Ärzte Zeitung, 17.05.2013

Einbußen errechnet

So teuer kommt Ärzte die Bürgerversicherung

Kommt der einheitliche Krankenversicherungsmarkt nach der Bundestagswahl, geht es Ärzten an den Geldsäckel. Wie stark, hat jetzt der PVS-Verband errechnet. Für bestimmte Fachgruppen sind Einbußen von bis zu 40 Prozent des Praxishonorars zu erwarten.

Von Christoph Winnat

So teuer kommt Ärzten die Bürgerversicherung

Wird die Bürgerversicherung eingeführt, ist fraglich, was von heutigen GOÄ-Sätzen bleibt.

© imagebroker / imago

BERLIN. Die Diskussion um einen einheitlichen Krankenversicherungsmarkt, wie ihn SPD, Grüne und Linke in ganz unterschiedlichen Schattierungen favorisieren, nimmt Fahrt auf: Zu Wochenbeginn stellten Bertelsmannstiftung und Verbraucherzentralen ihre Idee einer integrierten Krankenversicherung vor - mit einheitlicher Vergütung über beide Versicherungsformen, GKV und PKV hinweg.

Nun zieht der Verband der Privatärztlichen Verrechnungsstellen (PVS) mit einem eigenen Statement nach.

Eine Studie listet arztgruppenbezogen auf, welche Einkommensverluste Niedergelassene zu gewärtigen haben, sollten im Falle der Einführung einer Bürgerversicherung heutige PKV-Honorarsätze einmal ganz der Vergangenheit angehören.

Relevante Größe: Zusatzvergütung

Fazit des Studienautors Dr. Hans-Joachim Kaiser, Vize-Vorsitzender des PVS-Verbandes: "Die Bürgerversicherung führt zu schmerzlichen Verlusten bei allen niedergelassenen Ärzten, existenziell bedroht wären aber insbesondere die fachärztliche Versorgung".

Seinen Berechnungen zugrunde gelegt hat Kaiser Praxisumsätze aus 2007, wie sie das Statistische Bundesamt veröffentlichte. Um die realen Verluste pro Arztgruppe und Praxis zu errechnen, wurde von den privat liquidierten Einnahmen die Summe abgezogen, die für die gleichen Leistungen zu EBM-Bedingungen hätte eingenommen werden können.

Die Differenz bildet die so genannte "Zusatzvergütung", also den eigentlichen Mehranteil, den GOÄ-Honorare gegenüber EBM-Vergütungen bringen.

Kein Übergangsszenario

Die Studie enthält keinerlei Szenarien für einen allmählichen Übergang vom jetzigen dualen System zu einem einheitlichen Versicherungsmarkt. Eine solche Konvergenzphase ist aber wegen der Bestandsgarantie für Altverträge zwingend.

Die wirtschaftlichen Konsequenzen eines etwaigen Systemwechsels für Praxisinhaber sind demnach in ihrer Drastik idealtypisch dargestellt. Auch individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL), die bei einigen Arztgruppen häufiger vorkommen, sind in der Rechnung nicht enthalten. Dadurch sind, wie Studienautor Kaiser einräumt, die Einbußen dieser Ärzte bei Einführung einer Bürgerversicherung "überzeichnet".

Am stärksten betroffen von erodierendem PKV-Umsatz wären dermatologische, orthopädische und radiologische Praxen. Allgemeinärztliche, pädiatrische und internistische Praxen haben das bessere Ende für sich (siehe Tabelle).

Das freilich ist auch nicht ohne: Mit Ausnahme der Allgemeinärzte verlieren sämtliche Fachgruppen zweistellige Prozentsätze ihres Gesamtumsatzes aus kassenärztlicher und privatärztlicher Tätigkeit. Was das aktuell in absoluten Beträgen pro Fachgruppe bedeutet, wurde hilfsweise durch Hinzurechnung des 8,3-prozentigen Anstiegs der Verbraucherpreise von 2007 bis 2012 ermittelt.

Im Durchschnitt aller Fachgruppen und auf Basis der gesamten Privatvergütung 2012 würde ein Praxisinhaber eine Zusatzvergütung von rund 43.400 Euro per annum verlieren, heißt es. Insgesamt stelle die Bürgerversicherung "allein im ambulanten Bereich ärztliche Honorare von 5,38 Milliarden Euro jährlich in Frage".

Kaum Kostenausgleich möglich

Das ließe sich durch Einsparungen an anderer Stelle kaum kompensieren, da nur variable Kosten, die der privatärztlichen Leistung direkt zuzuordnen seien, hierfür in Frage kämen.

Und auch das nur dann, wenn sie sich, etwa in Gestalt medizinischer Geräte, problemlos wieder aus der Praxis entfernen ließen. Letzteres jedoch sei "kein realistisches Szenario". Daher schlage der Verlust der Zusatzvergütungen weitgehend ungebremst auf den Praxisgewinn durch.

