Ärzte Zeitung, 09.07.2012

Nur jeder vierte verdiente Euro bleibt dem Praxischef

5400 Euro netto - so viel verdient ein niedergelassener Arzt pro Monat durchschnittlich. Das geht aus dem KBV-Honorarbericht hervor. Er zeigt auch: Hausärzte liegen mit ihrem Nettoeinkommen unter dem Mittelwert.

Von Rebekka Höhl

Nur jeder vierte verdiente Euro bleibt dem Praxischef

Die Durchschnittspraxis erwirtschaftete im ersten Halbjahr 2011 rund 139000 Euro - das allerdings brutto.

© K.-U. Häßler / fotolia.com

BERLIN. Ein durchschnittlicher Honorarumsatz von 102.004 Euro in einem halben Jahr - das kann durchaus Neider auf den Plan rufen.

Ärzte sollen nach dem KBV-Honorarbericht für das erste Halbjahr 2011 im Schnitt genau so viel Honorarumsatz aus ihrer vertragsärztlichen Tätigkeit (ohne Selektivverträge) erwirtschaftet haben.

Tatsächlich netto in der Tasche hatten Praxisinhaber aber weit weniger Geld - und zwar 32.654 Euro fürs erste Halbjahr 2011, oder 5442 Euro monatlich. Und die eine oder andere Fachgruppe erreichte noch nicht einmal die Hälfte von diesem Durchschnittswert.

Die Daten, die die KBV nun vorgelegt hat, zeigen, dass das Nettoeinkommen der niedergelassenen Ärzte von 2008 bis 2011 keine großen Sprünge nach oben gemacht hat.

Erst im Frühjahr hatte die KBV die Daten aus dem Praxis-Panel des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi) präsentiert.

Danach lag das durchschnittliche Nettoeinkommen eines Praxisinhabers in 2008 bei 5086 Euro je Monat. Gerade einmal auf 360 Euro mehr im Monat kamen die Praxisinhaber im ersten Halbjahr 2011.

Betriebskosten zehren über 50 Prozent des Umsatzes auf

Dabei räumt die KBV in ihrem Honorarbericht mit dem Irrglauben auf, dass die erfassten Honorarumsätze je Arzt mit den Honorarumsätzen der Praxisinhaber gleichzusetzen sind. Das funktioniert nicht, weil in die Berechnungen pro Arzt eben auch die Daten der in den Praxen angestellten Ärzte mit einfließen.

Die KBV hat daher für die Nettoeinkommen der Praxisinhaber eine neue Rechnung aufgemacht. Bei dieser Umsatzbetrachtung je Praxisinhaber steigt der durchschnittliche Honorarumsatz für die Niedergelassenen allein aus GKV-Praxis auf 107.282 Euro.

Hier sind aber auch Honorare aus selektivvertraglichen Leistungen enthalten. Zählt man noch die Honorarumsätze aus privatärztlicher und sonstiger Tätigkeit hinzu, kommen Praxisinhaber im Schnitt sogar auf 138.787 Euro Honorarumsatz.

Dafür wurden die angestellten Ärzte aber auch in die durchschnittlichen Betriebsausgaben eingerechnet. Und diese Betriebsausgaben sollen in der Durchschnittspraxis 51,6 Prozent des Umsatzes ausmachen.

Die KBV bedient sich bei den Prozentsätzen für die Betriebsausgaben sowie die privatärztlichen und sonstigen Tätigkeiten allerdings nicht aktueller Daten, sondern nutzt die Daten aus dem Zi-Praxis-Panel aus 2008. Denn noch liegen keine aktuelleren Werte zur Kostensituation in den Praxen vor.

Nur ein Eindruck über das Einkommen

Nicht einmal beim Statistischen Bundesamt, dort sind die aktuellsten Daten zur Kostenstruktur in den Arztpraxen aus 2007. Ein hundertprozentig genaues Bild über das Nettoeinkommen der Ärzte lässt sich also kaum zeichnen.

Aber es lässt sich ein guter Eindruck über das Einkommen gewinnen. Denn immerhin hat die KBV in die Betriebsausgaben alle Kostenblöcke wie angestelltes und praxisexternes Personal, Mieten, Energiekosten oder Kosten für Material und Labor einfließen lassen.

