Ärzte Zeitung, 27.09.2016

Medikationsplan

"Ein-Euro-Job" für Hausärzte

Viel Arbeit, geringe Vergütung und Unsicherheiten in der Verantwortlichkeit: Das Urteil der Hausärzte über den Medikationsplan ist eindeutig.

Von Anno Fricke und Wolfgang van den Bergh

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Der Hausarzt ist zuständig für den Medikationsplan.

© Kzenon / fotolia.com

BERLIN. Gut eine Woche vor der Einführung des Medikationsplans bestehen in der Ärzteschaft weiterhin tiefe Zweifel an dem Projekt. "Ich glaube, dass der Medikationsplan eher nicht erfolgreich sein wird", sagte der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands Ulrich Weigeldt bei einer Pressekonferenz in Berlin.

Ab Oktober haben Patienten, die drei oder mehr Medikamente einnehmen, einen Anspruch auf einen Medikationsplan. In der Regel werden die Hausärzte dafür zuständig sein, die Pläne zu erstellen und zu aktualisieren. Das wissenschaftliche Institut der AOK geht davon aus, dass 20 Millionen Patienten anspruchsberechtigt sein werden.

Hausärzte sind enttäuscht

In der vergangenen Woche haben sich Vertragsärzte und die Kassen auf eine extrabudgetäre Vergütung von 163 Millionen Euro im Jahr für diesen Posten geeinigt. "Das wird ein Ein-Euro-Job für die Hausärzte", zeigte sich Weigeldt enttäuscht von diesem Ergebnis.

Die Vertreterin der Hausarztinteressen in der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Regina Feldmann, hatte das Verhandlungsergebnis zuvor noch als " guten Einstieg" bezeichnet. Es müsse jedoch nachverhandelt werden.

Kritik übte Weigeldt auch an der Organisation des Vorhabens. "Wenn ein Medikationsplan Sinn machen soll, dann muss er an einer Stelle verantwortlich geführt werden," sagte er. Beteiligt sind tatsächlich zusätzlich Fachärzte, Krankenhäuser und Apotheker. Dass Patienten nicht verpflichtet seien, ihre Medikation komplett anzugeben, schaffe Verantwortungsprobleme, sagte Weigeldt.

Klare Forderungen

Der Hausärzteverband geht mit klaren Forderungen ins Wahljahr 2017. Teilnehmer an der hausarztzentrierten Versorgung (HZV) sollten dafür einen Bonus erhalten, sagte Weigeldt. Die Krankenkassen sollten vom Gesetzgeber verpflichtet werden, für die Versicherten in der HZV besondere Satzungsleistungen vorzusehen. Im Blick haben die Hausärzte dafür zum Beispiel eine Befreiung von der Zuzahlung für Medikamente.

Die Evaluation der HZV in Baden-Württemberg hat gezeigt, dass durch sie die Zahl der Haus- und Facharztbesuche sowie Krankenhauseinweisungen reduziert werden kann.

Weigeldt distanzierte sich von politischen Vorstellungen der Kassenärztlichen Vereinigungen zur Patientensteuerung. Das Konzept der KVen "KBV 2020" sieht ebenfalls differenzierte Tarife in der gesetzlichen Krankenversicherung vor. Die uneingeschränkte Inanspruchnahme der ambulanten ärztlichen Versorgung nach dem status quo soll demnach mit einem Malus belegt werden.

Stärkung der Allgemeinmedizin

Die Allgemeinmedizin unter Studierenden besser bekannt zu machen, ist eine weitere politische Forderung der Hausärzte. Mit dem "Masterplan Medizinstudium 2020" gebe es nun die Voraussetzungen dafür.

Zum Beispiel könne die überfällige Aufnahme der Allgemeinmedizin in den Prüfungskanon des letzten Staatsexamens für angehende Ärzte die Bedeutung des Fachs im Bewusstsein der Studierenden aufwerten. Er gehe zudem davon aus, dass künftig im praktischen Jahr wenigstens ein Quartal in einer vertragsärztlichen Praxis abgeleistet werden müsse.

In der Eröffnungsveranstaltung zum 38. Deutschen Hausärztetag am Donnerstagabend bekräftige Karl-Josef Laumann das Engagement dieser Regierung für die hausärztliche Versorgung und erinnerte an die von der Koalition veranlasste Förderung des Ausbildungssystems.

In Zukunft dürfe es keine medizinische Fakultät ohne Professur für Allgemeinmedizin geben, forderte der Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium. Mit Blick auf die Bedarfsplanung warnte er davor anzunehmen, die hausärztliche Grundversorgung auf dem Land ersatzweise etwa durch Schwestern sicherstellen zu können.

Hausärzte seien mittlerweile viel mehr als reine Basisversorger. Daher sollten sie auch einen viel höheren Stellenwert in der Versorgung haben, so Laumann. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach bekräftigte in diesem Zusammenhang seine Forderung nach einem Primärarztsystem.

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