Ärzte Zeitung, 28.10.2011

Kammerpräsident: "Ohne PKV müssten viele Praxen schließen"

FRANKFURT/MAIN (eb). Ein Ende der Privaten Krankenversicherung würde den Kollaps der GKV beschleunigen, viele Ärzte müssten ihre Praxen schließen - mit dieser These hat der hessische Ärztekammerpräsident Dr. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach die Forderung des Wirtschaftswissenschaftlers Rolf Rosenbrock nach einem Ende der PKV zurückgewiesen.

Die Aussagen Rosenbrocks seien "unsachgemäßes, die Tatsachen verkehrendes Gepolter". "Falschaussagen werden durch saftige Worte wie "asozial" oder "anachronistisch" nicht glaubhafter", so von Knoblauch zu Hatzbach weiter.

"GKV-Versicherten per Gesetzt dauerrabattiert"

"Fakt ist, dass die Privatversicherten das gesetzliche Krankenversicherungssystem (GKV) durch ihre Beiträge subventionieren und nicht umgekehrt, wie Rosenbrock behauptet, Millionen Euro entziehen. Dagegen sind die GKV-Versicherten per Gesetz dauerrabattiert", betonte Hessens Ärzte-Chef.

Nachdrücklich weist von Knoblauch zu Hatzbach in einer Mitteilung der Ärztekammer darauf hin, dass "es sich bei der GOÄ (Gebührenordnung für Ärzte) als Grundlage für die privatärztliche Abrechnung um die einzige gesetzlich geregelte Gebührenordnung für ärztliche Leistungen handelt".

[31.10.2011, 12:56:50]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Noblesse oblige
Etwas mehr Distinguiertheit hätte ich dem Präsidenten der hessische Ärztekammer, Herrn Kollegen Dr. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, schon zugetraut. Denn nach den offiziellen Informationen des Deutschen Ärzteblatts sprach sich der Leiter der Forschungsgruppe Public Health am Wissenschaftszentrum Berlin, Rolf Rosenbrock, g e g e n höhere Eigenbeteiligungen bei Gesundheits- und Krankheitsleistungen aus. Höhere Zuzahlungen hätten k e i n e steuernde Wirkung. „Solange Direktzahlungen nicht spürbar sind, nützen sie nichts. Wenn sie spürbar sind, halten sie die falschen vom Gang zum Arzt ab“, so Prof. Rosenbrock. „Wir müssen mehr Kosten- und Gesundheitsbewusstsein schaffen, aber nicht über Zuzahlung.“

Dieses Statement war eine Replik auf die (rhetorische) Frage vom KBV-Vorstandsvorsitzende, Kollege Dr. Andreas Köhler: „Warum reden wir eigentlich immer über Selbstbestimmung, aber nicht über Selbstbeteiligung?“ Damit sollten Modelle protegiert werden, die über einseitige GKV-Beitragssatzerhöhungen, Zuzahlungen, Praxis- und Verordnungsgebühren weit hinaus gehen. O-Ton Köhler weiter: „Müssen Ältere sich mehr an den Gesundheitskosten beteiligen? Welchen Vorteil haben Prämienmodelle, eine Kapitaldeckung oder die höhere Eigenbeteiligung der Patienten? Das sind Fragen, die wir diskutieren müssen“.

Und ganz nebenbei, Herr Kollege von Knoblauch zu Hatzbach, wenn S i e tatsächlich glauben, dass Vertragsärzte von GKV-Kassenhonoraren o h n e die PKV nicht überlebensfähig wären, müssten Sie als Körperschaft Öffentlichen Rechts direkt auf Legislative und Judikative einwirken und n i c h t gemeinsam mit der KBV den "Räuber Hotzenplotz" geben.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[31.10.2011, 07:43:02]
Erwin Bader 
Ohne PKV wären viele Landarztpraxen wieder attraktiver

Fakt ist, dass Privatversicherte einzelne Praxen tatsächlich subventionieren. Im Landkreis Starnberg und in anderen "PKV-Ballungsgebieten" müssten wohl tatsächlich Praxen schließen. Der Rest könnte aber immer noch alle Patienten versorgen.

Falsch ist aber, dass Privatversicherte das GKV-System als solches subventionieren. Aus eigener langjähriger Erfahrung in der PKV kann ich bestätigen, dass beim weit überwiegenden Teil der Wechsler von der GKV zur PKV nicht die (vermeintlich) besseren Leistungen im Vordergrund stehen, sondern eindeutig die Beitragseinsparungen. Zudem sind auch die Verwaltungskosten in der PKV deutlich höher als in der PKV (vgl. z.B. den heutigen Artikel "Bundestag deckelt Provisionen in der PKV"), so dass in der PKV nicht nur weniger Beiträge gezahlt werden (zumindest in jungen Jahren), sondern auch ein geringerer Anteil daran an die Leistungserbringer zurückfließen kann.

Warum dann trotzdem der einzelne Patient eine höhere Vergütung bringt, hat vielfältige Gründe, die ganze Bücher füllen könnten.

Entscheidend ist aber, dass über die PKV dem deutschen Gesundheitssystem tatsächlich insgesamt mehr Geld entzogen wird, als über höhere Vergütungen wieder zurückfließt.

Würde man die eingesparten Beiträge der Privatversicherten und die an die Vermittler ausgezahlten Provisionen in voller Höhe dem Gesundheitssystem zukommen lassen, hätten alle Leistungserbringer ein deutliches Plus an Vergütung - und nicht nur die Ärzte mit überdurchschnittlich vielen Privatpatienten.

Wegen des damit geringeren Vergütungsgefälles zwischen Praxen in "reichen" Gebieten und Praxen in Gebieten mit deutlich weniger Privatpatienten könnten Landarztpraxen wieder ein wenig attraktiver werden. zum Beitrag »

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