Zieht man die 51,6 Prozent Betriebsausgaben ab, bleibt den Praxisinhabern fürs erste Halbjahr 2011 ein Überschuss von 67.138 Euro.

Hiervon gehen aber noch 3888 Euro (ca. 5,8 Prozent) für die Kranken- und Pflegeversicherung, 9851 Euro für die berufsständische Altersvorsorge und 20.746 Euro (bei einem Steuersatz von 30,9 Prozent) für die Steuer ab. Übrig bleiben netto 32.654 Euro für sechs Monate.

Bei den Allgemeinärzten und hausärztlich tätigen Internisten sieht es sogar noch etwas schlechter aus. Sie erwirtschafteten im ersten Halbjahr 2011 im Schnitt einen GKV-Honorarumsatz je Praxisinhaber von 101.740 Euro.

Rechnet man noch einen durchschnittlichen Wert für die privatärztlichen und sonstigen Leistungen von 19.212 Euro sowie einen durchschnittlichen Honorarumsatz aus Selektivverträgen von 2202 Euro hinzu, kommt man auf einen Honorarumsatz von 123.154 Euro.

Wobei die KBV vor allem beim Thema Honorar aus Selektivverträgen deutlich macht, dass hier aufgrund der regional unterschiedlich stark ausgeprägten Teilnahmeraten an Verträgen zur hausarztzentrierten Versorgung mit einer großen Streubreite zu rechnen ist.

So würden Hausärzte in Baden-Württemberg im Schnitt 16.250 Euro Honorarumsatz aus Selektivverträgen erzielen - in einem halben Jahr.

Psychotherapeuten kommen nicht einmal auf 3000 Euro

Für das Durchschnitts-Nettoeinkommen eines niedergelassenen Hausarztes tut dies aber nichts zur Sache. Zwar ist der Block der Betriebsausgaben bei den Hausärzten mit 50,4 Prozent des Gesamthonorarumsatzes etwas niedriger als der Durchschnittsausgabenwert aller Fachrichtungen.

Dennoch liegt der Überschuss der Hausärzte mit 61.139 Euro unter dem Wert aller Fachgruppen. Nach Abzug der Steuern (Steuersatz von 29,4 Prozent), der Kranken- und Pflegeversicherung (3,2 Prozent) und den Zahlungen ans berufsständische Versorgungswerk (7,4 Prozent) bleiben 30.105 Euro oder 5018 Euro monatlich übrig.

Richtig hart trifft es die Psychotherapeuten. Sie schaffen es gerade einmal auf ein Gesamthonorar aus ärztlicher Tätigkeit von 44.585 Euro.

Davon entfallen 85,2 Prozent oder 37.986 Euro auf GKV-Honorare, 6599 Euro erwirtschaften Psychotherapeuten aus privatärztlicher und sonstiger ärztlicher Tätigkeit.

Zwar weisen die Psychotherapeuten - da sie nicht zu den geräteintensiven Disziplinen gehören - bei den Betriebsausgaben nur einen Satz von 31,8 Prozent des Honorarumsatzes auf. Wegen ihres geringen Honorarumsatzes erzielen sie aber nur einen Überschuss von 30.422 Euro.

Nach Abzug der Steuer (Steuersatz von 19,8 Prozent), der Kranken- und Pflegeversicherung (8,7 Prozent) und der berufsständischen Altersvorsorge (10,2 Prozent) verbleiben daher nur 15.947 Euro oder 2658 Euro monatlich.

Ein ganz anderes Bild ergibt sich bei den geräte-intensiven Praxen der Orthopäden. Obwohl sie einen Kostenblock von im Schnitt 99.868 Euro (56,5 Prozent vom Honorarumsatz) tragen müssen, erwirtschaften sie einen durchschnittlichen Überschuss von 76.740 Euro.

Ihr Honorarumsatz aus ärztlicher Leistung liegt aber auch bei 176.608 Euro, wovon 117.268 Euro (66,4 Prozent) auf GKV-Honorare entfallen.

Nach Abzug der Steuern (Steuersatz von 32,5 Prozent), Kranken- und Pflegeversicherung (2,2 Prozent) sowie berufsständischer Altersvorsorge (5,6 Prozent) haben Orthopäden im Schnitt ein Nettoeinkommen von 38.061 Euro im halben Jahr oder 6344 Euro monatlich in der Tasche.

