Ärzte Zeitung, 15.04.2009

Versicherte halten nichts von Vorkasse

Geht es um ihre Gesundheitsversorgung, mögen die Bundesbürger keine Experimente: Eine klare Mehrheit lehnt die Direktabrechnung von Leistungen mit dem Arzt ab.

Von Bülent Erdogan

Nur eine Minderheit könnte sich mit einem GKV-Basisschutz anfreunden.

BERLIN. Das Bündnis Direktabrechnung sieht in ihr nicht weniger als die historische Chance, die "langjährige und aktuelle Notstandsgesetzgebung und Rationierung in der Gesundheitspolitik endlich zu beenden": So steht es jedenfalls auf der Homepage der Ärztevereinigung zum Thema Kostenerstattung. Und auch die KBV und der Hartmannbund fordern, dass Ärzte ihre Leistungen künftig direkt mit den Patienten abrechnen können.

Nach Ansicht einer großen Mehrheit der Deutschen sollte Geld im Arzt-Patienten-Verhältnis jedoch weiter kein Thema sein. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa hervor. Danach lehnen 80 Prozent der Bundesbürger eine Kostenerstattung in der Arztpraxis ab. Für die Umfrage im Auftrag der Barmer Ersatzkasse interviewte Forsa 1002 Bürger ab 14 Jahren.

18 Prozent der Befragten können sich hingegen vorstellen, für ärztliche Leistungen oder Medikamente zunächst in Vorleistung zu treten und anschließend mit der Krankenkasse abzurechnen. Gemessen daran, dass weniger als zehn Prozent der Bevölkerung privat vollversichert ist und damit Erfahrung mit der Direktabrechnung hat, ist das eine durchaus bemerkenswerte Quote.

Barmer-Chef Dr. Johannes Vöcking sieht die Position der Kassen durch die Blitzumfrage dennoch gestärkt: "Für Verträge um Qualität, Preis und Effizienz der medizinischen Versorgung liegt das Verhandlungsmandat eindeutig bei den Kassen, die Versicherten stehen zum Sachleistungsprinzip. Das ist auch gut für das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient", sagte er der "Ärzte Zeitung".

Foto: Udo Kroener©www.fotolia.de

Die Zahl derjenigen, die die Kostenerstattung befürworten, steigt derweil mit dem verfügbaren Einkommen. In Haushalten mit einem monatlichen Nettoeinkommen von 3000 Euro und mehr sind 28 Prozent für eine Direktabrechnung mit dem Arzt. Bei Befragten mit einem Haushaltseinkommen von unter 1000 Euro waren es hingegen nur 13 Prozent.

Schlechte Nachrichten birgt die Umfrage auch für die CSU: Deren Forderung nach regionalen Unterschieden in der Honorierung von Ärzten verfängt bei den Bundesbürgern offenbar nicht: Drei von vier Deutschen sprechen sich dagegen aus, Ärzten und Kliniken in den Regionen mehr Geld zu zahlen, wenn die Kassen dort höhere Einnahmen haben - nur jeder Fünfte ist dafür. Bei den Befragten mit Haushaltseinkommen von 3000 Euro und mehr votierten gar 81 Prozent gegen eine Ungleichbehandlung der Mediziner im Rest der Republik.

Auf Gegenwind müssen sich auch die Befürworter eines Umbaus der Krankenversicherung hin zu einem Grundversorgungssystem einstellen. 68 Prozent der Befragten lehnen eine Beschränkung der GKV auf einen Basisschutz ab, 23 Prozent sind dafür. In der Gruppe der 14- bis 29-Jährigen erreicht die Zustimmungsquote immerhin 33 Prozent. 36 Prozent sind es bei den Gutverdienern.

Noch entschiedener ist die Ablehnung der Bundesbürger, wenn es um die Frage nach einer Beschränkung von Leistungen ab einem bestimmten Alter geht. Mit dem Gedanken, dass Alte etwa keine künstlichen Hüftgelenke mehr erhalten sollen, kann sich nur eine kleine Minderheit anfreunden. 90 Prozent der Befragten lehnen eine solche Rationierung ab. In dieser Frage gibt es sowohl bei Bildungsgrad als auch beim Haushaltseinkommen keine nennenswerten Unterschiede in der Ablehnung. Dazu passt, dass immerhin 53 Prozent der Deutschen bereit wären, für Innovationen über Steuern oder GKV-Beiträge mehr zu bezahlen.

Positiv für Ärzte in Medizinischen Versorgungszentren: 84 Prozent der Ostdeutschen und 74 Prozent im Westen meinen, dass diese Zentren die Versorgung verbessern.

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