Ärzte Zeitung, 23.10.2015

Neue Kriterien geplant

Jetzt soll Ordnung ins Chaos Schmerzmedizin

Das Versorgungsangebot in der Schmerzmedizin ist unübersichtlich, Fachgesellschaften sind sich oft uneins. Jetzt aber ziehen sie alle an einem Strang: Mit klaren Struktur- und Qualitätskriterien soll es endlich mehr Transparenz geben.

Von Christoph Fuhr

Jetzt soll Ordnung ins Chaos Schmerzmedizin

Schmerzpatienten besser und schneller behandeln - das ist das Ziel.

© lofilolo / iStock / Thinkstock

STUTTGART. Sie sind sich längst nicht immer einig, wenn es um den Aufbau von besseren Versorgungsstrukturen in der Schmerzmedizin geht, doch bei einem Kernproblem ziehen sie jetzt gemeinsam an einem Strang.

Die Fachgesellschaften und Verbände in der Schmerzmedizin haben sich auf einen Katalog geeinigt, in dem erstmals Struktur- und Qualitätskriterien für unterschiedliche schmerzmedizinische Einrichtungen formuliert sind.

Die Versorgungslandschaft ergebe derzeit ein völlig uneinheitliches Bild, erläuterte der Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft Dr. Gerhard Müller-Schwefe bei einer vom Unternehmen Mundipharma unterstützten Fachveranstaltung in Stuttgart.

Eine verwirrende Vielfalt

Unterschiedliche schmerzmedizinische Einrichtungen in Deutschland zeichnen sich durch eine zunehmende Spezialisierung und Komplexität aus. Nach fachgebietsbezogenen Einrichtungen folgen die Praxis/Ambulanz für Spezielle Schmerztherapie bis hin zum Zentrum für Interdisziplinäre Schmerzmedizin mit einem multiprofessionellen und multimodalen Diagnose- und Therapiekonzept.

Hinzu kommen schmerzpsychotherapeutische Einrichtungen und interdisziplinäre syndromorientierte Zentren - etwa für Kopf- oder Rückenschmerzpatienten. Eine verwirrende Vielfalt.

Kriterien müssen überprüfbar sein

Jetzt soll mehr Transparenz entstehen. Die "Gemeinsame Kommission der Fachgesellschaften und Verbände in der Schmerzmedizin" hat schmerzmedizinische Einrichtungen definiert und festgelegt, welche Kriterien sie erfüllen müssen: So gibt es etwa Einrichtungen, von denen erwartet wird, dass der Leiter jährlich 40 Stunden schmerzmedizinische Fortbildung und zehn offene Schmerzkonferenzen nachweisen muss.

Kriterium kann zum Beispiel auch sein, ob Versorgung an fünf Wochentagen angeboten wird oder wie viele neue Patienten pro Jahr mindestens behandelt werden müssen.

Wichtig, so Müller-Schwefe, sei es, dass die Klassifizierung Strukturen definiere, die im bestehenden Versorgungssystem umsetzbar und überprüfbar sind.

Die Fachgesellschaften empfehlen auch die Einführung eines Fachkundenachweises Schmerzmedizin. Nicht einig sind sie sich, wenn es um den Facharzt für Schmerzmedizin geht, den Müller-Schwefe unermüdlich fordert.

[25.10.2015, 10:57:06]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Es geht um die medizinische "Sichtweise"!
Die Schmerzmedizin ist primär keine Spezialdisziplin, sondern eine medizinische Sichtweise auf Beschwerden, Symptome und Probleme unserer Patientinnen und Patienten! Von daher wäre die eindimensionale Reduzierung auf "manuelle Techniken für Schmerzen am Bewegungsapparat, für welche die 'Schulmedizin' keine Entsprechung hat" eine unzulässige Einschränkung und kontraproduktiv für alle a n d e r e n Schmerz-Syndrome.

Insofern findet der "Allgemeinarzt für Schmerztherapie" Eingang in allen klinischen/ambulanten Bereichen von der Anästhesie bis zur Zahnheilkunde: Überall dort, wo die Schmerzmedizin keine Subspezialität der Medizin ist, sondern eine Sichtweise auf die Medizin und den Menschen."

Schmerztherapie bzw. Schmerzmedizin sind in a l l e n klinisch und ambulant relevanten Fächern integraler Bestandteil der Patientenversorgung; besonders qualifizierte Schmerzmedizin erweitert dagegen diese Sichtweise und gibt ihr ein wissenschaftliches und Versorgungs-spezifisches Fundament.

So lange der Facharzt für Schmerzmedizin nur vom Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin, Dr. med. Gerhard Müller-Schwefe, gefordert, aber zugleich nicht in Zusammenarbeit mit den anderen Fachgesellschaften schmerzfrei realisiert werden kann, sind alle Anstrengungen zu unterstützen, die ein Bewusstsein für das "Querschnittsfach" Schmerztherapie bzw. Schmerzmedizin in den klinischen/ambulanten Bereichen von der Anästhesie bis zur Zahnheilkunde schaffen.

Unsere Patientinnen und Patienten mit ihren Beschwerden sollten im Mittelpunkt stehen: Da müssen die Gräben unter den (Fach-)Kolleginnen und Kollegen nicht durch unproduktive Abgrenzungsängste vertieft, sondern überwunden werden.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[23.10.2015, 09:24:17]
Dr. Willi Hornung 
Oft hilft eine andere Sicht auf die Dinge...
Es gibt zwei exzellente,erfolgreiche manuelle Techniken für Schmerzen am Bewegungsapparat,für welche die " Schulmedizin" keine Entsprechung hat.Einmal das Fasziendistorsionsmodell nach Dr. Stephen Typaldos (siehe auch www.fdm-europe.com) und die Osteopressur nach Liebscher und Bracht.

Das oft propagierte "Schmerzgedächtnis" halte ich für eine Fehlinterpretation der Realität. Was sollte es in der Evolution für einen Sinn machen, dass ein Lebewesen durch die Gegend läuft mit Schmerzen ohne Ursache.

Das Schmerzgedächtnis ist die Erinnerung an schmerzhaftes Verhalten des Individuum, z.B. die heiße Herdplatte oder der Unterschenkel in der mit heißem Wasser vollgelaufenen Badewanne.Das merkt man sich und vermeidet, es nochmals auszuprobieren.

Der postulierte chronische Schmerz ist der nicht adäquat behandelte akute Schmerz.Oft werden vermeintliche Schmerzursachen behandelt, aber nicht die eigentlichen Schmerzursachen.Das bedeutet die Ursache wurde nicht behoben und somit bleibt der Schmerz bestehen. zum Beitrag »

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