So viel bleibt vom Umsatz übrig

Das Nettoeinkommen von Hausärzten im 1. Halbjahr 2011
in Euroin Prozent
Honorarumsatz vertragsärztl. Tätigkeit 101.740 €
+ Honorarumsatz aus selektivvertraglicherTätigkeit 2202 €
= Honorarumsatz aus GKV-Praxis 103.942 €84,4% vom Umsatz
+ Honorarumsatz aus privatärztl. und sonst. Tätigkeit 19.212 €15,6% vom Umsatz
= Honorarumsatz ärztl. Tätigkeit 123.154 €
./. Betriebsausgaben 62.015 €Kostensatz: 50,4%
= Überschuss aus ärztl. Tätigkeit 61.139 €
./. Steuern 17.975 €Steuersatz: 29,4%
./. Kranken- und Pflegeversicherung 3888 €3,2% vom Umsatz
./. berufsständische Altersvorsorge 9171 €7,4% vom Umsatz
= Nettoeinkommen 30.105 €
Quelle: KBV-Honorar-Bericht 1. HJ. 2011, Tabelle: Ärzte Zeitung

Lesen Sie dazu auch:
Ost-Ärzte sind Umsatz-Spitzenreiter

[10.07.2012, 10:06:33]
Jürgen Fegbeitel 
Was hat Churchill damit zu tun?
Winston Churchill wird der Satz zugeschrieben, er würde keiner Statistik trauen, die er nicht selbst gefälscht hätte.
So kommen einem auch die Zahlen vor, die hier vorgelegt wurden.
Im ersten Abschnitt wird von einem Halbjahresumsatz (!) von 107.282 Euro aus dem GKV-Bereich und mit Privatumsätzen von 138.787 Euro gesprochen. In der tabellarischen Darstellung findet sich sodann ein Umsatz von nur € 123.154 - aber dies einmal unberücksichtigt:

Bei einem Gesamtumsatz von € 138.787 pro Halbjahr ergibt sich ein Jahresumsatz von € 277.574. Geht man davon aus, dass die Kostenquote (51,6%) stimmig ist, ergibt sich ein Gewinn vor Steuern von € 134.346.
Nicht berücksichtigt habe ich, dass bestimmte Kosten der privaten Lebensführung durchaus zumindest anteilig im Kostenbereich auftauchen (KfZ, angestellter Ehepartner/Kind, Arbeitsessen...)
Werden von diesem Betrag Höchstbeiträge in die Rentenversicherung/ÄVW und in die Pflegeversicherung gezahlt, ergeben sich Beträge von € 13.171 und € 900, die zusätzlich aufzubringen sind. Da ein niedergelassener Arzt wohl derzeit keine Arbeitslosenversicherung bezahlt, ist nur noch die Krankenversicherung zu berücksichtigen, die im GKV-Bereich maximal € 7.115 pro Jahr kostet.
Wenn dieser Arzt verheiratet ist, 2 Kinder hat und in der Kirche ist, sind an Steuern etwa € 13.171 aufzubringen.
Von daher verbleiben nach Steuern und Sozialaufwendungen € 86.950 bzw. monatlich etwa € 7.246.

Warum nur, so frage ich mich, sind alle Darstellungen der wirtschaftlichen Situation unserer Ärzte immer "tiefgestapelt".

Dieser monatliche Wert, den ein solcher Arzt zur Verfügung hat, ist doch angemessen! Eine verantwortungsvolle Position in der freien Wirtschaft oder ein selbständiger Handwerksmeister liegen auf diesem Niveau oder darüber.
Nur immer wieder fehlerhafte Verkürzungen, wie etwa das Weglassen der Privatumsätze, der Ansatz, alle Kosten nur den Kassenumsätzen zuzurechnen oder ähnliche churchilleske Vorgehensweisen (wahrscheinlich tue ich jetzt Churchill unrecht) - solche Ansätze führen aus meiner Sicht zu erheblichen Frustrationen. Der informierte Betrachter ärgert sich - und dies unnötigerweise!

Das hat unsere Ärzteschaft doch gar nicht nötig. Und auch hinsichtlich des befürchteten Neidkomplexes sei festgehalten:

Neid ist letztlich eine ganz besondere Form der Anerkennung!
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