Ärzte Zeitung, 20.05.2016

PVS-Chef

"Die GOÄ-Analyse schafft eine neue Basis"

Mit strukturierten Abrechnungsdaten, erstellt von einem GOÄ-Institut, wollen die Privatärztlichen Verrechnungsstellen den GOÄ-Novellierungsprozess voranbringen. Wie das gehen soll, erläutert Stefan Tilgner, Geschäftsführer des PVS-Verbands, im Interview.

Stefan Tilgner

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© PVS

Aktuelle Position: Geschäftsführendes Mitglied im Vorstand des PVS Verbandes (1999)

Werdegang: Studium der Politischen Wissenschaften in Bonn, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag, Fachreferent Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der KZBV

Das Interview führte Hauke Gerlof

Ärzte Zeitung:Herr Tilgner, das neue GOÄ-Institut soll repräsentative Abrechnungsdaten der Privatärztlichen Verrechnungsstellen zur Verfügung stellen. Wieso kommt Ihnen diese Idee erst jetzt? Wäre das für die GOÄ-Novellierung nicht viel früher nötig gewesen?

Stefan Tilgner: Die Idee ist für uns als PVS nicht neu. Denn natürlich ist uns bewusst, dass keine andere Institution über eine so breite Datenbasis verfügt wie wir als Privatärztliche Verrechnungsstellen im Verband. Insofern sehen wir hierin auch eine Verpflichtung.

Auch die Bereitstellung strukturierter Abrechnungsdaten wird bei uns schon länger diskutiert. Angefragt wurde diese Art von Datenaufbereitung im Prozess der GOÄ-Novellierung allerdings bisher nicht.

Dennoch haben wir die GOÄ-Novelle immer im Rahmen unserer Möglichkeiten unterstützt. Eine Atempause in der Unterstützung gab es Anfang des Jahres, als die allgemeine gesundheitspolitische Diskussion zur GOÄ-Novelle eine Schieflage bekam und das auch auf unsere Unterstützungsleistungen abfärbte.

 Der beschlossene Neustart der GOÄ-Novelle bedeutet daher auch für uns eine Zäsur und einen Neustart des ins Stocken geratenen Unterstützungsprozesses. Den stellen wir nun mit der GOÄ-Analyse auf eine neue Basis.

In welcher Rolle sehen Sie die PVS in der Diskussion um die neue GOÄ?

Die PVS kann eine erfolgreiche Ausarbeitung der GOÄ-Novelle unterstützen und befördern, da die von uns angebotene GOÄ-Analyse von unseren Experten auf Grundlage der strukturierten und repräsentativen Abrechnungsdaten erarbeitet wird. Dies ist gemeinsam mit der Stiftung Privatmedizin unser klares Angebot. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Als Teil der Selbstverwaltung verstehen wir uns dadurch allerdings nicht. Das entspricht nicht unserem Selbstverständnis. Wir sehen für uns als ärztliche Selbsthilfeeinrichtung im Interesse unserer Mitglieder die Verpflichtung, die Selbstverwaltung da zu unterstützen und zu beraten, wo unsere Kernkompetenz ist. Und das ist nun einmal das Thema GOÄ.

Welche Daten soll das Institut genau analysieren? Welchen Beitrag kann das GOÄ-Institut leisten bei der Erarbeitung eines Datenmodells für die neue GOÄ?

Die GOÄ-Analyse greift auf die PVS-Abrechnungsdaten zurück. Analysen sind nach Fachbereich (z.B. Allgemeinmedizin und Orthopädie), nach Vertragstyp (z.B. PKV-Unternehmen und Beihilfe), nach Behandlungsart (z.B. ambulant und stationär) und natürlich nach GOÄ-Ziffer möglich.

Die GOÄ-Analyse wird in eine "ex-post" GOÄ-Analyse und in eine "ex-ante" GOÄ-Analyse unterschieden. Die "ex-post" GOÄ-Analyse ist die "klassische" GOÄ-Nachhinein-Analyse, anhand derer wir den zeitlichen Verlauf des Abrechnungsgeschehens analysieren können.

Die "ex-ante" GOÄ-Analyse ermöglicht es uns, Gestaltungsoptionen für die Neuentwicklung der GOÄ zu bewerten, zum Beispiel über Simulationsrechnungen. Darüber hinaus unterstützen unsere Experten inhaltlich bei der Entwicklung von Gestaltungsoptionen sowie deren Interpretation.

 Die Daten der Privaten Krankenversicherung, sofern zugänglich, können in den Rahmen der GOÄ-Analyse eingelesen und weiterverarbeitet werden. Diese Aufgabe wird vom Institut für Mikrodaten-Analyse (IfMDA) übernommen.

