Ärzte Zeitung online, 29.12.2008

PVS: Bis zu 84 000 Praxen werden in den nächsten Jahren schließen

STUTTGART (maw). 2009 wird es nach Ansicht der Privatärztlichen Verrechnungsstelle Baden-Württemberg (PVS BW) zum ersten Mal in der deutschen Nachkriegsgeschichte zu einer für die Bevölkerung spürbaren ärztlichen Versorgungslücke kommen. Der wachsende Kostendruck auf die niedergelassenen Ärzte führe nach Ansicht des Abredchnungsdienstleisters dazu, dass immer mehr Arztpraxen aufgelöst würden. Gehörten verwaiste Praxen in einigen ländlichen Gebieten schon länger zur Realität, werde dieses Phänomen 2009 erstmals auch im Umfeld von Großstädten und in Metropolregionen zu beklagen sein, analysiert die PVS.

"Die Ärzteschaft muss 2009 mit einem Rückgang ihres Realeinkommens von vier bis sechs Prozent je nach Fachgruppe und Region rechnen. Diese Negativentwicklung führt zwangsläufig zur Zusammenlegung in Gemeinschaftspraxen, Ärztehäusern und Medizinischen Versorgungszentren. Leidtragende dieser Zentralisierung sind die Bevölkerungsteile, die nicht direkt in der City einer Großstadt leben, sondern im Umland, weil die ärztliche Versorgung vor Ort für sie wegfällt", erläutert Dr. Peter Weinert, Hauptgeschäftsführer der PVS BW.

Die PVS erwartet nach eigener Aussage für die nächsten Jahre eine dramatische Zuspitzung der medizinischen Versorgungslage in Deutschland, weil einerseits immer weniger junge Ärzte zu Einkommenseinbußen bereit seien und andererseits der Bedarf an ärztlicher Versorgung aufgrund des demografischen Wandels erheblich zunehmen werde. Weinert verweist zur Stützung seiner Argumentation auf eine aktuelle Untersuchung, nach der 70 Prozent der Medizinstudenten an deutschen Universitäten nach dem Ende ihrer Ausbildung ins Ausland gehen wollen. "Ohne Nachwuchs ist die bisherige wohnortnahe Versorgung nicht mehr aufrecht zu erhalten. Die Versorgungskrise ist vorprogrammiert und sie beginnt 2009", befürchtet Weinert.

Rund 40 Prozent der insgesamt 127 000 niedergelassenen Ärzte und 83 000 Zahnärzte in Deutschland seien nach Berechnungen der PVS BW in ihrer wirtschaftlichen Existenz gefährdet. "Mit anderen Worten: Bis zu 84 000 Arztpraxen in Deutschland werden in den nächsten Jahren ihre Pforten schließen. Über 20 Millionen Menschen werden sich einen neuen Arzt suchen müssen, weil ihre bisherige Praxis an den Folgen der Kostendämpfung im Gesundheitswesen zugrunde gegangen sein wird", rechnet Peter Weinert vor.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »