Ärzte Zeitung online, 28.08.2008

Jede dritte Ehe wird geschieden - öfter auch nach der Silberhochzeit

FRANKFURT AM MAIN (dpa). Oscar-Preisträger Robin Williams, Ex- Genesis-Star Phil Collins und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy: Nicht nur unter Prominenten aus aller Welt sind Scheidungen längst an der Tagesordnung. In Deutschland geht etwa jede dritte Ehe irgendwann in die Brüche.

"Scheidung ist kein Tabu mehr, sondern wird in allen Gesellschaftsschichten praktiziert", sagt der Vizepräsident der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Jugend- und Eheberatung, Berend Groeneveld.

Die absoluten Scheidungszahlen sind 2007 zwar erneut leicht gesunken - im Vergleich zum Vorjahr um zwei Prozent auf 187 100. "Die Zahl der Verheirateten ist aber auch deutlich zurückgegangen", sagt Martin Conrad vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden. Harald Rost vom Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg ergänzt: "Und die Heiratsneigung geht ebenfalls zurück."

Unter den Paaren, die vor den Scheidungsrichter treten, hätten immer mehr die Silberhochzeit schon fast erreicht oder sogar hinter sich, berichten Paarberater. "Es werden immer häufiger Langzeitehen geschieden", sagt Rost. Wenn die Kinder aus dem Haus seien, falle für viele der letzte Grund weg, zusammenzubleiben.

Statistiker Conrad hat dafür allerdings noch keinen bundesweiten Beleg. 60 Prozent der Ehescheidungen finden seinen Angaben zufolge in den ersten 15 Jahren statt. Die Tendenz zu einer längeren Ehedauer bis zur Scheidung setzte sich aber fort. Bei 13,9 Jahren lag der Durchschnitt im vergangenen Jahr. Die meisten Ehen gehen im fünften Jahr auseinander, wenn die Trennungsabsicht mindestens schon ein Jahr alt ist. "In den ersten zwei Jahren passiert hingegen wenig."

Die Geburt des ersten und noch mehr des zweiten Kindes ist nach Erkenntnissen des Bielefelder Psychologen Detlef Vetter oft der Anlass für eine Trennung. "Bei vielen Paaren geht es dann drunter und drüber. Die meisten sind schlecht darauf vorbereitet." Vor allem junge Väter hätten in den ersten Jahren weniger Kontakte für den Austausch ihrer Probleme als die Mütter, etwa über Still- und Krabbelgruppen. "Viele denken dann auch noch, sie müssten jetzt bauen."

Die Fachleute sehen aber auch einen grundlegenden Wandel der Institution Ehe. Soziologe Rost sagt: "Die Ehe ist zur Option geworden." Der gesellschaftliche Druck, heiraten zu müssen, sei weggefallen. Die Ansprüche hätten sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert. Studien zeigten, dass die Partner eine harmonische Beziehung, ihren eigenen Freiraum und Zeit zur Selbstverwirklichung von der Partnerschaft erwarteten.

Vetter vom Bielefelder Institut für Paartherapie ergänzt: "Die Glückserwartung, die ich an mein Leben habe, konzentriert sich sehr auf den privaten Bereich und die Beziehung." Strukturelle Gründe für die Ehe wie Religion und Moral aber auch ökonomische Abhängigkeit seien in den Hintergrund getreten. "Die Frauen sind emanzipierter und warten nicht mehr so lange, bis sich der Mann bewegt." Diese Veränderungen zeigten sich auch nach der Silberhochzeit immer stärker: Die neuen Alten wollten mehr vom Leben. Die Einstellung: "Die letzten zehn Jahre kriegen wir auch noch hin" sei seltener geworden.

Psychotherapeut Groeneveld aus Detmold ergänzt: "Wenn die Kinder weg sind und der Mann plötzlich Tag für Tag zu Hause ist" werde es bei vielen auch nach 25 oder 30 Ehejahren kritisch. Seit etwa fünf Jahren entschieden sich immer mehr ältere Paare zur Trennung. Aber der Fachmann hat noch einen anderen Trend ausgemacht: "Einen wachsenden Anteil an Wiederversöhnungsphasen in der Trennungszeit. Viele trennen sich letztlich doch nicht dauerhaft." Sie wollten einen Neuanfang unter fachlicher Begleitung, weil ihre Sehnsüchte anderswo auch nicht erfüllt wurden.

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