Ärzte Zeitung, 16.06.2015

Streit um Mega-Regress

Hausarzt Blettenberg lenkt ein

Der jahrelange Kampf des Hausarztes Dr. Jörg Blettenberg gegen einen Regress in Höhe von 400.000 Euro endet jetzt mit einem Vergleich. Ganz aufgeben will Blettenberg allerdings nicht.

Von Ilse Schlingensiepen

Hausarzt Blettenberg lenkt ein

Dr. Jörg Blettenberg (mit Mikro) spricht Anfang des Jahres zu demonstrierenden Patienten und fordert das Ende von Regressen.

© Ilse Schlingensiepen

KÖLN. In seiner jahrelangen Auseinandersetzung mit dem Beschwerdeausschuss in Nordrhein über horrende Regressforderungen zieht Dr. Jörg Blettenberg einen Schlussstrich. Er wird sich mit dem Gremium vergleichen.

Zwar sieht sich der Hausarzt aus dem bergischen Lindlar nach wie vor im Recht - er fürchtet aber, nicht den finanziellen Atem zu haben, um die Sache bis zum Ende durchzufechten.

"Ich gebe den Kampf nicht auf, sondern ich möchte endlich wieder Planbarkeit haben", sagt Blettenberg der "Ärzte Zeitung". Der Vergleich sei zwar schmerzhaft, aber es sei für ihn wichtig, wieder in Sicherheit arbeiten zu können.

"Dann kann ich mich gegebenenfalls auch wieder besser wehren."

Belastung von monatlich 4000 Euro

Für die Jahre 2009 bis 2011 sieht sich Blettenberg Regressen in Höhe von fast 400.000 Euro gegenüber, zusammen mit den noch ausstehenden Forderungen für 2012 und 2013 muss er mit einer Gesamtbelastung von rund 600.000 Euro rechnen.

Der Hauptgrund sind Überschreitungen im Heilmittelbereich, vor allem, weil er seit Ende 2008 120 Patienten in der psychiatrischen Einrichtung "Haus Tannenberg" versorgt, nachdem die betreuenden Neurologen ihre Praxis aufgegeben hatten.

Gegen den Bescheid für 2009 klagt Blettenberg vor dem Sozialgericht, wartet aber noch immer auf einen Termin im Hauptsacheverfahren.

Der Arzt zahlt zurzeit monatlich 4000 Euro und rechnet damit, das bis zu einem Ende des Verfahrens vor dem Bundessozialgericht auch weiter tun zu müssen.

"Der Aderlass würde voraussichtlich noch sechs Jahre weiter gehen", sagt Blettenberg. Die damit verbundenen finanziellen und emotionalen Belastungen will er sich und seiner Familie, aber auch den Angestellten in seiner Praxis und den Patienten nicht zumuten.

Deshalb hat er sich mit dem Beschwerdeausschuss auf einen Vergleich in Höhe von 110.000 Euro verständigt. "Ich habe bereits 116.000 Euro bezahlt, inklusive der Bearbeitungsgebühren der KV Nordrhein." Damit sei er mit dem Thema Regresse durch, "allerdings nicht bei den Banken".

Der Vergleich ändere nichts an der Tatsache, dass er nach wie vor davon überzeugt ist, im Recht zu sein und richtig gehandelt zu haben, betont Blettenberg. "Ich halte das System der Regresse nach wie vor für grob ungerecht und die Prüfmethoden für falsch."

Furcht vor weiteren Regressen

Der Hausarzt schließt nicht aus, dass er auch in Zukunft mit Regressen konfrontiert wird. Sie werden aber nicht existenzgefährdend sein, schätzt er. Die Patienten im "Haus Tannenberg" versorgt er weiter, allerdings nicht mehr im neurologischen Bereich, da seit Juli 2014 wieder ein Neurologe die Einrichtung versorgt.

"Aber für die hausärztlichen, internistischen, dermatologischen und augenärztlichen Verordnungen bin ich weiter zuständig."

Für den Hausärzteverband im Oberbergischen Kreis, der Blettenberg unterstützt hat, ist klar, dass der Kampf gegen die Regresse weiter gehen muss. "Das Regress-System hinterlässt einen Scherbenhaufen und klagt sich darin selber an", heißt es in einer Stellungnahme des Verbandsvorsitzenden Dr. Ralph Krolewski und seines Stellvertreters Dr. Thomas Aßmann.

Sie verweisen darauf, dass mit Stefanus Paas aus Bergneustadt bereits ein Hausarzt aus der Region seine Praxis angesichts von Prüf- und Regressbescheiden geschlossen hat.

"Allen ist klar, dass es so nicht weitergeht und auch der dringend benötigte Nachwuchs unter solchen Bedingungen nicht kommen wird", schreiben sie.

Krolewski und Aßmann bezeichnen den von Blettenberg geschlossenen Vergleich als "Rettungsmanöver". "Uns geht es zuerst darum, dass der Kollege Blettenberg mit seiner Familie, seiner Praxis und seinen Patienten und als engagierter Arzt unbeschadet aus dieser massiven Gefährdungslage herauskommt."

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