Wie erreichen Sie eine Repräsentativität der Daten? Rechnen PVS-Mitglieder im Schnitt genauso ab wie Ärzte, die ihre Abrechnung selbst oder über andere Dienstleister machen?

Da die Verrechnungsstellen über einen sehr großen Datenfundus verfügen, kann schon alleine darüber eine Repräsentativität erreicht werden. Dennoch wird die Repräsentativität der Daten durch Stichproben-, Analyse- und Hochrechnungs-Konzepte am Institut für Mikrodaten-Analyse (IfMDA) begleitet.

Unsere Erfahrungen zeigen, dass in unserem großen Datenfundus alle Abrechnungsarten und -typen vorhanden sind und damit im Durchschnitt die durchschnittliche Abrechnung im Vordergrund steht. Und was die Art und Weise der Abrechnung angeht, so gilt, dass alle dem PVS-Verband angeschlossenen Verrechnungsstellen in ihrer Arbeit unseren Abrechnungskodex anerkennen.

Die Abrechnungen werden strikt nach der GOÄ unter Berücksichtigung der aktuellen Rechtsprechung erstellt.Die Verrechnungsstellen sind ja vom Ursprung her eigentlich eher eine Domäne der niedergelassenen Ärzte. Haben Sie aus den Krankenhäusern auch so viele Abrechnungsdaten, dass Sie eine repräsentative Datenzusammenstellung für die Analyse erreichen? Oder wollen Sie in diesem Bereich noch mit anderen Partnern zusammenarbeiten?

Wir sind zweifellos recht stark im niedergelassenen Bereich. Allerdings verfügen wir auch für den stationären Bereich über einen sehr großen Datenfundus. Auch im stationären Bereich können wir ohne Weiteres repräsentative Daten zur Verfügung stellen. Dennoch steht die GOÄ-Analyse für Gespräche mit allen möglichen Partnern offen. Im Vordergrund steht die Erarbeitung von Analysestrukturen für eine herausragende GOÄ-Datenbasis. Wird dies von möglichen Partnern unterstützt, verhalten wir uns da offen und undogmatisch.

Welche Aufgabe genau übernimmt das Institut für Mikrodaten-Analyse? Liefern Sie die Rohdaten und das Institut analysiert?

Das Institut für Mikrodaten-Analyse (IfMDA) fungiert bei der GOÄ-Analyse als Treuhänder: Die Daten und Analysen werden dorthin ausgelagert, um eine wissenschaftliche, neutrale und unabhängige Auswertung sicherzustellen. Dort werden auf Grundlage der Mikrodaten, das sind letztendlich die Rohdaten, Daten-Analysen, Modellierungen, Hochrechnungen und Simulationen umgesetzt.

Wie wird sich das GOÄ-Institut finanzieren?

Wichtig ist, dass die Abrechnungsdaten nicht verkauft, sondern von der PVS über die GOÄ-Analyse in der gemeinnützig konzipierten GO Datenconsult GmbH entgeltfrei bereitgestellt werden. Dies sehen wir als Privatärztliche Verrechnungsstellen im Verband als unseren Auftrag und unsere Verpflichtung im Interesse der Ärzteschaft. Allerdings ist der Zusatzaufwand, der für unsere Experten und für den Datenanalyse-Prozess zusätzlich zum Alltagsgeschäft anfällt, auf Selbstkostenbasis zu finanzieren.

Wer steht eigentlich hinter der Stiftung Privatmedizin, die ja zusammen mit dem PVS-Verband Träger des GOÄ-Instituts sein wird?

Das ist kein Geheimnis. Die Stiftung Privatmedizin wurde Ende 2012 auf Initiative der PVS ins Leben gerufen. Wir erleben, wie der Staat immer weiter in das Behandlungsgeschehen eingreift, Behandlungsoptionen sich immer mehr an Finanzierungsfragen als an den Bedürfnissen der Patienten ausrichten. Dem wollen wir etwas entgegensetzen.

Deshalb haben wir den Anstoß für die Stiftung gegeben, die sich für ein Gesundheitswesen einsetzt, das Entscheidungsfreiheit zulässt, und dem vertrauensvollen Verhältnis zwischen Arzt und Patient Raum gibt. Mittlerweile konnten weitere Zustifter und Spender aus allen Teilen der Gesellschaft, nicht nur aus dem Gesundheitswesen, gewonnen werden. So falsch kann der Ansatz der Stiftung also nicht sein, Gesundheit einmal losgelöst von reinen Kostendebatten zu führen.

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