Ärzte Zeitung, 21.11.2012

Kassen zweifeln ZI-Daten an

Doktoren ohne Arbeitszeit

Für künftige Honorarverhandlungen können sich Ärzte schon einmal darauf einstellen: Eine gestiegene Arbeitszeit werden die Kassen ihnen nicht mehr als Argument für mehr Geld anerkennen. Denn die Kassen trauen dem Zi-Praxispanel nicht.

Von Rebekka Höhl

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Geld für den Doktor: Künftig dürften die Honorarverhandlungen schwieriger werden.

© Eisenhans / fotolia.com

BERLIN. Arbeiten Vertragsärzte wirklich im Schnitt 52 Wochenstunden? Mit diesen Zahlen war die KBV ins Rennen um die Honorarverhandlungen gegangen.

Die Krankenkassen halten dagegen: Da würden Legenden geschaffen, sagte Andreas Hustadt, Leiter der Landesvertretung NRW im Verband der Ersatzkassen (vdek), bei einer Fachtagung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) in Berlin.

Die Zahl der KBV stammt direkt aus den Praxen, sie wurde im Rahmen des Praxispanels des Zi - kurz ZiPP genannt - erhoben. Doch die Kassen vertrauen den Ärzten in dieser Angelegenheit scheinbar nicht.

So sagte auch Dr. Manfred Partsch vom GKV-Spitzenverband, der mit im Bewertungsausschuss sitzt: Man stütze sich hier auf Angaben, die niemand überprüfen könne. Zudem seien sie Schätzungen der Ärzte, die "ja keine Zeiterfassung haben".

Dass das Zi hier durchaus eine Plausibilitätsprüfung in Sachen ärztliche Arbeitszeit vornimmt, wie Zi-Geschäftsführer Dr. Dominik von Stillfried erklärte, hat die Kassen offenbar nicht überzeugt.

Ebenso wenig der Einwand vom NAV-Virchow-Bund-Chef Dr. Dirk Heinrich, dass sich die Arbeitszeit auch über die Fallzahlen nachvollziehen lasse.

Noch Kapazitäten frei?

In den Honorarverhandlungen, die ja am Ende durch einen Schiedsspruch zu einem Ergebnis geführt worden sind, mag die Arbeitszeit der Ärzte nur ein Streitpunkt von vielen gewesen sein.

Für künftige Vertragsverhandlungen könnte es aber ein sehr wichtiges Thema werden. Der Grund: Das vom GKV-Spitzenverband in Auftrag gegebene Prognos-Modell zur Berechnung des Orientierungswertes berücksichtigt die wöchentliche Arbeitszeit der Ärzte gar nicht bei den Praxiskosten.

Nach dem Prognos-Modell, das sich weitgehend auf Kostendaten vom Statistischen Bundesamt stützt, sind die Stückkosten je Leistung im Vergleich der Jahre 2008 und 2011 sogar um drei bis fünf Prozent zurückgegangen.

Ursache für diese Kostendegression sei, dass sich die Zahl der Praxen reduziert habe und gleichzeitig die Zahl der erbrachten Leistungen gestiegen sei, so Dr. Ronny Wölbing von der Prognos AG.

Er schließt daraus, dass die Ärzte durchaus noch freie Kapazitäten haben. Wölbing: "Dass wir beobachten, dass sich Sprechzeiten verkürzen oder es schwerer wird einen Arzttermin zu erhalten, hat ja nicht unbedingt etwas mit einer Überlastung der Ärzte zu tun."

Ganz im Gegenteil, solche Dinge wie die RLV könnten durchaus dazu geführt haben, dass sich mancher Arzt genau ausrechne, welche Leistung sich lohne, und ob ein Termin nicht doch einmal verschoben werden könne.

[23.11.2012, 15:02:29]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Mobbing, bis der Arzt kommt?
Lieblingsspiel in Deutschland! Man mobbt am liebsten die Berufsgruppe, die bei Herzinfarkt, Schlaganfall, Koma, Nieren- und Gallenkolik am dringendsten gebraucht wird - Ärztinnen und Ärzte. Mit dem Titelbild fängt es an: 500 € quellen aus der Brusttasche - wer weiß, wie viel Kohle noch in den anderen Kitteltaschen steckt? 52-Stunden-Wochenarbeitszeit für Vertragsärzte? Für GKV-Verwaltungshengste gelten nur Sprechzeiten auf dem Praxisschild und Basta! Den Rest der Zeit hängen die Niedergelassenen eh' nur mit ihren Privatpatienten ab. Zi-Praxispanel - ZiPP? Papperlapapp - ohne Zeiterfassung und Stechuhr wie bei den GKV-Kassenbürokratien läuft gar nichts! Fallzahl-, Morbiditäts-, Diagnostik-, Therapie- und Präventions- adaptierte, betriebswirtschaftliche Analysen (BWA) und Einnahmen-Überschuss-Rechnung (EÜR)? Intellektuelle Überforderung!

