Ihre Meinung ist gefragt: Machen Sie bei unserer Online-Umfrage mit!

Ärzte Zeitung, 26.10.2015

Selbstmedikation

Wer arm ist, spart an Medikamenten

Eine aktuelle Untersuchung zeigt: Ein Großteil der sozial Benachteiligten kauft trotz Beschwerden keine Schmerzmittel - aus Geldmangel.

Von Ilse Schlingensiepen

Wer arm ist, spart an Medikamenten

Wer wenig Geld zum Leben hat, verzichtet häufiger auf den Kauf von OTC-Medikamenten.

© Dietmar Gust / ABDA

DÜSSELDORF. Menschen, die wenig Geld zum Leben haben, verzichten häufiger auf den Kauf von OTC-Medikamenten als bisher angenommen. Das zeigt eine Untersuchung des Landeszentrums Gesundheit Nordrhein-Westfalen (LZG) zur Selbstmedikation bei sozial Benachteiligten.

"Rund 40 Prozent der Kaufwünsche werden nicht realisiert", sagte Dr. Udo Puteanus von der Fachgruppe Sozialpharmazie des LZG beim Dialog Versorgungsforschung NRW in Düsseldorf. Eine Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung von 2007 war auf einen Anteil von 20 Prozent gekommen.

Das LZG hatte 2012 in Zusammenarbeit mit Amtsapothekern Nutzer der Tafeln in Düren, Unna, Münster und Neuss befragt, in welchem Umfang sie in den vergangenen zwölf Monaten OTC-Produkte gekauft hatten und wie oft sie aus finanziellen Gründen darauf verzichtet hatten.

"Verzicht kann eine Gefahrenquelle sein"

391 von 5000 verteilten Erhebungsbögen konnten die Forscher auswerten. Die allermeisten Teilnehmer waren deutsch, der Großteil war weiblich.

Nach der Auswertung versuchen die Menschen trotz des knappen Budgets, nicht-rezeptpflichtige Arzneimittel zu kaufen. So hatten 29,7 Prozent in den zurückliegenden zwölf Monaten vier bis acht Medikamente gekauft, bei 28,4 Prozent waren es bis zu drei Medikamente.

13,6 Prozent gaben an, überhaupt keine Arzneimittel gekauft zu haben. Gleichzeitig hatten 38,6 Prozent nach eigenen Angaben auf bis zu drei OTC-Präparate verzichtet, 21,5 Prozent auf vier bis acht. Bei 22,3 Prozent gab es keinen Verzicht auf den Medikamentenkauf. "Diejenigen, die viel kaufen, geben auch an, dass sie viel verzichten", sagte der Pharmazeut.

Die am häufigsten gekauften Produkte waren Schmerz- und Fiebermittel, Nasenspray und -tropfen und Mittel gegen Magenbeschwerden. Genau auf diese Gruppen von Arzneimitteln haben die Tafel-Nutzer am häufigsten verzichtet.

So haben 45 Prozent trotz Bedarfs keine Schmerzmittel gekauft, 25 Prozent keine Nasentropfen und 24 Prozent keine Magenmittel. Ein Verzicht auf OTC-Mittel aus finanziellen Gründen könne einen Verlust an Lebensqualität bedeuten, sagte er.

"Der Verzicht kann auch eine Gefahrenquelle sein", betonte Puteanus. 15 Prozent hatten entgegen dem Kaufwunsch keine Mittel gegen Pilzerkrankungen gekauft, 5 Prozent auf Präparate gegen Kopfläuse verzichtet.

Es besteht noch Untersuchungsbedarf

Ein Blick auf das Alter der Befragungsteilnehmer zeigt, dass die älteren Tafel-Nutzer seltener OTC-Präparate kaufen und auch seltener auf sie verzichten. "Möglicherweise wird bei älteren Menschen der Bedarf an Arzneimitteln eher durch verschreibungspflichtige Präparate gedeckt."

Puteanus wies darauf hin, dass die Befragung nicht repräsentativ ist. Dennoch zeigt sie nach seiner Einschätzung, wo weiterer Untersuchungsbedarf besteht. Er hält eine Diskussion darüber für notwendig, welche Arzneimittel für die Betroffenen notwendig sind, um die Lebensqualität zu verbessern, die Verschleppung von Krankheiten zu verhindern und Infektionsgefahren zu minimieren.

Gleichzeitig müsse geklärt werden, in welchem Umfang diese Arzneimittel für sozial Benachteiligte solidarisch finanziert werden können, sollen oder müssen - und wer über die Kostenübernahme entscheidet.

Gefragt sieht Puteanus auch die Versorgungsforscher: "Die Selbstmedikation sollte besser beobachtet und beforscht werden."

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Werden europäische Männer immer unfruchtbarer?

Männern haben immer weniger Spermien. Direkte Rückschlüsse auf Fruchtbarkeit erlaubt das nicht – es könnte aber nur die Spitze eines Eisbergs gesundheitlicher Probleme sein. mehr »

Psychotherapie soll künftig Unifach werden

Ein einheitliches Berufsbild, Studium an der Uni. Die Psychotherapeutenausbildung steht vor umwälzenden Veränderungen. Kritiker vermissen beim Entwurf aber Konkretes zum Thema Weiterbildung. mehr »

Ist die menschliche Entwicklung am Ende?

Über Hunderttausende von Jahren ist der Mensch zu dem geworden, was er heute ist. Und nun? Ein Grimme-Preisträger fragt sich, ob Unsterblichkeit erstrebenswert ist und wohin uns die Evolution führen wird - oder kann der Mensch sie austricksen? mehr »