Ärzte Zeitung, 18.08.2015

Pädiater warnen

Minderjährige Flüchtlinge werden vernachlässigt!

35 Prozent der Asylerstanträge wurden 2013 von Kindern und Jugendlichen gestellt.Ihr Zugang zum Gesundheitssystem ist jedoch nicht klar geregelt. Kinder- und Jugendärzte mahnen eine bessere Versorgung an.

Von Raimund Schmid

Minderjährige Flüchtlinge werden vernachlässigt!

Wenn minderjährige Flüchtlinge in Deutschland ankommen, ist das für alle Beteiligten eine besondere Herausforderung. Der frühe Zugang zum Gesundheitssystem ist dabei unverzichtbar, mahnen Pädiater.

© Andreas Gebert/dpa

BERLIN. In Deutschland haben zuwandernde Kinder in nur höchst unzureichender Weise Zugang zu Vorsorge- und Behandlungsangeboten.

Weil jedoch besonders im frühen Kindesalter noch Maßnahmen zur Prävention oder zur Früherkennung und Behandlung schwerwiegender Erkrankungen möglich sei, sollte gerade für sehr junge Flüchtlinge der Zugang zu Vorsorge- und Behandlungsangeboten schnell und effektiv möglich sein.

Das fordert Dr. Erika Sievers von der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

2013 waren über 100.000 Kinder und Jugendliche nach Deutschland eingewandert. Gerade minderjährige Flüchtlinge wiesen dabei oft massive körperliche Beschwerden auf oder waren psychisch traumatisiert.

Die zuwandernden Kinder im schulpflichtigen Alter kommen als "Seiteneinsteiger" in das deutsche Gesundheitswesen, erklärt Sievers. Bei ihren deutschen Mitschülern wurde bei der Einschulung eine schulärztliche Untersuchung durchgeführt.

Daher sollten laut DGSPJ alle zuwandernden Kinder zu Schulbeginn - auch in höheren Klassen - die Chance erhalten, auf schulrelevante gesundheitliche Defizite untersucht zu werden. Diese sogenannten Seiteneinsteigeruntersuchungen werden bisher nicht flächendeckend umgesetzt.

Studie zeigt: Dolmetscher benötigt!

Wie wichtig die Verständigung dabei ist, zeigt eine bundesweite Befragung, die 2014 von DGSPJ und Technischer Universität München an Sozialpädiatrischen Zentren durchgeführt wurde.

Über 85 Prozent der Teilnehmer gaben an, dass oft oder häufig sprachliche Verständigungsschwierigkeiten oder kulturell unterschiedlich geprägte Krankheits- und Behandlungskonzepte zwischen Ärzten und den Eltern des Kindes bestehen.

Zwei Lösungsvorschläge wurden favorisiert: der Einsatz von qualifizierten Dolmetschern, die für den Einsatz im Gesundheitswesen und im kultursensiblen Umgang mit Migrantenkindern geeignet sind. Und die Bereitstellung von Informationsmaterialien zum jeweiligen Krankheitsbild und Behandlungskonzept in der Muttersprache des Patienten.

Um dies zu erreichen, fordert die DGSPJ die

bedarfsgerechte Bereitstellung von Übersetzungen, Dolmetscherleistungen und ergänzenden mehrsprachigen Informationsmaterialien. So soll zuwandernden Familien die Informationen zukommen, die sie für eine fundierte Entscheidungen benötigen;

Etablierung vorbildhafter Modelle wie die "Migrant Friendly Hospitals" in Kinderspitälern in der Schweiz oder der dortige Nationale Telefondolmetscherdienst. Dieser macht Übersetzungsleistungen gerade in Notfällen kurzfristig in großer Sprachenvielfalt möglich;

Vereinfachung des Zugangs zu medizinischer Versorgung für Flüchtlinge und Asylsuchende durch eine bundesweite Einführung einer elektronischen "Gesundheitskarte" wie in Bremen und Hamburg bereits praktiziert. Dies ermöglicht Familien eine schnellere und effektivere Krankenbehandlung und senkt gleichzeitig den Verwaltungsaufwand.

UN-Kinderrechtskonvention als Basis

Dass das Problem eine dringende Herausforderung stellt, zeigt auch ein Blick auf die aktuellen Einwanderungsströme: 35 Prozent der Asylerstanträge wurden 2013 von Kindern und Jugendlichen gestellt.

Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Aydan Özoguzfür, hat für 2015 daher den Themenschwerpunkt Gesundheit und Pflege gewählt. Im Fokus steht besonders die Situation minderjähriger Flüchtlinge, die allein oder mit ihren Eltern nach Deutschland kommen.

Özoguzfür plädiert an Integrationsbeauftragte von Bund, Ländern und Kommunen: Sie sollten bei ihren Maßnahmen insbesondere auch die Bedarfe der Kinder auf der Grundlage der UN-Kinderrechtskonvention berücksichtigen.

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