Ärzte Zeitung, 30.09.2016

Totenschein

Auch Fremdanamnese ist tabu

Die Vergütung der Leichenschau wird schon seit langem als unzureichend empfunden. Kreative Aufwertungsversuche sind trotzdem nicht erlaubt.

BERLIN. Die Linksfraktion im Bundestag setzt sich dafür ein, dass die Leichenschau in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen wird. Mitte August hatte die Bundesregierung einem entsprechenden Vorschlag eine Absage erteilt.

Gleichwohl hält das Interesse an dem Thema bei Linken-Abgeordneten an. So erkundigte sich unlängst Harald Weinberg bei der Bundesregierung nach konkreten Details zur Privatliquidation der Leichenschau.

Weinberg wollte wissen, ob anlässlich der Todesfeststellung zusätzlich zur einschlägigen GOÄ-Gebührenordnungsposition 100 ("Leichenschau") auch die GOP 4 ("Erhebung der Fremdanamnese über einen Kranken und/oder Unterweisung und Führung der Bezugsperson(en) im Zusammenhang mit der Behandlung eines Kranken") angesetzt werden darf.

Darf sie nicht, lautet die Antwort von Annette Widmann-Mauz. "Eine gegebenenfalls notwendige Befragung von Angehörigen", so die Parlamentarischen Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, "ist bereits Teil der Grundleistung nach Ziffer 100".

Anlass der Anfrage Weinbergs seien Hinweise eines Bestattungsunternehmers gewesen, der von seinen Kunden wiederholt mit überhöhten ärztlichen Abrechnungen der Leichenschau konfrontiert worden sei, insbesondere mit dem Ansatz der Fremdanamnese neben der GOP 100, so eine Sprecherin des Abgeordneten.

Aus der Ärzteschaft wird schon seit Jahren die unzureichende Honorierung der Leichenschau beklagt. Neben der Fremdanamnese gehört auch der Besuch mit symptombezogener Untersuchung (GOP 50) zu den häufiger gewählten GOÄ-Ziffern, mit denen die Leichenschau durch den einen oder anderen Leistungserbringer gerne aufgewertet wird. Eine Honoraranpassung wird derzeit im Zuge der GOÄ-Reform verhandelt.

Legitim abrechnen lässt sich einstweilen weiterhin nur die GOP 100 mit entsprechenden Faktoren sowie das Wegegeld nach Paragraf 8 der GOÄ. Zuschläge für Sonn- und Feiertage sind hier ebenso untersagt wie der Befundbericht nach GOP 75. (cw)

[30.09.2016, 10:34:50]
Bernhard Kleinken 
Nr. 4 neben Nr. 100 GOÄ
Nach GOÄ ist das vergütet, was Inhalt der Leistungslegende oder davon eine "besondere Ausführung" ist (§ 4 Abs. 2a GOÄ). Wenn man das auf die Leistungsbeschreibung nach Nr. 100 GOÄ anwendet, findet sich der nach den Bestattungsgesetzen vorgeschriebene „Einbezug weiterer Erkenntnisse, die für
das Behandlungs- und Todesgeschehen relevant sein könnten", hier durch Befragung von Angehörigen oder anderen Bezugspersonen, darin nicht.

Wer allerdings "Experte" im politischen Raum ist, begreift den Unterschied zwischen "Komplexleistung" und Einzelleistungsvergütung unter Anwendung der GOÄ-Bestimmungen nicht.

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