Ärzte Zeitung online, 19.08.2009

160 000 Euro Regressforderungen treiben Landarzt in die Klinik-Anstellung

OSNABRÜCK (cben). Hausarzt Dr. Jörg Rosenblüh aus Berge bei Osnabrück hat seine Landarztpraxis wegen der Regressandrohungen von 160 000 Euro dicht gemacht. Rosenblüh: "Diesen Wahnsinn mache ich nicht mehr mit!"

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Foto: richard villalon ©www.fotolia.de

Wer dieser Tage in der Landarztpraxis von Dr. Jörg Rosenblüh anruft, erhält eine ernüchternde Auskunft: "Kein Anschluss unter dieser Nummer". Die Landarztpraxis im 2500-Seelen-Örtchen Berge bei Osnabrück in der niedersächsischen Provinz hat nach 13 Jahren Arbeit dicht gemacht. Hausarzt Rosenblüh hat Anfang Juli den Schlüssel umgedreht und arbeitet nun als Assistent im christlichen Krankenhaus Quakenbrück. Erfüllte Berufsträume sehen anders aus.

Kliniktätigkeit als "Rettung aus dem Desaster"

Die Arbeit in der Klinik bezeichnet der Hausarzt denn auch vor allem als "Rettung aus dem Desaster." Für das Jahr 2002 fordert die KV von ihm derzeit 40 000 Euro zurück. Für die Jahre 2003 bis 2005 sind es sogar zusammen 120 000 Euro. Rosenblüh: "Hätte ich weitergemacht, hätte ich mir jedes Jahr weitere Regresse und Schulden aufgehalst. Es ging einfach nicht mehr!"

Wenn der ehemalige Hausarzt heute zusätzlich im MVZ der Quakenbrücker Klinik arbeitet und zusätzliche Notfalldienste übernimmt, kommt er ungefähr auf das Geld, das er am Schluss mit der Praxis verdienen konnte, sagt der Hausarzt, "allerdings arbeite ich heute auch länger." Rosenblüh ist 50. Zusammen mit einem Kollegen versorgte er die hausärztlichen Patienten in Berge. Sein "Problem": Er hatte praktisch nur alte und multimorbide Patienten. Das kostet. "Ich habe noch 15 Jahre bis zur Rente - so lange tue ich mir die Praxis nicht mehr an."

So ist das auf dem Land: Die Jungen gehen in die Städte, die Alten bleiben und mit ihnen die Ärzte, vorausgesetzt, es gibt welche. "Ich habe am Schluss rund 950 alte bis sehr alte Menschen versorgt", berichtet Rosenblüh. Während in anderen Praxen ein paar 35-Jährige im Wartezimmer sitzen, die nur einen gelben Schein brauchen und Geld bringen, versorgte Rosenblüh fast nur Senioren. "Ich bekam für jeden von ihnen 116 Euro pro Quartal, aber sie brauchten weit mehr Verordnungen. Ich habe für 500 bis 600 Euro pro Quartal verschreiben müssen. Was hätte ich sonst tun sollen? Die alten Leute nach hause schicken?" Auf seine Verordnungen reagierte der Regress-Ausschuss der Prüfungsstelle mit dem Verweis, es gebe keine Studien, die zeigten, dass Rentner die teureren Patienten seien. "Allerdings gibt es auch keine Studie die belegt, dass Rentner die billigeren Patienten sind", entgegnet Rosenblüh.

KV zeigt Verständnis für Nöte des Arztes

Offenbar konnte die KVN die gewaltigen Probleme des Hausarztes verstehen - am Ablauf den Verfahrens änderte das nichts. "Bei der KV hieß es: Sie tun uns leid, Herr Kollege, aber was die Kassen aus unserem Topf fordern, das holen wir uns von Ihnen zurück", berichtet der Hausarzt. Kein Wunder, dass er sich im Stich gelassen fühlt. "Die KV", resümiert er bitter, "ist ein von uns bezahlter Gerichtsvollzieher."

Indessen ist die KV hier mehr Kellner als Koch. Dass Rosenblühs Praxisbesonderheiten nicht anerkannt werden, ist Beschluss des Regress-Ausschusses der Prüfungsstelle. Nachdem der Ausschuss die Zahlungsandrohung geschickt hatte, begannen sich die Mühlräder zu drehen und stehen bis heute nicht still.

Derzeit wartet der Hausarzt auf die erste Anhörung vor dem Beschwerdeausschuss - Rosenblüh soll seine Sicht der Dinge zur Regressandrohung über 40 000 Euro aus dem Jahr 2002 vortragen. Für die übrigen 120 000 Euro Regressandrohung der Jahre 2003 bis 2005 hat er eine schriftliche Begründung seiner Beschwerde an den Ausschuss eingereicht und wartet nun auf Reaktionen.

Regresse dürften den Arzt noch bis 2012 verfolgen

Die KVN bestätigte diese Zahlen. "Noch in diesem Jahr werden die Regresse 2002 abgearbeitet werden", sagte KVN-Sprecher Detlef Haffke. Auch wenn Rosenblüh jetzt in der Klinik arbeitet, dürften ihn die Regresse mindestens bis zum Jahr 2012 verfolgen. Lenkt der Beschwerdeausschuss nicht ein, bleibt dem Hausarzt der Weg vor das Sozialgericht. Das Verfahren dauert erfahrungsgemäß viele Jahre. Immerhin: Rosenblühs Beschwerden haben aufschiebende Wirkung; bisher musste er nichts zahlen. Aber der ganze Prozess könnte sich bis wenige Jahre vor seiner Pensionierung hinziehen. Längst hat Rosenblüh das Ganze entnervt in die Hände eines Anwalts gelegt.

Nachdem der Hausarzt seine Praxis dicht gemacht hat, dürften sich die Probleme rund um Berge verschärft haben, denn jetzt fehlt in der strukturschwachen Region ein weiterer Hausarzt. Rund 900 alte und kranke Menschen wollen und müssen versorgt werden. Und die umliegenden Hausarztpraxen mussten nach dem 1. Juli den Bleistift spitzen, um auszurechnen, wie viele dieser Patienten sie sich leisten können. Inzwischen seien alle gut untergekommen, hieß es. In Berge hat das Gesundheitssystem seine deprimierende Seite gezeigt.

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