Ärzte Zeitung, 07.01.2009

Wegen Verdachts auf Abrechnungsbetrug jahrelang im Visier der Ermittler

Ein Buch erinnert an den Fall Dr. Werner Braunbeck

MÜNCHEN (sto). Der Fall erregte bundesweit Aufsehen: 17 Jahre lang hatte die Staatsanwaltschaft in Rheinland-Pfalz gegen den Mainzer Arzt Dr. Werner Braunbeck wegen des Verdachts des Abrechnungsbetrugs ermittelt. Im Februar 2007 wurde das Verfahren schließlich gegen eine Geldauflage von 32 500 Euro eingestellt. Vier Monate später starb Braunbeck im Alter von 65 Jahren an einem Hinterwandinfarkt.

Kein Abrechnungskompendium, sondern die wahre Geschichte eines fast zwei Jahrzehnte dauernden Verfahrens.

Das Vorgehen der rheinland-pfälzischen Staatsanwaltschaft gegen Braunbeck war zeitweise ausgesprochen öffentlichkeitswirksam angelegt: Vier Hausdurchsuchungen innerhalb von fünf Monaten in der Praxis des Venenspezialisten während der Sprechstunden sowie in den Wohnräumen, die Verhaftung Braunbecks, der begleitet von 30 bis 40 schwer bewaffneten Polizisten und unter den Augen eines Kamerateams in Handschellen abgeführt wurde, sowie eine 50-tägige Untersuchungshaft von August bis Oktober 2000 gehörten zu den Höhepunkten.

Dass der Justizminister von Rheinland-Pfalz nach dem Tode Braunbecks in einem Schreiben an dessen Witwe sein Bedauern über "die mit der Länge der Verfahren entstandenen Belastungen" ausdrückte, wurde hingegen kaum noch registriert.

Der Journalist Ingo Deris, von 1982 bis 1985 Redakteur der "Ärzte Zeitung" und zeitweise auch Patient von Braunbeck, hat den Fall jetzt in einem Buch nochmals aufgegriffen. "Abrechnung. Der Fall Dr. med. B." beschreibt das Geschehen zwischen 1990 und 2007 als "Tatsachenbericht einer Ärzteverfolgung". "Auch wenn ein Anklagepunkt nach dem anderen von der Verteidigung zerpflückt und der Lächerlichkeit preisgegeben wurde, gab die Staatsanwaltschaft nicht auf", erinnert sich Deris.

Die Anschuldigungen seien immer abstruser, der Erfolgszwang für die Ermittler immer größer geworden. "Man hatte den Eindruck, dass eine unheilvolle Mixtur von Belastungs- und Verfolgungswille auf der einen Seite, die fehlende Kodifizierung im Medizinbereich auf der anderen Seite sowie das fehlende praktische und theoretische Wissen der ermittelnden Personen dazu führten, dass schwindelerregend hohe Schuldvorwürfe konstruiert wurden", sagt Deris.

"Für Ärzte und alle im Bereich Gesundheitswesen Tätige ist die Lektüre ein Muss, für Juristen eine Pflicht, damit sich vergleichbares Unrecht nie wieder ereignet", schreibt Dr. Günter Gerhardt, Vorsitzender der KV Rheinland Pfalz, auf dem Cover des Buches.

Ingo Deris: Abrechnung. Der Fall Dr. med. B. Deutscher Ärzte-Verlag, 158 Seiten, 19,95 Euro

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Sind Computer bald die besseren Psychotherapeuten?

Immer mehr Online-Psychotherapien drängen auf den Markt. Die meisten sind weder besonders einfühlsam noch allzu intelligent. Dennoch sind die Erfolge erstaunlich. mehr »

Kollege Computer, übernehmen Sie!

Eine computer-basierte Verhaltenstherapie kann Insomnie-Patienten den Schlaf zurückgeben. Der Erfolg ist ähnlich gut wie durch menschliche Therapeuten, bescheinigt ein kalifornischer Professor. mehr »

Kein frisches Geld in Sicht

Die umfassende Studien-reform soll zunächst ohne zusätzliches Geld auskommen. Darauf haben sich Bund und Länder geeinigt, wie aus dem vertraulichen Papier hervorgeht. mehr »