Ärzte Zeitung, 24.09.2015

Kommentar zum Honorarbeschluss

Zu Recht lange Gesichter bei Ärzten?

Von Hauke Gerlof

Der letzte größere Sprung beim vertragsärztlichen Honorar ist schon eine Weile her. 2009 war es, mitten in der Finanz- und Wirtschaftskrise, als die Ärzte nach Jahren unter dem Deckel der mickrigen Steigerung der Grundlohnsumme für langes Warten (teil-)entschädigt wurden.

Die Bundesregierung erreichte damit, dass im Vorfeld der Bundestagswahl an dieser Front zumindest Ruhe herrschte. Denn der Druck auf dem Kessel bei den Ärzten war damals erheblich.

Seit 2009 bewegen sich die Honorarsteigerungen wieder im überschaubaren Bereich, mal leicht über der Inflationsrate, mal leicht darunter.

So ist es auch mit dem Honorarbeschluss des Bewertungsausschusses für 2016: Der Preis für vertragsärztliche und -psychotherapeutische Leistungen - ausgedrückt durch den Orientierungswert - steigt um 1,6 Prozent.

Das ist unterhalb der Zielsetzung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, die eine Steigerung von knapp 2,6 Prozent angestrebt hatte.

Zählen die Ärzte im Wirtschaftsaufschwung also zu den Verlierern?

Es liegt auch niedriger als viele Tarifabschlüsse für Arbeitnehmer in anderen Branchen. Zählen die Ärzte im aktuellen Wirtschaftsaufschwung also zu den Verlierern?

Sind die langen Gesichter in den Ärzteverbänden - auch weil die Kosten in den Praxen zuletzt deutlich schneller gestiegen sind - gerechtfertigt?

Ganz so einfach ist es nicht. Über die Morbiditäts- und Demografiekomponente, die bereits vor einigen Wochen ausgehandelt worden ist, haben die Ärzte zusätzlich 250 Millionen Euro zugesprochen bekommen.

Die Morbiditätsbedingte Gesamtvergütung erhöht sich dadurch insgesamt nach Rechnung der KBV insgesamt um rund 2,6 Prozent.

Dafür müssen die Ärzte natürlich auch mehr arbeiten, weil Patienten mit mehr Krankheiten eine intensivere Betreuung benötigen. Komplizierter wird die ganze Sache noch dadurch, dass die Morbiditätsrate in den KVen regional ausgehandelt wird.

Teilweise steuerbar, wie hoch das Einkommen wird

Beim extrabudgetären Honorar zieht nur der Preiseffekt über den Punktwert, allerdings haben die Ärzte bei diesen Leistungen die Mengenentwicklung selbst in der Hand und könnten - erwünscht etwa bei Impfungen oder Prävention - so ihre Umsätze erhöhen.

Abseits der Versorgungsnotwendigkeiten gibt es immer noch die Möglichkeit, jedenfalls teilweise selbst zu steuern, wie hoch das Einkommen wird.

Gemessen werden kann der Abschluss über das Honorar aber auch an den versorgungspolitischen Zielen der KBV. So ist es nicht gelungen, weitere Leistungen, die für die Versorgung wichtig werden, aus dem Budget herauszunehmen.

Das ist bei geriatrischen Leistungen beispielsweise durchaus ein Manko. Die Ausdeckelung weiterer Leistungen sollte für die KBV für die kommenden Jahre auf der Agenda bleiben.

[25.09.2015, 11:55:16]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Willkommen in der Förderschule der KBV und des SpiBu
Über den Daumen gepeilt schätzt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) ein vertragsärztliches und -psychotherapeutisches Umsatzplus von 800.000 Euro für 2016. Der Spitzenverband Bund (SpiBu) der Gesetzlichen Krankenkassen konfabuliert dazu: "Ärzte bekommen 3,8 Prozent mehr", was insgesamt angeblich 1,35 Milliarden Euro mehr entsprechen soll. Die KBV echot orientierungslos, der Orientierungswert steige nur um 1,6 Prozent von 10,2718 auf 10,4361 Cent.

Fragt man diese Funktionärseliten allerdings, was so ein prozentuales Honorartheater zu bedeuten hat, bekommt man vermutlich die Antwort, Prozentangaben bezögen sich auf "von Hundert". Doch von w e l c h e n "Hundert“ ist hier eigentlich die Rede? Eine Honorarsteigerung, sei sie auch noch so klein, kann sich doch nur auf das tatsächlich erreichte Honorarvolumen des Vorjahres beziehen? Doch offizielle Zahlen über die Umsätze für die GKV-Versorgungsvertrags-Behandlungen a l l e r gesetzlich Versicherten in Höhe von 33,43 Milliarden Euro liegen nur für 2014 vor.

Und genau an dieser Stelle hapert es mit der Logik und den erweiterten Grundrechenarten bei allen Beteiligten: Im l a u f e n d e n Jahresbetrieb gerade noch am Ende des 3. Quartals, kann niemand allen Ernstes behaupten, es sei eine Honorar-Steigerung für 2016 drin, o h n e die Ausgangsdaten von 2015 auch nur erahnen zu können.

Ohne Jahresabschluss kann man für das Folgejahr gar keine Abschlüsse verhandeln, geschweige denn präsentieren. I-Tüpfelchen: Die Endabrechnung des noch kommenden 4. Quartals findet erst im 2. Quartal 2016 statt. Zeit genug, um uns vertragsärztliches und -psychotherapeutisch Tätigen noch mehr Sand in die Augen zu streuen?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

PS.: Wissen Sie, welchen Anteil die neu verhandelten morbiditätsbedingten Steigerungen von 250 Millionen Euro an der Gesamtvergütung von 2014 darstellen? Genau 0,75 Prozent ist den GKV-Kassen die zunehmende Morbiditätslast ihrer Versicherten wert!
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Werden europäische Männer immer unfruchtbarer?

Männern haben immer weniger Spermien. Direkte Rückschlüsse auf Fruchtbarkeit erlaubt das nicht – es könnte aber nur die Spitze eines Eisbergs gesundheitlicher Probleme sein. mehr »

Psychotherapie soll künftig Unifach werden

Ein einheitliches Berufsbild, Studium an der Uni. Die Psychotherapeutenausbildung steht vor umwälzenden Veränderungen. Kritiker vermissen beim Entwurf aber Konkretes zum Thema Weiterbildung. mehr »

Ist die menschliche Entwicklung am Ende?

Über Hunderttausende von Jahren ist der Mensch zu dem geworden, was er heute ist. Und nun? Ein Grimme-Preisträger fragt sich, ob Unsterblichkeit erstrebenswert ist und wohin uns die Evolution führen wird - oder kann der Mensch sie austricksen? mehr »