Ärzte Zeitung, 31.03.2016

Umfrage

Über Komplementärmedizin sprechen Patienten selten

Patienten erwähnen ihren Hausärzten gegenüber kaum alternative und komplementäre Heilmethoden - hauptsächlich, weil sie dies nicht für relevant erachten oder die Ärzte nicht danach fragen.

Von Thomas Müller

Über Komplementärmedizin sprechen Patienten selten

Ein Drittel bis die Hälfte aller Erwachsenen verwendet alternative oder komplementäre Therapien.

© photocrew. / fotolia.com

MINNEAPOLIS. Nach Schätzungen verwendet ein Drittel bis die Hälfte aller Erwachsenen alternative oder komplementäre Therapien. Dazu werden oft auch nichtmedikamentöse Verfahren wie Yoga und Meditation gezählt. Bisherige Untersuchungen haben ergeben, dass viele Patienten darüber nicht mit ihren Hausärzten sprechen.

Dies kann jedoch sehr wichtig sein, vor allem, wenn Patienten Präparate aus dem alternativen Spektrum einnehmen, die Nebenwirkungen haben oder mit Medikamenten interagieren.

Am ehesten erwähnen Patienten die Komplementärmedizin, wenn sie von Hausärzten eine Akupunktur oder Massage verordnet bekommen wollen, erläutern Gesundheitsforscher um Dr. Judy Jou und Dr. Pamela Johnson von der Universität in Minneapolis (JAMA Intern med 2016, online 21. März).

Bisher sei man davon ausgegangen, dass Patienten beim Thema Alternativ- und Komplementärmedizin zurückhaltend sind, weil sie befürchten, dass Hausärzte dem eher ablehnend gegenüberstehen und von einer Anwendung abraten. S

olche Befürchtungen sind nach den Resultaten eines US-amerikanischen Gesundheitssurveys aber nur selten der Grund. Vielmehr gehen die Patienten davon aus, dass das Thema für den Arztbesuch nicht relevant ist oder den Hausarzt schlicht nichts angeht.

"Der Arzt hat nicht danach gefragt"

An dem National Health Interview Survey (NHIS) hatten im Jahr 2012 mehr als 100.000 US-Amerikaner teilgenommen. Davon füllten rund 34.500 Erwachsene auch den Fragebogen zur Komplementärmedizin aus.

Knapp 30 Prozent derjenigen, die einen Hausarzt hatten, gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten alternative und komplementäre Methoden verwendet zu haben. Fast die Hälfte dieser Patienten (42 Prozent) hatte ihrem Hausarzt aber nichts davon erzählt.

Die Befragten konnten zwischen acht verschiedenen Gründen für die Zurückhaltung wählen. "Der Arzt hat nicht danach gefragt", war die am häufigsten genannte Ursache (57 Prozent). Auf Platz zwei folgte "Ich ging davon aus, dass es der Arzt nicht wissen muss" mit 46 Prozent.

"Ich verwendete zu diesem Zeitpunkt keine alternativen oder komplementären Heilmethoden", bestätigten 26 Prozent.

US-Forscher: Ärzte sollten Themen ansprechen

Knapp 8 Prozent waren davon überzeugt, dass der Arzt sich mit den alternativen Verfahren nicht auskannte, nur 3 Prozent befürchteten eine negative Reaktion oder vermuteten, dass der Hausarzt ihnen die Therapie ausreden würde. Bei 2 Prozent hatte der Hausarzt schon einmal von einer alternativen oder komplementären Methode abgeraten.

Von den Patienten, die mit ihrem Arzt über alternative Verfahren gesprochen hatten, nannten 75 Prozent Kräuterpräparate und Nahrungsergänzungsmittel, 61 Prozent erwähnten einen Chiropraktiker oder Osteopathen; ähnlich viele sprachen über spezielle Diäten, Akupunktur und Homöopathie. Nur rund ein Drittel erwähnte Yoga, Tai Chi oder Meditation.

Fazit der US-Forscher: Ärzte sollten das Thema Alternativ- und Komplementärmedizin häufiger ansprechen - die Patienten haben hiermit wenige Berührungsängste.

Wissen die Ärzte über alternative Heilmethoden ihrer Patienten Bescheid, könne dies nicht nur das Risiko von Medikamenteninteraktionen minimieren, sondern auch die Prognose verbessen, sofern die unterschiedlichen Methoden besser koordiniert und in das Therapiekonzept eingebunden werden.

[06.04.2016, 12:14:50]
Rudolf Hege 
Offenheit
In der Tat ist Offenheit das Stichwort. Ich halte alle Patienten an, ihre behandelnden Ärzte darüber zu informieren, dass sie auch bei mir sind. Die jüngeren haben da weniger ein Problem, wechseln dann allerdings schon mal den Hausarzt, weil sie auf bestimmte Kommentare verzichten können.

Ältere trauen sich oft nicht, etwas zu sagen, aus Angst der Arzt könnte dann sauer auf sie sein. Das stimmt nicht immer, aber leider immer noch zu oft. zum Beitrag »
[31.03.2016, 22:23:24]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Studienergebnisse nicht auf Deutschland übertragbar!
Mit Verlaub, eine US-amerikanische Studie mit dem Titel: "Nondisclosure of Complementary and Alternative Medicine Use to Primary Care Physicians -
Findings From the 2012 National Health Interview Survey" ist auf Deutschland keinesfalls übertragbar. Zumal unter "Complementary and Alternative Medicine" (CAM) in den USA Akupunktur-, Massage-, Phyto-, Physio-, Chiropraktik-, Osteopathie-, Joga-, Mantra-, Thai-Chi-, Chi-Gong-, Homöopathie- und Ernährungs-Therapien u.v.a. mehr verstanden werden, die in Deutschland sogar GKV-Leistungen sind bzw. teilweise erstattet werden können.

Auch die beschriebenen Kommunikations-Barrieren kann ich persönlich nicht so bestätigen. Meine Patientinnen und Patienten sprechen offen über ihre "Heiler", Homöopathen, Knochenrüttler, Handaufleger und Reiki-Ferntherapien. Darüber muss man m i t dem Patienten sprechen, Vorurteile beiseite legen und offen kommunizieren.

Das sich in den USA 42,3 Prozent gegenüber ihrem Hausarzt nicht offenbaren und ein Drittel a l l e r Patienten CAM mindestens 1 Mal im Jahr praktizieren, kann für Deutschland nicht reklamiert werden.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Mehr Metastasen

Immer mehr Männer mit Prostatakrebs in den USA haben schon bei der Diagnose Metastasen. Ihr Anteil hat sich fast verdoppelt. Auch die Inzidenz solcher Tumoren nimmt zu. mehr »

Deutsches Defizit

Diabetes-Prävention, Strategien gegen Polypharmazie, digitale Versorgungsangebote: Neue Initiativen gibt es zuhauf. Doch Patienten müssen davon wissen. Genauo daran hapert es aber. mehr »

"Einfache Ersttherapie ist für fast alle Patienten möglich"

Die antiretrovirale Therapie ist bei neu diagnostizierter HIV-Infektion stets angezeigt, und zwar unabhängig vom Stadium der Infektion oder der Helferzellzahl. mehr »