Ärzte Zeitung, 10.10.2010

300 Patienten gehen für ihren Arzt in Neu-Isenburg auf die Straße

Dass Patienten für ihren Arzt demonstrieren, ist ungewöhnlich. Hausarzt Dr. Siegfried Spernau hat das erreicht. 300 sind gekommen, darunter der Bürgermeister der Stadt.

300 Patienten gehen für ihren Arzt in Neu-Isenburg auf die Straße

Schulterschluss von Arzt und Patienten: "Weg mit dem § 106 a" steht auf einem Transparent bei der Demonstration für Dr. Siegfried Spernau.

© sth

NEU-ISENBURG (pei). Paragraf 106 a muss ein Reizwort werden wie früher der Paragraf 218. Das ist das Ziel von Hausarzt Dr. Siegfried Spernau, für den am vorigen Freitag rund 300 Patienten in Neu-Isenburg auf der Straße demonstriert haben. Der Allgemeinarzt hatte seine Patienten mobilisiert, nachdem die KV Hessen wegen der Plausiprüfung 110 000 Euro Honorar von ihm zurückgefordert und ihn an die Staatsanwaltschaft gemeldet hatte (wir berichteten). Spernau hat gegen den Prüfbescheid Widerspruch eingelegt, will aber nicht vors Sozialgericht ziehen, weil er dort keine Erfolgschance sieht.

Die sieht er vielmehr im politischen Kampf gegen den Prüfparagrafen 106 a Sozialgesetzbuch V. Durch die Zeitprofile würden Ärzte mit größeren Praxen unweigerlich auffällig. Wollten sie dem entgehen, müssten sie Patienten abweisen. Dadurch werde ein künstlicher Ärztemangel erzeugt. KBV und Kassen wirft er vor, dass sie im neuen EBM die pauschalierte Honorierung mit Zeitvorgaben verbunden hätten, das sei Unsinn.

Mit dem Paragrafen 106 a kennen sich die Teilnehmer der Hausarzt-Demo nicht aus. Sie sind empört darüber, dass der über die Grenzen der Stadt hinaus bekannte und beliebte Doktor bestraft werden soll. Besonders geschätzt wird, dass Schmerzpatienten jederzeit ohne Termin kommen können. "Er soll so weitermachen", sagte eine Demonstrantin. "Er macht keinen Unterschied zwischen privat und gesetzlich versichert", lobte ein anderer Teilnehmer. Am Ende der Demonstration wurden Transparente und Schilder eingesammelt "für das nächste Mal in Berlin".

Spernau glaubt, dass die Ärzte in der Politik viel mehr erreichen könnten, wenn sie mit ihren Patienten für die gemeinsamen Interessen aktiv werden - ruhig auch auf der Straße.

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