Ärzte Zeitung online, 03.11.2015

Herzinfarkt in Sachsen-Anhalt

112 zu spät gewählt - warum?

Sachsen-Anhalt liegt bei der Herzinfarktsterblichkeit vorn, Patienten gelangen oft erst zu spät zum Arzt. Ein regionales Herzinfarktregister soll Forschern bei der Suche nach Gründen dafür helfen.

MAGDEBURG. Mit 103 Gestorbenen pro 100.000 Einwohner steht Sachsen-Anhalt neben Brandenburg noch immer an der Spitze bei der Herzinfarktsterblichkeit. Anlässlich der bundesweiten Herzwochen wurden in Magdeburg zwei Projekte vorgestellt, die auf eine Trendwende abzielen.

Gemeinsam mit der Technischen Universität und dem Helmholtz Zentrum in München arbeiten Kardiologen des Magdeburger Universitätsklinikums an einem Forschungsvorhaben, das Ursachen für Herzinfarkte, Verhalten im Notfall und Vorwissen über die Erkrankung auf der Spur ist.

"Wir wollen mithilfe wissenschaftlicher Analysen auch Strategien zur Sensibilisierung für ein Infarkt-Risiko entwickeln, um die Sterblichkeit durch Herzinfarkte und andere Herzkrankheiten zu senken", sagt Professor Rüdiger C. Braun-Dullaeus, Direktor der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Pneumologie an der Universität Magdeburg.

Gefördert von der Herzstiftung

Basis für die Studie, die von der Deutschen Herzstiftung gefördert wird, ist das Münchener MEDEA-Projekt, durch das in Bayerns Landeshauptstadt Verzögerungen des Behandlungsbeginns bei Patienten mit akutem Koronarsyndrom untersucht werden.

"Wenn wir die Magdeburger und Münchener Daten, die bereits vorliegen, vergleichen, könnte das helfen, ein Interventionsprogramm zur Verbesserung der Infarktversorgung zu auf den Weg zu bringen", sagt Professor Karl-Heinz Ladwig vom Helmholtz Zentrum München.

Berücksichtigt werden sollten dabei auch lokale Faktoren wie die Arbeitsmarktsituation, der Sozialstatus oder die Altersstruktur. Den Forschern zufolge spielt das Alter für prähospitale Verzögerungen eine große Rolle. Das wiege besonders schwer in einem Land wie Sachsen-Anhalt, das zu den Regionen mit den ältesten Einwohnern Europas gehört.

Erst 194 bis 230 Minuten später in der Klinik

Laut der Münchener MEDEA-Studie, an der 619 Infarktpatienten teilnahmen, kamen Männer im Schnitt 194 Minuten, Frauen sogar erst 230 Minuten nach den ersten Infarktsymptomen ins Krankenhaus. Bei älteren Patienten (über 65 Jahre) waren die Verzögerungszeiten noch länger (Männer: 222, Frauen: 266 Minuten).

"Wir brauchen dringend Aufschluss darüber, weshalb Infarktpatienten erst spät, oft zu spät medizinische Hilfe über den Notruf 112 anfordern", so Braun-Dullaeus, denn gerade beim Infarkt sei Zeit ein entscheidender Faktor, um schwere Schäden und lebensbedrohliche Komplikationen abzuwenden.

Aufschlüsse erhoffen sich Ärzte und Forscher zugleich vom Regionalen Herzinfarktregister Sachsen-Anhalt (RHESA), in dem sämtliche Infarkte in Halle sowie der ländlichenAltmarkregion erfasst werden. "Unsere Daten können dazu beitragen, geeignete Strategien zur schnelleren Alarmierung des Rettungsdienstes zu entwickeln", so Dr. Stefanie Bohley, RHESA-Koordinatorin.

Die Studie, die ebenfalls von der Deutschen Herzstiftung gefördert wird, hat bereits erste Aufschlüsse über Risikofaktoren gegeben. Danach liegt der Anteil der Raucher, Diabetiker, Hypertoniker und Übergewichtigen in Sachsen-Anhalt über dem Bundesdurchschnitt.

[04.11.2015, 17:32:18]
Dr. Dieter Schwartze 
Die Patientenentscheidungszeit bei Herzinfarkt ist ein Dauerproblem
Im Vergleich zu den im kommunalen Herzinfarktregister Halle/S. im Zeitraum 1974-1989 gewonnenen Daten von 6198 Patienten deuten die im Beitrag der ÄZ vom 3.11.2015 auf keine über die Jahrzehnte erreichten Fortschritte.Damals gelang es, die PEZ von initial 180 Minuten
(Männer und Frauen) in den Jahren 1984 bis 1989 auf 60-75 Min.(Männer) und 60-90 Min.(Frauen) zu senken, wobei die Differenz bei den Frauen nicht signifikant altersabhängig war.
Der Anteil der PEZ an der Prähositalzeit ließ sich in den günstigsten Jahren von initial 50% bzw. 60% auf 26 bzw. 19% reduzieren, stieg dann aber wieder bis zu 30% bzw. 42% an, um 1989 bei 27 bzw. 31% zu liegen.
Die Tatsache einer längeren PEZ bei Frauen wurde auch in der Northern Sweden MONICA-Study 2007 bestätigt.
Eine verkürzte PEZ führte in Halle/S. 1974-1984 nicht zu einer Reduzierung der prähospitalen Letalität. Ähnliches wurde 1986 aus Rostock und im Task Force Report der ESC von 2003 berichtet.
Im Gesamtregisterzeitraum 1974-1989 in Halle war dann doch eine leichte Besserungstendenz der Frühletalität zu erkennen (Reduzierung um 5 bis 10%), war allerdings damals bei unzureichenden hospitalen Interventionsmöglichkeiten die stationäre Frühletalität um 10% erhöhte.
Eine Analyse des stationären Patientengutes des Klinikum Kröllwitz Halle/S.(Dissertation v. A.-K. Wendt) der Jahre 1999-2003 ist zu entnehmen, dass bei 14,7% der NSTEMI- und 8,9% der STEMI-Patienten eine atypische Anamnese vorlag und damit nahm die Prävalenz nicht erkannter Infarkte bei Älteren stark zu und betrug im Alter von 75-84 Jahren 42%.
Eine Diagnosesicherung durch das EKG war übrigens nur in 54,3% der NSTEMI- und 57,4% der STEMI-Patienten möglich.
Das deckt sich mit einer Analyse stationärer Aufnahme-EKG von 1982 (Schwartze: 50% am 1. Tag, am Ende der 1. Woche ca. 80%). Übrigens konnte in der Dissertation keine exakte Angabe zur prähospitalen Frühsterblichkeit gemacht werden. Die vermuteten 25% (1989 18% für den definiten und 29,8% für definitiven und möglichen Infarkt nach WHO) bleiben spekulativ.
Die jetzt laufenden Bemühungen zur Verbesserung der Situation können nach den zahlreichen nationalen und internationalen Mitteilungen nur mit verhaltenem Optimismus verfolgt werden.
Als persönliche Anmerkung noch eine Erfahrung aus einer jahrzehntelang geführten kardiologischen Dispensaireambulanz war die Beobachtung, dass in der Reinfarktgruppe teilweise besonders zögerliche Handlungsweisen hinsichtlich PEZ bei Reinfarkt erkennbar war.
Also: zwar Aufklärung!. Aufklärung!- aber solche mentalen Entscheidungshemmnisse sowie der Faktor atypische Anamnese (besonders bei Frauen) bleiben bestehen.
Dr. Dieter Schwartze, Kardiologe i.R.,06193 Petersberg zum Beitrag »

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