Ärzte Zeitung online, 22.12.2011

Ziffern-Zoff: Hessens Hausärzte auf den Barrikaden

Der Streit um den Einsatz des Chroniker-Zuschlags für Hausärzte in Hessen schwelt weiter. Jetzt meldet sich der Hausärzteverband zu Wort. Die Hausärzte wehren sich gegen die Vorwürfe der Barmer GEK. Sie sehen "buchstabenfixierte Kassenbürokraten" am Werk.

Ziffern-Zoff: Hessens Hausärzte wehren sich gegen Vorwürfe der Kassen

Nummer des Anstoßes: Die Chronikerziffer.

© nös

NEU-ISENBURG (ger). Die Vorwürfe der Barmer GEK gegen Hausärzte, den Chroniker-Zuschlag zu häufig abzurechnen, könnten direkt dazu beitragen, den Ärztemangel auf dem Land zu verschärfen. Das glaubt zumindest der Hausärzteverband Hessen.

"Die Barmer GEK arbeitet mit Nachdruck daran, dass sich in Hessen keine jungen Hausärzte niederlassen", so der Kommentar des Verbandsvorsitzenden Dr. Dieter Conrad zur jüngsten Offensive der Ersatzkasse.

Die Krankenkasse fordert, dass abgerechnete Leistungen in Höhe von knapp fünf Millionen Euro von hessischen Hausärzten zurück in die Gesamtvergütung fließen.

Dieses Honorar hätten die Hausärzte für die aufwändige Versorgung chronisch Kranker erhalten. Der Hausärzteverband weise das Ansinnen der Krankenkasse daher entschieden zurück.

Die Krankenkasse hängt ihre Forderung daran auf, dass hessische Hausärzte in rund 288.000 Fällen die so genannte Chroniker-Pauschale abgerechnet haben sollen, ohne dazu berechtigt gewesen zu sein.

Konkret verlangt die Kasse etwa, dass der betreffende Patient wegen der gleichen Erkrankung wenigstens ein Jahr lang mindestens einmal im Quartal behandelt worden sein muss, damit ein Hausarzt den Chroniker-Zuschlag abrechnen kann.

"Hanebüchene Logik der Krankenkasse"

Für den hessischen Hausärzteverband ist das eine hanebüchene Logik, da sie an der Realität in den Arztpraxen vorbeigehe: "Nicht die Diagnose des Arztes zählt für die Kasse, wenn es um den Patienten geht, sondern die Erfüllung bürokratischer Vorgaben. Das ist eine extrem restriktive Auslegung der Chroniker-Richtlinie", so Conrad.

Als noch kritischer bewertet der Verbandsvorsitzende, dass die Kasse auf diese Weise die Arbeit von Hausärzten torpediere.

"Wer als Arzt dafür sorgt, dass Diabetiker, Hypertoniker und andere chronisch kranke Patienten gut eingestellt sind und daher nicht jedes Quartal die Praxis aufsuchen müssen, wird bestraft, weil er Honorar verliert. Das kann doch nicht sein", kritisiert der Verbandschef den dreisten Vorstoß.

Müssen die Patienten in Zukunft mehr zahlen?

Auch für chronisch kranke Versicherte der Barmer GEK dürfte die Attacke der Kasse auf das Honorar der Ärzte unangenehme Folgen haben.

Wer trotz einer solchen Erkrankung ein Quartal lang nicht beim Hausarzt war, läuft nun Gefahr, bei den Medikamenten mehr hinzuzahlen zu müssen als bisher, da er laut Definition der Kasse nicht mehr chronisch krank sein kann.

Zudem müsste die Barmer GEK nach Conrads Einschätzung von betroffenen Patienten die Zahlung der Praxisgebühr verlangen.

Sehr kontraproduktiv wären nach Einschätzung des Hausärzteverbandes die mittel- und langfristigen Folgen einer solchen restriktiven Politik. Erstens könnten etliche Hausarztpraxen durch die Honorarrückforderungen in eine existenzielle Schieflage geraten.<&p>

Insbesondere Ärzte auf dem Land, wo die Versorgungslage bereits angespannt ist, wären wohl gefährdet: "Kann es wirklich Ziel einer Kasse sein, Praxen kaputt zu wirtschaften und den Versicherten ihren Hausarzt zu nehmen?", wundert sich Conrad.

"Ein verhängnisvolles Signal für junge Mediziner"

Zweitens werden sich vermutlich nur noch wenige Hausärzte finden, die die aufwendige Versorgung chronisch Kranker übernehmen wolle, wenn das Ansinnen der Barmer GEK Schule macht.

Der Grund: Wer damit rechnen muss, nachträglich vier- oder fünfstellige Summen zurückzahlen zu müssen, wird diesem Risiko aus dem Weg gehen.

Verhängnisvoll ist nach Conrads Ansicht das Signal für junge Mediziner: "Landauf, landab werden junge Hausärzte gesucht, doch die Barmer GEK sendet ihnen die Botschaft: Es lohnt sich nicht, dass Du Dich als Hausarzt niederlässt - das ist unglaublich", so der Vorsitzende des Hausärzteverbands Hessen.

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