Verlust von Zusatzvergütungen pro Jahr bei Wegfall heutiger privater Honorarsätze

Facharztgruppen Verlust von Zusatzvergütungen je Praxisinhaber
in Euro 2007 Anteil an der Gesamtvergütung*in Euro
2012**
Haut-und
Geschlechtskrankheiten
124.333 €39,8 %134.653 €
Orthopädie118.795 €32,3 %128.655 €
Radiologie und
Nuklearmedizin
222.677 €30,8 %241.159 €
Urologie89.637 €28,2 %97.077 €
Augenheilkunde89.631 €27,5 %97.070 €
Hals- Nasen-Ohrenheilkunde68.569 €26,1 %74.260 €
Chirurgie82.156 €25,2 %88.975 €
Frauenheilkunde66.851 €23,7 %72.400 €
Neurologie, Psychiatrie,
Kinderpsychiatrie,
Psychotherapie
37.908 €16,6 %41.054 €
Internisten45.426 €13,8 %49.196 €
Kinderheilkunde28.172 €11,6 %30.510 €
Allgemeinmediziner /
Praktische Ärzte
13.611 €6,1 %14.741 €
* Gesamtvergütung aus GKV, PKV, Beihilfe und Selbstbehalten (2007).
** Hochgerechnet. Zugrundegelegt wurden 8,3 % Inflation von 2007 bis 2012.
Quelle: PVS-Verband 2012

Lesen Sie dazu auch:
Bürgerversicherung bringt Praxen herbe Verluste

[17.05.2013, 12:00:29]
Dr. Birgit Bauer 
Der Irrweg geht weiter !
Ein freier Beruf braucht eine Gebührenordnung und keine nach Gusto der KK variierende Honorarordnung, ergo der EBM muß weg, die GOÄ muß zu dem gemacht werden was sie eigentlich sein sollte.
Wo bleibt der Aufschrei der Kammern, oder haben die die Vertretung der Ärzteschaft inzwischen ganz aufgegeben und kassieren nur noch ?
Die schlafen weiter den Schlaf der gerechten wie in den letzten 20 Jahren und mit ihnen die Aufsichtsgremien.
Für die Patientenbetreuung braucht es Ärzte und Pflegende und nicht unzählige KK, die so tun als wären sie privatwirtschaftlich tätig und in Wahrheit für ihre Werbestrategien Beitragsgelder der Pflichtmitglieder zweckentfremden. Solidarsystem und Markt geht in einem System nicht zusammen. Wer Markt will muß auch sagen, dass es zwangsläufig zur Entsolidarisierung kommen muß.
Schafft endlich klare nachvollziehbare Strukturen immer neue Verwaltungen und immer mehr Kontroller werden es nicht richten können.
Das hatten wir übrigens schon mal in Teilen unseres Landes!
Es braucht verlässliche nachvollziehbare Finanzierungsgrundlagen
um nicht noch den letzten Kollegen außer Landes zu treiben.
Der moderne Menschenhandel mit Abwerbung der Fachkräfte aus anderen Ländern wird es auch nicht richten können.
Fragt man sich eigentlich mal wie es durch den Exodus von Fachkräften in den Herkunftsländern aussieht, wie die Familien darunter leiden ?
Auch das hatten wir schon mal in unserem Land, uns hat es damals die Mauer beschert.
Das Wahlkampgeschrei bringt nur eins, weitere Verunsicherung unserer Patienten und Beitragszahler, wo bleibt hier die politische Verantwortung.
Vielleicht wird ja nach Pfingsten in den Entscheidungsgremien ein intelligenter geistiger Zuwachs sichtbar.
Mit den besten Grüßen für ein "geistreiches" erholsames Pfingstfest
B.Bauer zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Was neue Onkologika den Patienten tatsächlich bringen

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Neue Onkologika haben die Überlebenszeit von Krebspatienten in den vergangenen zwölf Jahren im Schnitt um 3,4 Monate verlängert. Dieser Vorteil geht oft zulasten der Sicherheit. mehr »

Kassen und KBVdrücken aufs Tempo

Bisher trat die Selbstverwaltung bei der Digitalisierung eher als Bremser auf. Bei den Formularen geben KBV und Kassen jetzt Gas: Im Juli kommt der digitale Laborauftrag. mehr »

"Weiterbildung auch mit Kind zügig möglich - im Verbund!"

Eine strukturierte Weiterbildung, die auch mit Elternzeit nur sechs Jahre dauert? Das ist möglich, sagt Dr. Sandra Tschürtz. Die angehende Allgemeinmedizinerin steht vor ihrer Facharztprüfung – und blickt für die "Ärzte Zeitung" auf ihre Zeit in einem Weiterbildungsverbund zurück. mehr »