnen Diagnosen an, dann ließ sich der Wochenend-Effekt bei 17 der 20 häufigsten Ursachen für eine Einweisung feststellen - es scheint sich also nicht um ein krankheitsspezifisches Phänomen zu handeln, wenngleich der Effekt bei den einzelnen Erkrankungen unterschiedlich stark ausgeprägt war.

Zwei-bis dreifach höhere 30-Tages-Mortalität

Besonders deutlich zeigte er sich bei Patienten mit Sepsis, Anämie, Angina pectoris, Vorhofflimmern, COPD und Synkopen. Hier beobachteten die Forscher bei Wochenend-Einweisungen zum Teil eine zwei- bis dreifach höhere 30-Tages-Mortalität als bei Einweisungen tagsüber an Werktagen.

Die Erklärung dafür liegt auf der Hand: Viele Patienten, die am Wochenende ernste Symptome entwickeln, versuchen zunächst, bis zum Montag durchzuhalten, um dann zu einem Haus- oder Facharzt zu gehen. Den weniger bedrohlich Kranken gelingt dies auch, den anderen nicht.

Entsprechend kommen an einem Tag am Wochenende weit weniger Patienten in die Klinik als an einem Werktag, dafür sind diejenigen, die kommen aber schwerer krank.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

ALS ist mit Demenz eng verwandt

Stephen Hawking ist wohl der berühmteste Patient, der an Amyotropher Lateralsklerose leidet.Forscher haben nun herausgefunden, dass ALS und temporale Demenz eng verwandte Krankheitsbilder sind. Das könnte Einfluss auf das Diagnoseverfahren haben. mehr »

Innovationsfonds startet in die Versorgungsrealität

Der Innovationsfonds ist offiziell in die Umsetzungsphase gestartet. Die 300 Millionen Euro für das Jahr 2016 teilen sich 91 Versorgungs- und Forschungsprojekte. mehr »

Sind Computer bald die besseren Psychotherapeuten?

Immer mehr Online-Psychotherapien drängen auf den Markt. Die meisten sind weder besonders einfühlsam noch allzu intelligent. Dennoch sind die Erfolge erstaunlich. mehr »