Stattdessen lieber ein PROGNOS-Gutachten mit veralteten (Praxis-Kostenstrukturanalysen von 2007), sachfremden (Übertragung allgemeiner Verbraucherindizes auf Arztpraxen), bei destsatis.de zusammengeklaubten Zahlen. Mittels dieser Tricks führte eine verquaste "Stückkostenanalyse" in vier Rechnungsjahren 2008-2011 zu einer minimalen fiktiven Kostendegression, bei Einzelpraxen 0,825%/Jahr und bei Gemeinschaftspraxen 1,175%/Jahr. http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/praxisfuehrung/article/827215/leitartikel-rechnen-aerzte-wirklich-arm.html
Praxiskosten durch verbesserte Qualitätssicherung, Dokumentation, Qualifikation bzw. medizinische Innovation und demografische Faktoren blieben bei den medizin-bildungsfernen PROGNOS-"Stückkostenrechnungen" selbstverständlich außen vor.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[22.11.2012, 21:18:29]
Dr. Bernhard reiß 
KV: Kassenärztliche Versager
Wem haben wir solch eine Diskusion überhaupt zu verdanken? Wie kann man nur mit solch einem schwachen argument in die Verhandlungen ziehen? Wollte man wirklich etwas erreichen, dann müßte die KBV die Verträge kündigen. Wir machen dann Urlaub. Nicht zu früh gefreut liebe Kolleginnen und Kollegen! DER Urlaub wird kurz. Und wir werden als Sieger daraus hervorgehen. Denn die Kassen haben niemand, der ihre Mitglieder dann versorgt. Und warum geschieht das nicht? Womit will dann unser Wasserkopf sein Geld verdienen?? zum Beitrag »
[22.11.2012, 17:27:14]
Dr. Matthias Schreiber 
Das ist ein ungeheuerlicher Betrugsvorwurf
Wäre ich KBV-Boss würde ich die Akten dem Staatsanwalt geben. Sofern er denn die Ärzte wirklich vertritt, wie er immer vorgibt.
Nebenbei, Frau Höhl: was hat Sie dazu veranlasst ein Foto mit ein paar hundert Euro in der oberen Kitteltasche zu verwenden?  zum Beitrag »
[22.11.2012, 15:13:34]
Dr. Eberhard Wochele 
Was hält dann die Krankenkasse von einer Kostenerstattung fern.
Warum eigentlich ein solcher Umweg über die KV und die Krankenkassen bis zur Honorierung der Leistungserbringer Ärzte.
Wenn wir schon nach Zeit und Leistung und nicht mehr nach ärztlicher Kunst eine anerkanntes Honorar bekommen sollen, dann bitte Kostenerstattung nach der bestehenden GOÄ.
Diese Abrechnung könnte ohne weiteres die KV als Rechungsstelle übernehmen. Der Patient bekommt eine Rechung wie ein Privatpatient allerdings über die KV. Der Patient prüft die Rechnung sorgt damit für Transparenz und gibt die Rechung zur Bezahlung an die Krankenkasse weiter. Damit kann die Krankenkasse alle Daten einsehen, braucht damit keine DMP oder HzV oder sonstige Modelle mehr einsetzen um an die Daten zu kommen und kann Statistiken lang und breit anfertigen und hat damit endlich das Morbiditätsrisiko voll im Visier. Wer hat den Mut dazu, das umzusetzten.  zum Beitrag »
[22.11.2012, 14:58:07]
Dr. Elisabeth Glatz-Noll 
ein Kontrolleur der Kasse muss hinzu
Wir Ärzte sind doch wirklich Lügner und Betrüger! Jede Anflug von ethische Werte wird uns abgesprochen. Wir haben zwar eine Eid von Hippokrates abgelegt, aber wir gehören nicht zu den Menschen mit alltägliche normale Wertvorstellungen.
Da hilft nur eins: in jede Praxis kommt ein Überwacher von der Krankenkasse und der schaut uns genau auf den Fingern, wie viel Zeit wir wirklich arbeiten. Aufs Klo gehen, Nase-putze etc. wird abgezogen und wenn wir Oma Dörr zugestehen über ihr Enkelchen zu erzählen wird dieses nicht-medizinisches Gespräch auch von der Arbeitszeit abgezogen.
Wie war das auch wieder mit der Arzt-Patient- Beziehung? Auch so ein Quatsch!Mit dem eingesparte Geld kann man dann den Kontrolleur der Kasse bezahlen. Das ist doch richtiges QM!Oder ist es doch anders? zum Beitrag »
[22.11.2012, 09:05:18]
Dr. Christian Schulze 
Privatanteil betrachten
Interessant wäre es hier einmal den Privatanteil erbrachter Leistungen am Gesamtumsatz der Arztpraxen zu betrachten, der liegt erfahrungsgemäss bei Hausärzten bei 15% und bei Fachärzten bei bis zu knapp 50%. In letzterer Berufsgruppe sind die Wartezeiten bis zu einem freien Termin als Kassenpatient u.U. auch dadurch begründet, weil der Leistungserbringer nur noch zu 50% seiner Zeit für den GKV Auftrag zur Verfügung steht. Beim Hausarzt wiederum bekommt der Patient oft am selben Tag einen Termin oder innerhalb von 2-3 Tagen. zum Beitrag »
[22.11.2012, 07:23:48]
Michael Drockur 
Traue keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast
Also doch, die Ärzte lügen und zimmern ihre Sprechstunden nach den kärglichen RLV! Ich wußte gar nicht, daß es in der Medizin "Stückkosten" gibt.
Wer jetzt noch glaubt, die Kassen hätten Interesse an guter Medizin durch hingebungsvolle Ärzte (NICHT LEISTUNGSANBIETER!), der möge weiter träumen.
Es lohnt sich nicht mehr, in dieses marode System auch nur einen guten Gedanken zu investieren. Der letzte macht bitte das Licht aus!
Michael Drockur, HNO-Arzt in Rheinland-Pfalz zum Beitrag »

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