Ärzte Zeitung, 26.08.2015

In vier KV-Regionen

So viel unbezahlte Mehrarbeit leisten Ärzte

Mit ihrer Überstunden-Uhr für Vertragsärzte hat die KV Niedersachsen viel Aufmerksamkeit erregt. Das Problem gibt es auch in anderen Regionen, wie die "Ärzte Zeitung" herausgefunden hat.

Von Rebekka Höhl

So viel unbezahlte Mehrarbeit leisten Ärzte

Viele Ärzte kennen das: Überstunden.

© fotodesign-jegg.de / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Während sich KBV und Kassen in den aktuellen Honorarverhandlungen scheinbar nicht einigen können, wie der Orientierungswert und damit die Preise für die ärztlichen Leistungen im kommenden Jahr aussehen sollen, zeigt sich, dass Ärzte nach wie vor einen nicht unerheblichen Teil der Leistungen ohne Vergütung erbringen.

Die KV Niedersachsen (KVN) hat den Wert sogar in Arztstunden festgemacht und - analog zur Schuldenuhr vom Bund der Steuerzahler - einen Zähler unbezahlter Arztstunden auf ihrer Website etabliert (wir berichteten).

"Schockiert über die Zahl der KV Niedersachsen" fragte ein Hausarzt aus Bayern, ob es für seine Region nicht auch eine solche Erhebung gebe. Die "Ärzte Zeitung" hat nachgeforscht - und für vier KV-Regionen zumindest eine Einschätzung der unbezahlten Leistung erhalten.

In Niedersachsen erreichten die "unbezahlten Überstunden", wie sie die KVN nennt, allein im zweiten Quartal 2015 schon einen Wert von 1,14 Millionen. Im aktuellen Quartal standen sie Dienstagnachmittag bei über 682.300 Stunden, seit Januar 2014 - seither tickt die Arztstunden-Uhr - sogar bei über 7,49 Millionen Stunden. Wohl gemerkt, das sind die Zahlen für rund 14.000 niedersächsische Kassenärzte und -psychotherapeuten.

Rund ein Fünftel fällt unter den Tisch

Für die KV Hamburg gibt es eine solche spezielle Erhebung zwar nicht. Die KV der Hansestadt berichtet aber, es sei davon auszugehen, dass die Zahlen in Hamburg im Verhältnis ähnlich sein dürften.

Die Auszahlungsquote für die erbrachten Leistungen liege - im budgetierten Bereich - bei 80 Prozent. Damit bekommen laut Pressesprecher Dr. Jochen Kriens die Vertragsärzte und -psychotherapeuten in der Hansestadt rund ein Fünftel ihrer erbrachten Leistungen nicht vergütet.

Im Saarland sieht die Situation etwas besser aus: Über alle Arztgruppen konnte die KV hier im 4. Quartal 2014 ca. 86 Prozent der angeforderten Honorare bezahlen. Damit wurden 14 Prozent der Leistungen nicht vergütet.

Nordrhein verweist auf ein unter anderem von Professor Eberhard Wille von der Universität Mannheim erstelltes Gutachten vor rund zwei Jahren. Dies zeigte, dass ein Gutteil der Morbiditätslast in Regionen mit zunehmend alternder Bevölkerung an den niedergelassenen Ärzten hängen bleibt (wir berichteten).

Die Finanzzuweisungen von den Krankenkassen im Bereich Nordrhein lägen nach dem Gutachten zwischen 11 und 12,5 Prozent unter dem gemäß regionaler Morbidität eigentlich erforderlichen Niveau, so die KV Nordrhein.

Im Umkehrschluss bedeute dies, dass über zehn Prozent der im Bereich Nordrhein ambulant erbrachten ärztlichen Leistungen nicht entsprechend vergütet werden könnten.

Auch die KV Bayerns (KVB) kann lediglich Vergleichszahlen liefern, diese liegen jedoch im Trend der anderen KV-Regionen: Im fachärztlichen Versorgungsbereich wurden in Bayern im Jahr 2014 rund 12 Prozent der ärztlichen Leistungen in Folge der Budgetierung nicht vergütet. Das entspreche einem Honorarvolumen von etwa 80 bis 90 Millionen Euro pro Quartal.

Beträge in Millionenhöhe fehlen

Die KV Niedersachsen hatte fürs Jahr 2013 einmal den Wert in Euro ermittelt: Über 4,265 Millionen unbezahlte Überstunden schoben die Vertragsärzte und -psychotherapeuten damals. Damit wurden 26,7 Prozent aller erbrachten Leistungen nicht vergütet - Mehrarbeit im Wert von 230 Millionen Euro.

Dabei kalkuliert die KVN übrigens mit einem Stundensatz von 54 Euro, denn dieses Honorar zahlt sie etwa auch beratenden Ärzten der KV. Anhand der Abrechnung ermittelt die KV die nicht bezahlten Leistungen und multipliziert sie mit dem Zeitbedarf und anschließend mit dem Stundenhonorar.

Zum Vergleich: Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) hat im aktuellen Jahresbericht zu seinem PraxisPanel im Schnitt 61,61 Euro als Jahresüberschuss je Praxisinhaber je Arbeitsstunde ausgewiesen (die Daten beruhen auf den Erhebungen der Jahre 2009 bis 2011).

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