Ärzte Zeitung online, 23.04.2009

IWF: Deutsche Wirtschaft stürzt brutal ab - Tiefe Rezession global

WASHINGTON/BERLIN (dpa). Brutaler Wirtschaftsabsturz in Deutschland, die Welt in tiefer Rezession: Der Internationale Währungsfonds IWF hat in seinem jüngsten Weltwirtschaftsausblick ein rabenschwarzes Krisenbild gezeichnet. Demnach schrumpft die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr um katastrophale 5,6 Prozent, global rechnet der Fonds mit einem Minus von 1,3 Prozent - die mit weitem Abstand schwerste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. "Wir stecken in der Mitte von etwas, das einer Depression sehr nahe kommt", betonte IWF-Chefökonom Olivier Blanchard.

Weltweit sei 2010 aber wieder mit einem leichten Wachstum von 1,9 Prozent zu rechnen, heißt es in der am Mittwoch in Washington vorgelegten IWF-Prognose. Nicht so in Deutschland: Dort soll die Wirtschaft erneut schrumpfen, diesmal um ein Prozent.

"Die vom IWF vorgelegten Zahlen sind aus unserer Sicht nicht unplausibel", sagte Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen am Mittwoch in Berlin. Ein Grund für die düstere Konjunkturprognose für Deutschland ist laut Asmussen die extrem hohe Abhängigkeit der Bundesrepublik von der Weltwirtschaft. Hinzu komme die Struktur der deutschen Exporte.

Der Weltwährungsfonds riet Deutschland derweil zu weiteren Schritten, um die Konjunktur anzukurbeln. "Deutschland hat den Spielraum dazu und sollte es in Erwägung ziehen", sagte IWF-Ökonom Jörg Decressin. Die Bundesrepublik habe in guten Zeiten ihre Hausaufgaben gemacht und können nun in schlechten Zeiten davon profitieren. Allerdings habe Deutschland bereits "erhebliche" Anstrengungen im Kampf gegen die Krise unternommen.

In der Eurozone stürzt in diesem Jahr laut IWF mit Minus acht Prozent nur noch die irische Wirtschaft schwerer ab als die deutsche. Der Weltwährungsfonds korrigierte in seinem Wirtschaftsausblick praktisch alle im Januar getroffenen Länderprognosen erheblich nach unten, mit am deutlichsten dabei für Deutschland.

In den USA als Ausgangspunkt der Krise erwartet der Fonds, dass die Wirtschaft in diesem Jahr um 2,8 Prozent schrumpft und sich 2010 ein Nullwachstum einstellt. Für die Eurozone prognostiziert der IWF 2009 ein Minus von 4,2 Prozent, gefolgt von minus 0,4 Prozent 2010.

Auch die Entwicklungs- und Schwellenländer bekommen die Krise mit voller Wucht zu spüren: Dort erwartet der Fonds in diesem Jahr nur noch ein Wachstum von 1,6 Prozent. 2010 sollen diese Staaten aber schon wieder um 4 Prozent zulegen. Das stärkste Wachstum erwartet der Fonds derweil im kommenden Jahr in den asiatischen Schwellenländern (plus 6,1 Prozent), China (plus 7,5 Prozent) und Indien (plus 5,6 Prozent).

Immerhin rechnet der IWF damit, dass sich die weltweite Konjunkturtalfahrt in laufenden Quartal verlangsamt. Mit einem erwarteten weltweiten Wachstum von 1,9 Prozent im kommenden falle die Erholung der globalen Wirtschaft voraussichtlich aber schwächer aus als nach früheren Abschwüngen. Grund sei die Kombination von Finanzkrise und einem gleichzeitigen, globalen Konjunktureinbruch. Aber schon diese Prognose sei "von großen Unsicherheiten geprägt." Selbst wenn die Krise vorüber ist, erwarten die IWF-Experten eine "schwierige Übergangsphase", in die Wirtschaftsleistung deutlich unter dem bleibe, was Länder aus der Vergangenheit gewohnt waren.

Eine echte Kehrtwende wird sich laut Fonds erst einstellen, wenn der Kampf gegen die Krise im Finanzsektor forciert und die Nachfrage stärker angekurbelt werde. Den bisherigen Maßnahmen sei es bislang nicht gelungen, die "zerstörerische Wechselwirkung" von Konjunkturabschwung und der Krise in der Finanzwirtschaft zu unterbrechen, kritisiert der Fonds. Gehe die Politik die grundlegenden Probleme nicht massiv genug an, drohe sich die Krise in die Länge zu ziehen und noch teurer als bisher schon zu werden.

Der IWF warnte die Staatengemeinschaft überdies eindringlich, zu protektionistischen Maßnahmen zu greifen. Die 30er Jahre hätten gezeigt, dass dies "gewaltigen Schaden" zur Folge habe.

Oberste Priorität für die Politik muss laut Weltwährungsfonds die Neuordnung des Finanzsektors haben. Überlebensfähige Banken sollten mit frischem Geld ausgestattet werden, auch wenn dies eine vorübergehende Verstaatlichung bedeute. Todgeweihte Geldinstitute sollten unterdessen schnell geschlossen oder mit anderen Institutionen verschmolzen werden. An der geldpolitischen Front rät der Fonds den Zentralbanken, jeden verfügbaren Raum für Zinssenkungen schnell zu nutzen. In einer zunehmenden Zahl Fälle müssten Notenbanken ihre Bilanzen ausweiten, also Geld drucken.

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