Ärzte Zeitung, 12.08.2012

Vergütung

Kassen und Ärzte streiten ums Honorar

Arzthonorare um sieben Prozent kürzen. Mit dieser Forderung gehen die gesetzlichen Kassen in die Schlussrunden der Vergütungsverhandlungen für 2013. Die Reaktionen aus der Ärzteschaft und Politik reichen von "unseriös" bis "Realitätsverweigerung".

Von Anno Fricke

Kassen und Ärzte streiten ums Honorar 2013

Geht es nach den Krankenkassen, sollen die Vertragsärzte künftig weniger Geld bekommen.

© R. Emprechtinger / fotolia.com

BERLIN. Wie viel dürfen Vertragsärzte in der ambulanten Versorgung im Durchschnitt pro Jahr verdienen? Rund 115.000 Euro im Jahr lautet die Antwort des GKV-Spitzenverbandes.

In diese Richtung soll sich die durchschnittliche Vergütung im Jahr 2013 entwickeln, ginge es nach den Vorstellungen der Kassen. Derzeit können die 130.000 niedergelassenen Ärzte laut Statistischem Bundesamt mit durchschnittlich rund 134.000 Euro im Jahr vor Steuern rechnen.

Massive Kritik kommt aus der FDP. "Das ist eine Attacke auf die Versorgungssicherheit in den Flächenstaaten", sagte der FDP-Gesundheitsexperte Lars Lindemann der Nachrichtenagentur "dpa".

Eine derart pauschale Kürzung treffe auch die Ärzte, die in der Einkommensskala unten stehen, sagte Lindemann. "Kinderärzte, Augenärzte, Dermatologen und HNO-Ärzte können bereits heute von dem Honorar, das sie im gesetzlichen Bereich generieren, kaum noch ihre Praxis mit akzeptablen Standards unterhalten."

Der Vorstoß der Kassen grenze daher an Realitätsverweigerung.

"Unverständlich" und "unseriös"

"Unverständlich", lautete der erste Kommentar aus der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). "Ein rigider Sparkurs ist nicht nur verantwortungslos gegenüber den Patienten, sondern steht auch im Widerspruch zum Gesetz", sagte KBV-Chef Dr. Andreas Köhler.

Der Gesetzgeber schreibe vor, dass sich die Vergütung von Vertragsärzten und -psychotherapeuten ab dem Jahr 2013 der Morbidität anpassen müsse. In Deutschland litten immer mehr Menschen an Alterskrankheiten, die immer teurere Behandlungen erforderten, sagte Köhler.

Die Ärzte fordern, den Punktwert auf 3,85 Cent anzuheben. Mindestens 3,5 Milliarden Euro als Ausgleich für gestiegene Betriebskosten und die Inflation soll dies in die Kassen spülen.

Als "unseriös" bezeichnete der Vorsitzende des Hartmannbundes, Dr. Klaus Reinhardt, das Anliegen der Kassen. Fälschlicherweise stehe bei solchen Überlegungen immer die Kostenstruktur im Vordergrund.

Die Diskussion solle aber vielmehr auf die Sicherstellung der Versorgung und eine angemessene Vergütung ärztlicher Tätigkeit zielen, sagte Reinhardt.

Der Spitzenverband Fachärzte Deutschlands erinnerte daran, dass der Erweiterte Bewertungsausschuss bereits 2003 den betriebswirtschaftlich kalkulierten Punktwert auf 5,11 Cent festgelegt habe.

Der GKV-Spitzenverband stützt sich auf die Ergebnisse eines Gutachtens, das der Verband bei der Schweizer Forschungsgesellschaft Prognos in Auftrag gegeben hat.

[12.08.2012, 23:14:12]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
GKV-Honorarabsenkung wg. Benzinpreiserhöhung?
Guten Morgen, Herr Kollege und BDI-Präsident Dr. med. Wolfgang Wesiack. Wieder etwas zu lang geschlafen? Wie im Deutschen Ärzteblatt (DÄ) online vom 10.8.2012 unter
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/51226
nachzulesen war, forderten Sie ein Punktwertniveau von 3,7 Cent als Verhandlungsgrundlage? Schon vor der Euro-Einführung am 1.1.2002, wenn Sie sich dunkel erinnern, lag ein von der KBV objektiv-betriebswirtschaftlich kalkulierter Punktwert der EBM-Vergütung bei 10 Pfennigen. Mit 5,1 Cent wurde er weiter kalkuliert, und die GKV-Kassenseite will uns jetzt für 2013 mit einem Wert von 3,25 Cent über den Tisch ziehen. Da kommt mir Ihre Empfehlung von mindestens 3,7 Cent ziemlich lächerlich vor.

Und auch der Hartmannbund mit seinem jetzigen Vorsitzenden, dem Kollegen Dr. med. Klaus Reinhardt, hat offensichtlich mit einem Punktwert, der lt. seinen Angaben seit 1996 bestehen solle, in 16 Jahren nichts bewegt oder GKV-Honorarverbesserungen erreicht.

Interessant ist, dass das am Donnerstag, 9.8.2012, vom Leiter der Abteilung Ambulante Versorgung im GKV-Spitzenverband Bund, Manfred Partsch, kommentierte PROGNOS-Gutachten nur auf Umwegen kommuniziert wurde. Ich habe noch nicht geschafft, es eingehend zu analysieren. Was von der Qualität bisheriger Prognos-Studien zu halten ist, habe ich erst kürzlich erneut dargestellt: "GKV-Spitzenverband "al Gusto" oder "al Dente"? vgl.
http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/krankenkassen/article/819208/verguetung-kassen-wollen-aerzten-geld.html

Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, wird vom GKV-Spitzenverband Bund der Krankenkassen absurder Weise auch noch die IGeL-Diskussion mit substanziellen GKV-KBV-Honorarverhandlungen vermengt. Individuelle Gesundheitsleistungen haben absolut n i c h t s mit GKV-Honoraren zu tun, da sie sich ausschließlich darauf gründen, dass
1. nach dem rechtsverbindlichen Sozialgesetzbuch V (SGB V) umfangreiche Leistungsausschlüsse für vertragsärztliche Tätigkeiten bestehen;
2. präventive, diagnostische und therapeutische Leistungsausschlüsse durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) der Ärzte und Krankenkassen bestehen und fortlaufend erweitert werden.

Der GKV-Spitzenverband beteiligt sich aktiv an der A u s w e i t u n g nicht mehr erstattungsfähiger IGeL-Leistungsbereiche und versucht gleichzeitig seinen Vertragspartnern am Honorarverhandlungstisch einen Strick daraus zu drehen.

Das ist genauso absurd, wie wenn wir Ärzte auf uns zustehendes, betriebswirtschaftlich angemessenes GKV-Umsatzhonorar verzichten müssten, weil für Kassenvertreter, Patienten, Medien und die Öffentlichkeit die Benzinpreise so exorbitant angestiegen seien.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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